Fachthema

Sicherheit bei Notfällen im Kreißzimmer

Jatros, 09.03.2020

Autor:
DGKP Alfred Kaltenbrunner
Bereichsleitung Pflege
Landesklinikum Scheibbs
E-Mail: alfred.kaltenbrunner@scheibbs.lknoe.at

Gynäkologie & Geburtshilfe

Keiner möchte sie haben, sie sind zum Glück auch relativ selten und doch gilt es darauf gut vorbereitet zu sein: geburtshilfliche Notfälle im Kreißzimmer. Ein Beispiel aus dem Landesklinikum Scheibbs zeigt, dass es im interdisziplinären Team gelingen kann, durch die Umsetzung von einer Reihe von Maßnahmen die Sicherheit sowohl für die werdenden Mütter und die Neugeborenen als auch für die Mitarbeiter maßgeblich zu erhöhen und gleichzeitig Risiken zu reduzieren.

Keypoints

  • Maßnahmen zur Steigerung der Patientensicherheit sind nur im interdisziplinären Team erfolgreich und wirksam.
  • Führungspersonen muss klar sein, dass die Umsetzung von verschiedenen Maßnahmen auch einen gewissen Budgetrahmen erfordert.
  • Es lohnt sich, in eine umfangreiche Risikoanalyse sowie die Entwicklung von möglichst breit angelegten Maßnahmen Zeit zu investieren.
  • Der Einbezug von allen Berufsgruppen von Beginn an fördert nicht nur die Kommunikation, sondern stärkt auch das interdisziplinäre Team.

Die Anzahl der geburtshilflichen Notfälle ist zum Glück sehr gering. Dennoch stellten sich für jede Abteilung für Geburtshilfe die Fragen: Wie stellt man sicher, dass Notfälle als Team professionell bewältigt werden? Welche Voraussetzungen sind dafür überhaupt notwendig und wie können die dazu notwendigen Skills erhalten bleiben bzw. noch weiter ausgebaut werden? Wie schafft man es, dies alles bis auf den einzelnen Mitarbeiter herunterzubrechen? Dies alles sind Herausforderungen, denen es sich zu stellen gilt.
Für die proaktive Herangehensweise an diese Thematik und für die Umsetzung von verschiedensten Maßnahmen wurde das Landesklinikum Scheibbs durch die Österreichische Plattform Patientensicherheit für das Projekt mit dem Titel „Erhöhung der Patientinnen- und Mitarbeitersicherheit bei Notfällen im Kreißzimmer aus der Sicht eines Grundversorgungs-Klinikums in der Peripherie“ mit dem Austrian Patient Safety Award 2019 ausgezeichnet. Mit dem Austrian Patient Safety Award werden Projekte ausgezeichnet, die mit ihren innovativen Lösungsansätzen zur Erhöhung der Patientensicherheit und der Qualität in Gesundheitseinrichtungen maßgeblich beitragen.
Im Folgenden wird nun das Beispiel aus dem Landesklinikum Scheibbs kurz beschrieben.

Ausgangslage

Das Landesklinkum Scheibbs ist einer von 27 Klinikstandorten in Niederösterreich und liegt im südwestlichen Alpenvorland mitten im Herzen des Mostviertels. Das Klinikum entspricht einem Grundversorgungs-Klinikum mit ca. 500 Geburten pro Jahr, wobei sich das Einzugsgebiet von der Grenze zur Steiermark im Süden bis zur Donau im Norden erstreckt. Aufgrund der Klinikgröße und dem Versorgungsauftrag ist kein Kinderarzt rund um die Uhr vor Ort verfügbar und sowohl die ärztliche als auch die pflegerische Besetzung außerhalb der Kernarbeitszeit entspricht dem einer Mindestbesetzung. Durch die geografische Lage befindet sich die nächste neonatologische Versorgungseinheit in mehr als 30 bzw. 60 km Entfernung.
Aufgrund dieser und mithilfe eines externen Risikoaudits weiterer festgestellter Risikofaktoren bzw. Gegebenheiten wurden im interdisziplinären Team verschiedenste, möglichst breit angelegte Maßnahmen geplant und umgesetzt, um die Sicherheit sowohl für die werdenden Mütter und deren Neugeborene, aber auch für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu erhöhen und gleichzeitig die Risiken zu reduzieren.

Umgesetzte Maßnahmen

Als eine der ersten Maßnahmen wurde für den Fall einer Notsectio die bisherige Alarmierungskette per Telefon durch eine Notsectio-Alarmierungsmöglichkeit per Notruftaster sowie eine Alarmierungsmöglichkeit per Tastenkombination am Telefon abgelöst. Hierbei wurden Alarmierungsgruppen definiert sowie auch die technische Ausstattung zur Alarmierung geschaffen. Durch das Auslösen des Alarms per Druckknopf bekommen nun alle definierten Personen den Alarm gleichzeitig. Dies bewirkt einen deutlichen Zeitvorsprung.
Im Zuge dessen wurde auch ein „Übersichtsschema“ geschaffen, worin die verschiedenen Eskalationsstufen inkl. Alarmierungsabläufen (sekundäre Sectio – dringliche Sectio – Notsectio) einfach und übersichtlich dargestellt sind. Dies dient zur Hilfestellung für den Facharzt.
Des Weiteren wurden die Einzelhandlungen aller im Fall einer Notsectio beteiligten Berufsgruppen genau analysiert und so aufeinander abgestimmt, dass ein fließender Prozess gewährleistet werden kann. Diese unterschiedlichen Handlungsabläufe wurden für jede Berufsgruppe schriftlich in Form von Prozessabläufen bzw. Checklisten festgehalten.
Darauf aufbauend wurden interdisziplinäre Notsectio-Simulationstrainings direkt vor Ort im Kreißsaal implementiert. Hierbei wurden und werden die schriftlich definierten Prozess- und Handlungsabläufe laufend evaluiert und gegebenenfalls adaptiert. Besondere Aufmerksamkeit wird den Übungs-Nachbesprechungen an die nun laufend mehrmals jährlich stattfindenden Simulationstrainings geschenkt. Diese dienen nicht nur zum Feedback an die Mitarbeiter, sondern auch zur ständigen Weiterentwicklung aufgrund der gewonnenen Erkenntnisse und Verbesserungspotenziale. Beispielsweise wurden Bodenmarkierungen oder andere Hilfestellungen umgesetzt, um zu einem professionellen und geordneten Ablauf beizutragen.
Im Zuge von Umbauarbeiten im Kreißzimmerbereich konnte ein neuer Noteingriffsraum eingerichtet werden. Für diesen neu geschaffenen Noteingriffsraum wurde ein interdisziplinär abgestimmtes Benutzungskonzept unter Berücksichtigung der Anforderungen der einzelnen Berufsgruppen erarbeitet.
Auch wurden verpflichtende Checks für Hebammen bei Dienstbeginn eingeführt. Diese sollen gewährleisten, dass sich der Noteingriffsraum und die dazugehörende Versorgungseinheit für Neugeborene jederzeit in einem einsatzbereiten Zustand befinden. Positiver Nebeneffekt dabei ist, dass sich die Hebammen nun stetig mit der Notfall-Thematik auseinandersetzen.
Mit Unterstützung von externen Experten finden institutionalisiert viermal jährlich interdisziplinäre Neugeborenenreanimationsschulungen sowie ebenfalls viermal jährlich eine Schulung zu geburtshilflichen Notfällen statt. Trainiert wird in kleinen, interdisziplinären Teams direkt vor Ort, um auch im Notfall in der gewohnten Umgebung sicher agieren zu können.
In diesem Zusammenhang wurden für bestimmte geburtshilfliche Notfälle (Atonie, Blutungsnotfall, Akuttokolyse) fertig vorbereitete Medikamentenboxen inkl. Handlungsanleitungen erstellt. Mit ihnen wird ein schnelleres und für den Anwender sicheres Arbeiten in diesen speziellen Notfallsituationen sichergestellt.
Als weitere Maßnahme wurden die bereits vorhandenen interdisziplinären Standards überarbeitet sowie weitere Standards, zum Beispiel „Transferierung eines kritischen Neugeborenen“ in Zusammenarbeit mit dem Qualitätsmanagement sowie anderen Experten (z. B. Neonatologen, …), erstellt.
Als eine große Herausforderung in der Umsetzung gestaltete sich die Miteinbindung von „fachfremden“ Ärzten, wie etwa Internisten sowie Chirurgen in die Notfallschulungen. Wie bereits eingangs erwähnt, ist es notwendig, aufgrund der personellen und strukturellen Gegebenheiten bei Notfällen außerhalb der Kernarbeitszeit auf „fachfremdes“ ärztliches Personal zurückzugreifen. Um hier auch für Notfallsituationen bestmöglich gerüstet zu sein und eine wertvolle Unterstützung geben zu können, werden diese Ärzte in die laufend stattfindenden interdisziplinären Neugeborenenreanimationsschulungen miteingebunden. Denn im Notfall kommt es auf die Mithilfe jeder bzw. jedes Einzelnen an.

Ergebnisse

Bereits die Risikoanalyse zeigte klar, dass die Bewältigung nur im interdisziplinären Team möglich sein wird. Jede Berufsgruppe verfolgt in gewisser Weise eigene Interessen und gerade in Notfallsituationen wird deutlich, dass professionelles Handeln nur im interdisziplinären Team auf „Augenhöhe“ Erfolg bringend ist. Durch den Einbezug aller betroffenen Berufsgruppen in die Maßnahmenerarbeitung konnten die verschiedenen Sichtweisen und Argumente frühzeitig in der Planungsphase eingebracht und berücksichtigt werden. Dies war gleichsam der Schlüssel zum Erfolg.
Durch das Projekt konnte der Aspekt der Patientinnen- sowie der Mitarbeiterund Mitarbeiterinnensicherheit deutlich in den Fokus gestellt werden.
Sowohl die Simulationstrainings als auch die Notfalltrainings mit den externen Experten werden von den Mitarbeitern mittlerweile als sehr wertvoll angenommen, weil ihnen dadurch Sicherheit für Notfälle vermittelt wird und gleichzeitig Ängste abgebaut werden. Die anfänglich große Hemmschwelle, vor den Augen von Kolleginnen und Kollegen sowie Beobachtern zu trainieren, reduzierte sich mit steigender Anzahl der Trainings.
Die Trainings haben die interdisziplinäre Kommunikation im Klinikum, aber auch darüber hinaus deutlich verbessert. Es ist gelungen, die für einen Notfall notwendigen Skills zu verbessern. Rückmeldungen nach realen Notfällen bestätigen, dass die persönliche Sicherheit der Akteure deutlich gestiegen ist. Die Aufgabenfelder sind klar abgesteckt und jede bzw. jeder Beteiligte kennt „ihre bzw. seine Aufgabe“. Rückmeldungen von Patientinnen und Angehörigen bestätigen, dass Notfallsituationen gar nicht als solche wahrgenommen werden, weil „alles so geordnet abläuft“.

Literatur: