Thema

Jahrestagung der Österreichischen Schlaganfall-Gesellschaft

Hirn, Herz und Reha

Jatros, 10.05.2018

Bericht:
Mag. Nicole Bachler
Quelle:
21. Jahrestagung der Österreichischen Schlaganfall- Gesellschaft, 19.–20. Jänner 2018, Klagenfurt

Kardiologie & Gefäßmedizin | Neurologie

Schlaganfallspezialisten aus ganz Österreich trafen sich im Jänner in Klagenfurt, um im Rahmen ihrer Jahrestagung aktuelle Forschungsergebnisse zu diskutieren – wie etwa mikrovaskuläre Veränderungen im Gehirn, Katheterintervention außerhalb des derzeit üblichen Zeitfensters, Langzeitscreening bei Vorhofflimmern sowie zwei neue Positionspapiere. Ein Teil des Kongresses war traditionsgemäß dem Pflege- und Therapiepersonal gewidmet und behandelte das Thema der Rehabilitation.

Eines der wissenschaftlichen Highlights der Jahrestagung der Österreichischen Schlaganfall-Gesellschaft (ÖGSF), die heuer vom 18. bis 20. Jänner 2018 in Klagenfurt abgehalten wurde, ist alljährlich die Hans-Chiari-Lecture, mit der herausragende Forscher geehrt werden. Dieses Mal wurde Univ.-Prof. Dr. Franz Fazekas, Vorstand der Universitätsklinik für Neurologie an der MedUni Graz, eingeladen, um über die „Mikrovaskulären Veränderungen im Gehirn“ vorzutragen. „Mikrovaskuläre Läsionen, die zu einem Schlaganfall führen, sind bisher noch unzureichend erforscht. Fazekas und sein Team haben sich unter anderem dadurch ausgezeichnet, dass sie einen Score entwickelt haben – die Fazekas Visual Rating Scale –, welcher zur Quantifizierung der Kleingefäßerkrankungen herangezogen werden kann“, begründet der Präsident der ÖGSF, Univ.-Prof. Dr. Stefan Kiechl, Universitätsklinik für Neurologie, MedUni Innsbruck, die Wahl des Vortragenden. „Derzeit laufen internationale Studien zu sogenannten ‚white matter lesions‘ (Mechanismen und mögliche Therapieansätze) und in den meisten dieser Studien wird der Fazekas- Score eingesetzt.“

Schlaganfall: Katheter auch nach 6 Stunden sinnvoll

Neuigkeiten gab es zur endovaskulären Schlaganfalltherapie. Kürzlich wurden zwei große Studien1, 2 zur Katheterbehandlung außerhalb des derzeit üblichen 6-Stunden-Fensters publiziert. „Konkret wurde untersucht, ob eine Katheterbehandlung für gewisse Patienten zwischen der 6. und 24. bzw. 16. Stunde nach einem Schlaganfallereignis erfolgreich ist“, erläutert Kiechl. „Beide Studien konnten einen deutlichen Nutzen der Katheterintervention in diesem erweiterten Zeitfenster nachweisen.“ Aber nicht jeder Patient kommt für diese spätere Intervention infrage. Kiechl: „Die Patienten wurden via Bildgebung – CT oder MRT – ausgewählt und hatten trotz länger zurückliegenden Schlaganfalls noch keinen großen Infarktkern. Speziell Patienten, bei denen der Schlaganfall während des Schlafes aufgetreten ist, wurden in den beiden Studien berücksichtigt.“
Unter diesem Aspekt kommen noch mehr Schlaganfallpatienten für eine Kathetertherapie infrage. „Insbesondere profitieren davon jene Patienten, die während des Schlafes einen Schlaganfall erleiden, und das sind immerhin 30 Prozent aller Schlaganfallpatienten“, gibt Kiechl zu bedenken. „Einerseits wissen wir bei einem Schlaganfall im Schlaf nicht genau, wann dieser aufgetreten ist – ob kurz nach dem Einschlafen oder erst in den Morgenstunden. Und andererseits wurde bisher in vielen Fällen gar keine Therapie durchgeführt, weil es dazu keine evidenzbasierten Daten gegeben hat. Diese Ergebnisse bedeuten einen großen Fortschritt, von dem sehr viele Patienten profitieren werden.“

Paradigmenwechsel permanentes Foramen ovale (PFO)

Ein weiteres Highlight der Tagung war das Thema PFO. „Nach wie vor ist nicht ganz geklärt, ob es verschlossen werden sollte oder nicht“, so Kiechl. „Rezente Studien zeigen, dass ein Verschließen des PFO das Risiko für weitere Schlaganfälle vermindert – allerdings weisen die betroffenen Patienten nur ein sehr niedriges Schlaganfallrisiko auf. Der absolute Nutzen ist für den einzelnen Patienten somit sehr klein.“ Um einen Schlaganfall in dieser Patientengruppe pro Jahr zu verhindern, müssten 170 Patienten behandelt werden. „Auch Risiken des Eingriffes sind nicht außer Acht zu lassen, denn durch die Intervention selbst bzw. das implantierte Schirmchen kann der Patient Vorhofflimmern entwickeln“, gibt Kiechl zu bedenken. „Allerdings wissen wir bis dato nicht, wie groß dieses Risiko langfristig tatsächlich ist.“
„Die Entscheidung für eine Intervention hängt auch davon ab, wie groß das PFO ist, ob es einen spontanen Kontrastmittelübertritt gibt und ob das Schlaganfallmuster als embolisch zu werten ist“, ergänzt Tagungspräsidentin EOÄ Dr. Sonja-Maria Obmann, Neurologische Abteilung, Klinikum Klagenfurt am Wörthersee. Derzeit arbeitet die ÖGSF ein Positionspapier zum permanenten Foramen ovale aus, welches im Frühjahr erscheinen wird.

Langzeitscreening Vorhofflimmern

Ein Diskussionsschwerpunkt war der Entscheidungsalgorithmus hinsichtlich eines Langzeitscreenings für Vorhofflimmern. „Bei Patienten, bei denen keine klare Schlaganfallursache zu finden ist, liegt häufig ein paroxysmales Vorhofflimmern vor“, informiert Kiechl. „Seltene Episoden des Vorhofflimmerns können im 24-Stundenbzw. 3-Tage-EKG oft nicht erfasst werden.“ Ein Langzeitscreening, beispielsweise mit kleinen, subkutan implantierbaren Devices, wäre also durchaus sinnvoll. Kiechl: „Bisher war jedoch nicht klar, welche Patienten tatsächlich davon profitieren würden. Für die Auswahl der geeigneten Patienten haben wir nun einen Algorithmus ausgearbeitet, der ebenfalls im Frühjahr als Positionspapier präsentiert wird.“ Die Basis des Algorithmus stellen Parameter wie das Schlaganfallmuster in der Bildgebung, bestimmte Veränderungen in der Herzechokardiografie und im 24-Stunden-EKG (z.B. Patienten mit vielen Extrasystolen) sowie Risiken für Vorhofflimmern wie Alter oder Herzinsuffizienz dar. Mit einem einfachen Punktescore wird entschieden, ob ein Langzeitscreening erforderlich ist oder nicht.

Frühe Mobilisation vermeidet Komplikationen

„Patienten sollten bereits in den ersten 6 Stunden mobilisiert werden, wenn auch nur wenige Minuten lang. Nach den ersten 6 Stunden kann forciert mobilisiert werden und innerhalb von 24 Stunden sollte bei den meisten Patienten eine vollständige Mobilisierung – heraus aus dem Bett, aufsetzen und aufstehen – durchgeführt werden“, zitiert Kiechl eine Studie3. „Es hat sich aber auch gezeigt, dass die Patienten dabei an ihre Leistungsgrenze gehen sollten“, unterstreicht Obmann. „In der Theorie ist es wünschenswert, dass die Patienten mehrmals täglich aktiviert werden und sich bewegen, wobei die Frequenz wichtiger ist als die Dauer der Aktivität – aber in der Praxis scheitert das leider häufig am Personalmangel.“
In der Rehabilitationsphase gilt es außerdem an Schluckstörungen zu denken. „Ein Schluckscreening sollte bald nach dem Akutereignis erfolgen, um eine Schluckproblematik aufzudecken und damit Rückschläge in der Rehabilitation z.B. durch Aspirationspneumonien zu vermeiden“, gibt Obmann zu bedenken.
„Die Schlaganfallversorgung kann nur interdisziplinär funktionieren, daher ist ein Austausch mit der Pflege und den Therapeuten wichtig“, betont Obmann. Aus diesem Grund wird im Rahmen der Jahrestagung traditionell ein Pflege- und Therapeutensymposium abgehalten, bei dem evidenzbasierte Rehabilitationsmethoden im Mittelpunkt stehen. „In der klinischen Praxis werden sehr viele unterschiedliche Methoden der Rehabilitation angewandt, die erst seit einigen Jahren wissenschaftlich evaluiert werden“, so Kiechl. „Zeitgleich mit unserem Positionspapier PFO werden wir auch das Positionspapier zur Rehabilitation veröffentlichen, in dem bewertet wird, welche Maßnahmen effizient und evidenzbasiert sind und welche sich eher weniger als Standardtherapie eignen.“
Über das Pflege- und Therapeutensymposium zeigt sich Kiechl erfreut: „Dieses Jahr konnten wir rund 100 Teilnehmer verzeichnen, was uns motiviert, diese wichtige Ergänzung zum Kongress weiter auszubauen.“

Prähospitales Schlaganfallmanagement

Der ÖGSF ist es auch ein Anliegen, österreichweit das prähospitale Schlaganfallmanagement zu optimieren. „Aufgrund der unterschiedlichen Sanitäterausbildungen, Leitstellenverfahren, Wege in den einzelnen Bundesländern etc. wird sehr unterschiedlich gearbeitet. Wir haben eine Arbeitsgruppe gegründet, um die Rettungskette so zu optimieren, dass der Patient noch mehr profitiert“, informiert Obmann. Im Rahmen des Kongresses wurden die österreichische Stroke-Skala sowie ein neuer Abfrage-Score vorgestellt, welche das prähospitale Management von Schlaganfallpatienten vereinheitlichen sollen. Ein Beispiel ist der 2017 in Kärnten etablierte Schlaganfallpfad. „Neu dabei ist, dass Patienten mit schweren und/oder sich verschlechternden Schlaganfällen direkt mit dem Hubschrauber in das Schwerpunktzentrum nach Klagenfurt gebracht werden. Auf diese Weise wird vor allem Zeit gespart“, berichtet Obmann. Der Grund liegt darin, dass Klagenfurt die Rekanalisationstherapie 24 Stunden 7 Tage die Woche anbietet und über eine eigene neurologische Intensivstation und eine neurochirurgische Abteilung verfügt.

Auszeichnungen und der Charity-Lauf

Jedes Jahr vergibt die ÖGSF Wissenschaftspreise für die besten Arbeiten aus der Schlaganfallforschung, die von einer internationalen Jury ausgewählt werden.
Mit dem ÖGSF-Wissenschaftspreis 2018 wurden Dr. Christoph Palli, MedUni Graz, für seine Arbeit „Early dysphagia screening by trained nurses reduces pneumonia rate in stroke patients“4 sowie Dr. Raimund Pechlaner, MedUni Innsbruck, für seine Arbeit „Very-low-density lipoprotein- associated apolipoproteins predict cardiovascular events and are lowered by inhibition of APOC-III“5 ausgezeichnet. Der Diplomarbeitspreis der ÖGSF 2018 wurde an Dr. Clemens Lang von der Med- Uni Wien für seine Diplomarbeit zum Thema „Einfluss des Geschlechts auf den Schweregrad des ischämischen Schlaganfalls bei Vorhofflimmern“ verliehen.
Außerdem wurde am Welt-Schlaganfalltag im Oktober 2017 mit dem „Fit-for-Brain Run“ ein Charity-Lauf ins Leben gerufen, um die Selbsthilfegruppe der österreichischen Schlaganfallpatienten zu unterstützen. Ein Scheck von mehr als 5000 Euro zum Aufbau einer Homepage wurde im Rahmen der Jahrestagung überreicht.

 

 

Literatur: