Fachthema

Impfvorsorge durch den Frauenarzt

„Gesundheitsvorsorge umfasst nicht nur den Krebsabstrich!“

Jatros, 05.12.2019

Bericht:
Julia Reisenauer
Gynäkologie & Geburtshilfe

Univ.-Prof. Dr. Herbert Kiss, Universitätsklinik für Frauenheilkunde, Wien, möchte ein Umdenken bei Gynäkologen anregen und seine Kollegen an die Impfvorsorge erinnern.

Laut einer Stellungnahme der WHO und laut dem österreichischen Impfplan1 sollte eigentlich jeder Arztbesuch auch dazu genutzt werden, den Impfstatus zu prüfen und Impfungen gegebenenfalls aufzufrischen. Bis dato wird dies aber nicht von allen Ärzten auch tatsächlich so gehandhabt. Gerne werden Impfungen schlicht an den Hausarzt abgeschoben. Bei Univ.-Prof. Dr. Herbert Kiss stößt dies auf Unverständnis: „Wir müssen Menschen in ihrer Gesamtheit behandeln, nicht nur Symptome oder Organe.“
An seine Kolleginnen und Kollegen im Fachbereich der Frauenheilkunde appelliert er, Patientinnen gesamtheitlich zu betrachten. „Denn besonders die Frauenärztin und der Frauenarzt sind jene Fachärzte, die Patientinnen oft ein Leben lang begleiten.“ Von den ersten Untersuchungen in der Pubertät und der Kontrazeptionsberatung über die Betreuung während und nach den Schwangerschaften bis hin zur Unterstützung in der Menopause oder unter Umständen auch bei Erkrankungen unterstützt ein Gynäkologe seine Patientin in allen Lebensabschnitten. Während viele andere Fachärzte oft erst in Akutfällen kontaktiert werden, ist zumindest eine alljährliche gynäkologische Vorsorgeuntersuchung für die meisten Frauen ein Pflichttermin. Der Gynäkologe fungiert somit nicht nur als Vorsorgemediziner, sondern gilt auch als jener Facharzt, den frau am öftesten in ihrem Leben besucht. „Genau hier muss man ansetzen, das muss man ausnützen“, bekräftigt Kiss. Vorsorgemedizin bedeutet neben der Krebsvorsorge und der Schwangerenvorsorgeuntersuchung vor allem auch Impfvorsorge, die für Prof. Kiss „die beste Vorsorge überhaupt“ darstellt. Gynäkologen sind wieder dazu aufgerufen, Impfungen selbst durchzuführen. Besonders in der Schwangerschaft liegt das Vertrauen der Patientinnen in erster Linie bei ihrem Gynäkologen. Dieser hat somit die Gelegenheit, die Patientinnen aufzuklären sowie Skepsis und Angst vor Impfungen in der Schwangerschaft zu nehmen.

Impfen ist keine Ansichtssache

Laut dem „New England Journal of Medicine“ (Peter G, NEJM 1992) hat Impfen den gleichen gesundheitsökonomischen Wert wie sauberes Trinkwasser. Den vielen impfkritischen Stimmen entgegnet Prof. Kiss, dass es sich bei der Frage „Impfen oder nicht impfen?“ um keine Glaubensfrage handle. „Impfempfehlungen beruhen auf wissenschaftlich nachgewiesenen Erkenntnissen und entsprechen den Kriterien evidenzbasierter Medizin. Wir sind eine Wissenschaftsgemeinschaft und keine Glaubensgemeinschaft. Alle unsere Methoden, Behandlungen und Medikamente werden nach wissenschaftlichen Kriterien sorgfältig geprüft. Wenn das Impfen hinterfragt wird, muss man alle medizinischen Behandlungen hinterfragen.“

Impfempfehlungen für die junge Frau

Als Impfgrundlage ist immer der aktuelle Impfplan1 heranzuziehen. Zusammenfassend daraus wurde von der österreichischen Gesellschaft für Infektionen in Geburtshilfe und Gynäkologie (ESIDOG Österreich) ein weiterer Plan mit Empfehlungen für Impfungen bei Frauen herausgegeben (www.esidog.at).2
„Generell gilt: Alle Impfungen, die im Kindesalter durchgeführt wurden, sollten im Laufe des Lebens regelmäßig aufgefrischt werden“, stellt Prof. Kiss klar. In der gynäkologischen Praxis sollte daher auch immer der Impfstatus geklärt werden. Im Falle eines Kinderwunsches ist es sinnvoll, den Impfstatus besonders hinsichtlich folgender Krankheiten zu kontrollieren, um erforderliche Impfungen noch vor Beginn einer Schwangerschaft nachholen zu können:

  • Masern/Mumps/Röteln
  • Varizellen

Impfungen mit Lebendimpfstoffen dürfen nicht während einer Schwangerschaft durchgeführt werden, daher gilt vor einer geplanten Schwangerschaft ein besonderes Augenmerk den Schutzimpfungen gegen Masern/Mumps/Röteln und Varizellen.

Masern-Mumps-Röteln-Schutzimpfung
Derzeit treten leider wieder vermehrt Fälle von Masernerkrankungen auf. Eine Infektion während der Schwangerschaft gilt als äußerst gefährlich, besonders wenn diese gegen Ende der Schwangerschaft eintritt. „Masern können bei der werdenden Mutter eine schwere Pneumonie verursachen, um den Zeitpunkt der Geburt kann es zu einer Virusübertragung an das Kind kommen, die zu Folgeerkrankungen bis zum Tod des Kindes führen kann“, so Kiss. Eine Abklärung des Impfstatus vor Beginn einer Schwangerschaft sei daher unbedingt erforderlich. Wurden zwei Impfungen gemacht, so sei dies ausreichend. Bei unklarem Impfstatus empfiehlt Kiss, auf jeden Fall zu impfen, denn „Man kann nicht überimpfen.“ Bis zur geplanten Schwangerschaft sollte dann ein Monat Abstand eingehalten werden. Passiert es, dass irrtümlich während einer bereits bestehenden Schwangerschaft geimpft wird, sollte dies nicht beunruhigen. Kiss: „Bis dato gibt es keinen Fall von Masern-, Mumps- oder Rötelnübertragung durch eine Impfung.“

Varizellenschutzimpfung
95% der schwangeren Frauen bzw. Frauen, die planen, schwanger zu werden, sind bereits immun, die restlichen 5% gelten als problematisch. Kommt es nämlich während einer Schwangerschaft zu einer Feuchtblatterninfektion, so muss rasch gehandelt werden, da in der Frühschwangerschaft das Risiko eines kongenitalen Varizellensyndroms besteht. „Sofern die Patientin nicht immun ist, sollte vor einer geplanten Schwangerschaft zweimal im Abstand von sechs Wochen geimpft und dann mindestens einen Monat mit der Konzeption gewartet werden“, sagt Kiss.

Impfungen in der Schwangerschaft

Besteht eine Schwangerschaft, sollte möglichst bald der Impfstatus bezüglich Pertussis und Influenza abgeklärt und gegebenenfalls geimpft werden. Impfungen mit Totimpfstoffen können problemlos in der Schwangerschaft durchgeführt werden.

Influenzaschutzimpfung
„Da in der Schwangerschaft das Immunsystem herabreguliert wird, ist die Immunantwort während einer Schwangerschaft immer schwächer und Krankheiten haben oft schwerere Verläufe“, erklärt Kiss. Bei Influenzaerkrankungen besteht somit die Gefahr für problematische Lungenentzündungen, die zu schwerwiegenden Lungenschäden führen können. Die Grippeschutzimpfung begegnet diesem Risiko. „Studien bestätigen weniger schwere Krankheitsverläufe bei geimpften Kohorten im Vergleich zu nicht geimpften.“
Wird eine Patientin während der Grippesaison ungeplant schwanger und ist nicht geimpft, so sollte die Impfung nachgeholt werden. Diese ist ab dem 2. Trimenon empfohlen, es gibt allerdings laut Kiss etliche Studienergebnisse, die bestätigen, dass es keine negativen Folgen nach sich zieht, wenn schon davor geimpft wird.

Pertussisschutzimpfung
In den ersten 3 bis 4 Lebensmonaten sind Kinder noch auf die Antikörper der Mutter angewiesen. Zur Keuchhustenschutzimpfung wird daher zwischen der 27. und der 36. Schwangerschaftswoche geraten, da dann genügend Antikörper gebildet werden, um diese auf das Kind zu übertragen. Den Pertussis-Schutz bekommen Neugeborene somit intrauterin und durch das Stillen.
Bei dieser Schutzimpfung nehmen die Antikörper rasch ab, laut Impfplan1 wird daher zu einer Impfauffrischung geraten, sofern in den letzten 2 Jahren vor der Schwangerschaft nicht geimpft wurde. Diese Schutzimpfung wird gemeinsam mit der gegen Diphtherie, Tetanus und Polio als Kombinationsimpfung verabreicht und sollte generell alle 10 Jahre aufgefrischt werden.

Impfungen bei älteren Patientinnen

Ältere Frauen bzw. Frauen nach den Wechseljahren sind für Prof. Kiss eine besonders wichtige Patientengruppe. Denn ab dem 60. Lebensjahr nimmt die Immunkompetenz des Organismus ab und die Impfintervalle werden kürzer. Für diese Personengruppe gibt es gesondert empfohlene Impfungen und auch spezielle Impfstoffe, die das Immunsystem ankurbeln. Auch hier gilt es, so Kiss, als Arzt ein besonderes Augenmerk auf die Grippeschutzimpfung zu legen: Aufgrund des schwächer werdenden Immunsystems sind ältere Frauen besonders anfällig für schwerwiegende Infekte, wie etwa Lungenentzündungen.
Auch die Kombinationsimpfung Diphtherie/ Tetanus/Pertussis/Polio darf bei dieser Personengruppe nicht vernachlässigt werden. „Eine aktuelle Studie aus England belegt, dass Keuchhusten immer öfter von den Großeltern an deren neugeborene Enkelkinder übertragen wird.“ Auch in Österreich ist die Anzahl der Pertussiserkrankungen ansteigend. „Oft ist Großeltern gar nicht bewusst, dass sie eine Ansteckungsgefahr darstellen“, sagt Kiss. Eine korrekte Aufklärung sei daher gerade bei älteren Frauen essenziell.

Fazit

Prof. Herbert Kiss möchte bei seinen Kollegen ein Umdenken schaffen. Es sei wichtig, dass sich Gynäkologen ihrer Verantwortung als Vorsorgemediziner bewusst werden. „Die Vorsorgemedizin umfasst nicht nur den Krebsabstrich. Impfvorsorge ist ein Teil der Gesundheitsprävention in der frauenärztlichen Praxis!“


Wir danken Herrn Univ.-Prof. Kiss für das interessante Gespräch!