Fachthema

Urogynäkologie und Hormone

Jatros, 24.05.2018

Autor:
Univ.-Doz. Dr. Barbara Bodner-Adler, MBA, MSc
Abteilung für Allgemeine Gynäkologie und Gynäkologische Onkologie
Universitätsfrauenklinik Wien
E-Mail: barbara.bodner-adler@meduniwien.ac.at

Gynäkologie & Geburtshilfe | Onkologie

Bei 40% der postmenopausalen Frauen tritt eine Beckenboden­funktionsstörung (z.B. Harninkontinenz, Beckenorganprolaps etc.) auf, zusätzlich leidet die Hälfte aller postmenopausalen Frauen unter den Symptomen einer vaginalen Atrophie.

Keypoints

  • Lokales E2 in Form von Cremen, Pessaren, vaginalen Tabletten, Ringen etc. ist effektiv und sicher in der Behandlung der Symptome der Vaginalatrophie in einer Dosierung von 10mcg und mehr.
  • Sinnvoll auch bei HI mit subjektiv weniger Inkontinenzbeschwerden bei Patientinnen mit OAB und SUI (kombinierte Therapie mit BBT +/– Anticholinergika empfohlen)
  • Präoperative lokale Östrogengabe vor einer Deszensus-OP sinnvoll – weniger frühe postoperative HWI
  • Lokale postoperative E2-Gabe nach TVT-OP sinnvoll – verminderter Harndrang und verminderte Miktionsfrequenz
  • Keine Evidenz für lokale Östrogene in Therapie und Prävention von BOP
  • Bestmögliche Dosierung und Langzeiteffekt unklar
  • Systemische HRT verschlechtert Inkontinenzsymptome oder Neuentwicklung tritt auf – Aufklärung!

Immunhistochemische Studien konnten Östrogenrezeptoren im kleinen Becken, speziell im Gewebe der Scheide, der Blase, der Urethra und der Beckenbodenmuskulatur, nachweisen. Die Funktion der Östrogene im kleinen Becken ist im Wesentlichen eine unterstützende, indem sie die Synthese und den Abbau von Kollagen regulieren. Weiters ist der weibliche Kontinenzmechanismus östrogensensitiv. Östrogene verbessern den urethralen Widerstand durch einen Anstieg der Anzahl an periurethralen Gefäßen, außerdem führen sie zu einer Reduktion der Frequenz und Amplitude von Detrusorkontraktionen und begünstigen somit die Detrusorrelaxation. Aus all diesen Gründen ist die Verringerung der Östrogene nach der Menopause ein wichtiger ätiologischer Faktor für das Auftreten von Beckenboden(BB)-Funktionsstörungen.

Zirkulierende endogene Sexualsteroide und BB-Funktionsstörungen

Der Zusammenhang zwischen zirkulierenden endogenen Sexualsteroiden im Blut und dem Auftreten einer Beckenbodenfunktionsstörung ist nach wie vor unklar. In der Literatur liegen unterschiedliche Ergebnisse vor, ob und wenn ja, welchen Einfluss endogen zirkulierende Sexualsteroide auf die Erkrankungsbilder Belastungsinkontinenz (SUI) und Beckenorganprolaps (BOP, Abb. 1) ausüben. Sowohl negative als auch positive Korrelationen zwischen Hormonparametern im Blut und den Erkrankungsbildern SUI und BOP wurden in verschiedenen Studien beschrieben.

Lokale Östrogengabe in der Therapie von BB-Funktionsstörungen

Ein systematischer Review (SR) von Weber et al. mit über 50 RCT untersuchte die lokale Östrogengabe bei der Behandlung von Beckenbodenfunktionsstörungen (Vaginalatrophie, Harninkontinenz, Beckenorganprolaps). Zusammenfassend konnten die Autoren zeigen, dass die lokale Östrogengabe effektiv und sicher in der Behandlung der Symptome der Vaginal­atrophie ist (in einer Dosierung von 10mcg und mehr, unabhängig von der lokalen Verabreichungsform). Weiters kam es unter der lokalen E2-Gabe zu deutlich weniger subjektiven Inkontinenzbeschwerden sowohl bei OAB (überaktive Blase) als auch SUI (Belastungsinkontinenz) im Vergleich zu Placebo. Aufgrund der fehlenden Evidenz konnte keine Aussage bezüglich lokaler Östrogengabe in der Therapie und Prävention von Beckenorganprolaps (BOP) getroffen werden. Ein SR von Rahn et al. untersuchte zusätzlich den Einsatz lokaler Östrogene vor einer geplanten Deszensus-OP sowie postoperativ nach einer suburethralen Schlingen-OP bei postmenopausalen Patientinnen. 12 RCT konnten inkludiert werden, wobei die Evidenz der inkludierten Studien als „poor-moderate“ beurteilt wurde. Im Wesentlichen zeigten sich bei Patientinnen, welche im Durchschnitt zwischen 2 und 12 Wochen eine lokale Östrogengabe vor einer Deszensus-OP erhielten, ein verbesserter vaginaler Reife­index und eine erhöhte Vaginalepitheldicke zum Zeitpunkt der Operation. Weiters wurden (innerhalb des 1. Monats nach OP) deutlich weniger postoperative Bakteriurien/Harnwegsinfekte in der E2-Gruppe im Vergleich zu Placebo diagnostiziert. Der Einsatz von lokalem E2 postoperativ (12 Wo. bis 6 Mo.) nach einer TVT-OP führte zu vermindertem Harndrang und verminderter Miktionsfrequenz. Ein Cochrane Review von Cody et al. konnte zeigen, dass die rein systemische (orale) Östrogengabe bei Patientinnen mit bereits bestehender Harninkontinenz (HI) zu einer Verschlimmerung der Symptome im Vergleich zu Placebo führte. Frauen, welche bei der Einnahme einer HRT unter keiner HI litten, hatten ebenfalls ein höheres Risiko, eine De-novo-HI zu entwickeln, im Vergleich zu Placebo.

Literatur: