Fachthema

Weltkongress in Lissabon

Fokusthemen beim 7. ADHD-Weltkongress

Leading Opinions, 31.10.2019

Autor:
Dr. med. Oliver Bilke-Hentsch
des. Chefartzt KJPD Lups
Luzerner Psychiatrie
Kinder- und Jugendpsychiatrie
Luzern
E-Mail: oliver.bilke@lups.ch
Quelle:
7th World Congress on ADHD, 25. bis 28. April 2019, Lissabon

Psychiatrie

Der alle zwei Jahre stattfindende Weltkongress der Fachgesellschaft für ADHD führte in Lissabon unter der Leitung von Prof. Luis Rohde, Department für Psychiatrie der Universität von Rio Grand do Sul, Porto Alegre, Brasilien, 1600 Ärzte und Psychologen sowie Grundlagenwissenschaftler aus 64 Ländern zusammen.

Neben vielfältigen Fortbildungsworkshops und Trainingsseminaren fanden State-of-the-Art-Vorträge, teilweise hochinteressante Pro-Con-Debatten und vielfältige Präsentationen aktueller wissenschaftlicher Ergebnisse statt. Die gut besuchte und hochrangig moderierte Posterpräsentation (295 Poster) bildete den aktuellen wissenschaftlichen Stand ab, mit einer gewissen Betonung von Elektrophysiologie, Neurofeedback und modernen computergestützen Methoden.
Die Teilnehmer, wie häufig bei den ADHD- Kongressen mit starker Präsenz der schweizerischen, holländischen und englischen Kollegen, aber auch erfreulich vielen Kolleginnen und Kollegen aus dem Nahen Osten und den asiatischen Ländern sowie Südamerika, verfolgten insbesondere die Pro-Con-Debatten sehr aufmerksam; beispielsweise zum Thema, ob «unterschwellige ADHD-Symptome» behandelt werden sollten, im Sinne einer Frühintervention, oder ob zunächst das klinische Vollbild abgewartet werden soll. Hierzu stellten Prof. Joseph Biederman, Massachusetts General Hospital, Boston, und Prof. David Coghill, Royal Melbourne Hospital, ihre mit vielfältigen empirischen Daten gestützten Positionen dar.
Inhalt war eine neue Untersuchung eines weltweiten Konsortiums zum Thema der genetischen Prädispositionen zu ADHD und gleichzeitigem Cannabisabusus.
Unter therapeutischem Aspekt dominieren weiterhin die Kombination und der individuelle Einsatz von Psychotherapie und Pharmakotherapie, wobei weiterhin weltweit festzustellen ist, dass maximal 10 Prozent aller behandlungsbedürftigen ADHD- Patienten erreicht werden.
Das Nichterkennen der Diagnose und die Option einer reinen Pharmakotherapie stellen in vielen auch hochentwickelten Ländern weiterhin ein Problem dar.
Hilfreich sind bei der individualisierten Therapieplanung flexibel mögliche Dosierungen und unterschiedliche galenische Formen, wie sie sehr unterschiedlich von den Pharmaunternehmen angeboten werden.
Die Industriepräsenz bei diesem 7. ADHD-Weltkongress war im Gegensatz zu früheren Kongressen ausgesprochen überschaubar, neben zwei Technikfirmen und Patientenorganisationen sowie einer Buchhandlung stellten genau zwei Pharmafirmen ihre mittlerweile seit einigen Jahren auf dem Markt befindlichen Produkte und Informationsmaterialien dar.
Es ist nicht abzusehen, dass in der «Pipeline» pharmazeutischer Unternehmen aktuelle grundsätzlich neue Entwicklungen vorliegen. Die langfristige Vertrautheit der Anwender mit den Darreichungsformen, Dosierungen und Anwendungsmöglichkeiten steht im pharmakologischen Bereich im Vordergrund, während im psychotherapeutischen Bereich, auch aufgrund des allseits beklagten Ressourcenmangels, Kurzinterventionen und Intensivinterventionen eine höhere Bedeutung bekommen.
Für die spezifische Situation in der Schweiz und in Österreich bedeutet dies, dass die in beiden Ländern im weltweiten Vergleich hochausgebaute kinder- und jugendpsychiatrische und psychotherapeutische Versorgung (fach-)politisch im Sinne der Klienten und ihrer Familien zu sichern ist und sowohl unnötige und ggf. stigmatisierende Übertherapien als auch eine Verharmlosung schwerer, gegebenenfalls komorbider ADHS-Fälle zu vermeiden ist. In vielen Vorträgen und Seminaren wurde in diesem Kontext auf die hohe Bedeutung leitliniengerechter Differenzialdiagnostik verwiesen.