Fachthema

ERS 2019

Hoher oraler Steroidgebrauch bei Patienten mit schwerem Asthma

Jatros Digital, 02.10.2019

Bericht:
Reno Barth
Quelle:
„Novel findings from asthma clinical trials“, European Respiratory Society (ERS) International Congress, 2. Oktober 2019, Madrid

Pneumologie

Im Rahmen des ERS-Kongresses in Madrid vorgestellte Daten aus den Niederlanden zeigen bei Patienten mit schwerem Asthma nach wie vor einen beträchtlichen Übergebrauch an oralen Steroiden.1 Als Gründe dafür werden einerseits eine suboptimale Inhaler-Anwendung und andererseits übervorsichtige Biologika-Verschreibungen angenommen.

Die Studie wurde auf Basis einer niederländischen Apotheken-Datenbank mit Daten zu rund einer halben Million Menschen durchgeführt. In dieser Kohorte wurden jene Personen identifiziert, bei denen schweres Asthma gemäß der Leitlinie der Global Initiative for Asthma (GINA) diagnostiziert worden war und die hoch dosierte inhalative Kortikosteroide (ab 500 Mikrogramm am Tag) plus einen lang wirksamen Beta-Agonisten (LABA) erhielten. Die Datenbank enthielt auch Informationen zur Verschreibung oraler Kortikosteroide. Darüber hinaus konnte aus der Datenbank auch die Adhärenz abgeleitet werden, wobei Patienten als adhärent eingestuft wurden, wenn sie 80% ihrer verschriebenen Medikamente auch abholten. Die Forscher verschickten an die 5000 identifizierten Asthmapatienten Fragebögen und erhielten 2312 Antworten. Erfragt wurden unter anderem die Krankengeschichte, Asthmakontrolle, Komorbiditäten und Tabak-Anamnese.

In einem Sample der Patienten wurde die Inhaler-Technik von einem Pharmazeuten überprüft. Die Auswertung ergab, dass 29% der Patienten, die hohe ICS-Dosen erhielten, auch orale Steroide in einer problematischen Dosierung von 420 Milligramm oder mehr einnahmen. Bei 78% dieser Patienten wurde eine reduzierte Adhärenz im Umgang mit der inhalativen Medikation und/oder eine fehlerhafte Inhaler-Technik gefunden. Bei diesen Patienten besteht also, so die Autoren, Optimierungspotenzial im Rahmen der konventionellen Therapie. Jene 22%, die trotz guter Adhärenz einen hohen Bedarf an oralen Steroiden hatten, wären allerdings Kandidaten für eine Therapie mit Biologika.

Studienautorin Dr. Katrien Eger vom Amsterdam University Medical Centre weist darauf hin, dass der Mehrzahl der Betroffenen mit einfachen und kostengünstigen Maßnahmen geholfen werden kann: „Jede Verschreibung eines oralen Steroids für einen Asthmapatienten sollte den Arzt alarmieren und zu einer Überprüfung der Adhärenz und des Umgangs mit dem Inhaler führen.“ Allerdings ergibt sich aus diesen Zahlen auch eine beträchtliche Zahl an potenziellen Biologika-Patienten: „Wenn wir unsere Ergebnisse auf die gesamte Bevölkerung der Niederlande extrapolieren, dann kommen wir auf rund 6000 Patienten mit schwerem Asthma, die von Biologika profitieren könnten. Das sind 1,5% der gesamten Asthma-Population. Betrachtet man die aktuellen Verschreibungszahlen, so erhalten weniger als die Hälfte dieser Patienten auch tatsächlich eine Biologika-Therapie.“

Gründe für diese Zurückhaltung lassen sich aus den Daten nicht ableiten. Mangelnde Kommunikation zwischen Patient und Arzt kommt ebenso infrage wie der Kostenfaktor. Dieser relativiere sich jedoch, so Eger, angesichts der zahlreichen möglichen Komplikationen durch Übergebrauch oraler Steroide und der damit verbundenen kumulativen Exposition.

Prof. Dr. Guy Brusselle, Vorsitzender des European Respiratory Society Science Council, kommentierte die Studie und wies ebenfalls auf die kumulative Belastung durch langfristigen Gebrauch oraler Steroide hin – die man ohnedies in bestimmten Situationen, wie zum Beispiel im Management akuter Exazerbationen, benötige. Auch Brusselle betonte in diesem Zusammenhang die Bedeutung der Biologika, unterstrich aber vor allem die Rolle der Patientenschulung, die nicht nur das Potenzial habe, den Gebrauch oraler Steroide zu reduzieren, sondern insgesamt zu einer besseren Asthmakontrolle und damit langfristig besseren Outcomes beitragen könne.

Literatur: