Fachthema

Fledermaustollwut: aktuelle Situation

Jatros, 26.03.2020

Interview-Partner:
Univ.-Prof. Dr. Franz Allerberger
Leiter Geschäftsfeld Öffentliche Gesundheit
AGES, Wien
E-Mail: franz.allerberger@ages.at
Interview geführt von:
Dr. Norbert Hasenöhrl

Infektiologie

Die sogenannte terrestrische Tollwut ist hierzulande kein Thema mehr, seit Österreich im Jahr 2008 offiziell für frei von terrestrischer Tollwut erklärt wurde. Es gibt jedoch auch die Möglichkeit, dass Tollwut von Fledermäusen übertragen wird. Ob dies ein reales Risiko ist und was man im Verdachtsfall tun sollte, fragten wir Univ.-Prof. Dr. Franz Allerberger, Leiter des Geschäftsfelds für Öffentliche Gesundheit bei der AGES, Wien.

Wie groß ist das Risiko, sich in Österreich durch eine Fledermaus mit Tollwut zu infizieren?
F. Allerberger: Das Risiko ist denkbar gering. Zunächst einmal muss man wissen, dass es seit Beginn der Aufzeichnungen in ganz Europa nicht mehr als fünf Fälle von Tollwut durch Fledermäuse gegeben hat. Nur drei betrafen die Europäische Union und einer davon war aus Afrika importiert.
Es hat hier in der Kommunikation über die Jahre durchaus Missverständnisse gegeben. So war in offiziellen Guidelines der WHO lange zu lesen, dass Tollwut aerogen übertragen werde. Das ist nach heutigem Stand des Wissens nicht korrekt. Entstanden ist diese Vermutung durch zwei Fälle, in denen sich Fledermausforscher in Texas mit dem Rabiesvirus infiziert haben. Dort gibt es eine Höhle, in der zwischen 20 und 100 Millionen (!) Mexikanische Bulldoggfledermäuse leben, eine Fledermausart, die es bei uns in Europa gar nicht gibt. Diese beiden Fälle haben sich übrigens vor mehr als einem halben Jahrhundert ereignet, genauer gesagt 1956.
Zwei der in der EU erworbenen Fälle (beides Infektionen mit dem Europäischen Fledermaus-Lyssavirus 2) betrafen ebenfalls Fledermausschützer, die oft in Höhlen waren und wiederholt gebissen wurden, ein Fall in Schottland, einer in Finnland. Beide Fledermausschützer waren nicht geimpft.
Kurios ist übrigens auch, was in den rezenten britischen Guidelines bezüglich Vorgehen bei Anwesenheit einer Fledermaus und eines Menschen im gleichen Raum steht: Wenn dies in einem Zimmer auf den Britischen Inseln erfolgt, müsse man nichts tun. Ereignet sich ein solcher „Kontakt“ hingegen außerhalb von Großbritannien, so müsse postexpositionell behandelt werden.

Was genau kann man sich denn unter einem Kontakt mit einer Fledermaus vorstellen und wie wahrscheinlich ist ein solcher Kontakt?
F. Allerberger: Nun, zunächst muss man sagen, dass Fledermäuse in Österreich nicht selten sind. Sie leben z. B. in Wien auf fast jedem zweiten Dachboden. Und es kommt immer wieder vor, dass sich eine Fledermaus ins Zimmer einer Wohnung oder eines Hauses verirrt, wenn man am Abend oder in der Nacht lüftet.
Man muss klar sagen: Die bloße Anwesenheit einer Fledermaus im Zimmer oder auf dem Dachboden ist kein Grund für irgendwelche medizinischen Maßnahmen. Dies entspricht auch dem aktuellen Konsensus der österreichischen Experten. Es gibt keine aerogene Tollwut. Etwas anderes ist es, wenn man von der Fledermaus gebissen oder gekratzt wird, dann sollte eine Postexpositionsprophylaxe gegen Tollwut erfolgen, auch wenn das Risiko in Österreich höchst gering ist.

Gibt es denn in Österreich mit Rabies infizierte Fledermäuse?
F. Allerberger: Anders als in Nordamerika, wo nach Bissen von Fledermäusen (meist von Vampirfledermäusen) jährlich ein bis drei echte Tollwutfälle auftreten, wurde in Europa das echte Rabiesvirus bei Fledermäusen noch nie nachgewiesen. Wir haben in den letzten Jahren bei der AGES über 1000 Fledermäuse untersucht und keine einzige Infektion, auch nicht mit einer der anderen Rhabdovirus-Spezies, gefunden. Irgendwann wird es aber so weit sein, dass wir den ersten Befund eines Tollwutähnlichen Virus bei einer österreichischen Fledermaus bekommen. Dann ist es wichtig, diesen Befund richtig einzuordnen und nicht überzureagieren.
Zu den Rhabdoviren (zu denen die Lyssaviren gehören) ist Folgendes zu sagen: Es gibt neben dem Rabiesvirus, dem klassischen Tollwutvirus, in der Gattung der Lyssaviren noch 15 andere, ähnliche Viren, die zum Teil auch in den europäischen Fledermauspopulationen zirkulieren. Die meisten davon gehören zur Phylogruppe I und werden höchstwahrscheinlich durch die vorhandenen Impfstoffe mit abgedeckt. Es gibt aber je zwei Spezies, die zur Phylogruppe II bzw. III gehören und nicht durch die zur Verfügung stehenden Impfstoffe abgedeckt werden. Dies wurde erst kürzlich wieder bestätigt.1 Allerdings gibt es weltweit bisher nur sehr vereinzelt Berichte von humanen Erkrankungsfällen durch diese vom Impfstoff nicht abgedeckten Rhabdoviren.

Was kann der Einzelne tun, um sich zu schützen?
F. Allerberger: Grundsätzlich sollte man keine Wildtiere angreifen, und wenn, dann nur mit Schutzhandschuhen. Die Tollwutimpfung wird zu Recht für die allgemeine Bevölkerung nicht empfohlen, sondern nur als Reiseimpfung und exponierten Personen, wie eben z. B. Fledermausforschern, angeraten.

Gibt es ein Problem mit der Verfügbarkeit der Impfstoffe?
F. Allerberger: Ja. Es gibt in Österreich nur einen zugelassenen Tollwutimpfstoff, Rabipur®, und der ist bzw. war in den letzten Jahren immer wieder einmal nicht verfügbar. Der Grund für diese Lieferengpässe ist eigentlich ein erfreulicher: Er besteht darin, dass Länder wie Indien und China aufgrund ihres wirtschaftlichen Aufschwungs zunehmend mehr Impfstoff kaufen und die Hersteller mit der Produktion kaum nachkommen.
Das Problem, dass jemand für eine Tollwutreiseimpfung in Österreich keinen Impfstoff kriegt, ist durchaus real, das kommt immer wieder vor.

Kann das auch in der postexpositionellen Prophylaxe passieren?
F. Allerberger: Nein, dagegen meinen wir vorgesorgt zu haben. Es gibt für die vom Ministerium benannten Impfstellen Reservedepots. In diesen Impfstellen wird bei Bedarf die postexpositionelle Prophylaxe kostenfrei, d. h. auf Kosten der Sozialversicherungsträger, verabreicht.

Was wäre Ihr Fazit zur aktuellen Situation?
F. Allerberger: Das Risiko einer Fledermaustollwut ist in Österreich extrem gering, aber es ist nicht null. Wenn ein Fledermausbiss stattgefunden hat oder ein Fledermauskontakt zu einem blutigen Kratzer geführt hat, so sollte man die Wunde unverzüglich mit sehr viel Seifenlösung auswaschen, da Rhabdoviren gegen Spülmittel extrem empfindlich sind und unsere Tollwutimpfstoffe leider nicht gegen alle Spezies wirken. Eine sogenannte postexpositionelle Rabiesprophylaxe wird in diesen Fällen – trotz der geringen Wahrscheinlichkeit, dass die ursächliche Fledermaus tatsächlich Rhabdovirus-positiv war – immer angeraten.
Wir wollen aber nicht, dass hunderte Kinder unnötig geimpft werden, nur weil eine Fledermaus in ihr Schlafzimmer geflogen ist. Und wir wollen auch nicht, dass – z. B. auf Dachböden – unnötig Fledermäuse ausgerottet werden. Fledermäuse stehen unter Naturschutz.

Literatur: