Fachthema

19th World Conference on Lung Cancer (WCLC)

Praxisverändernde Studien an der WCLC vorgestellt

Leading Opinions, 07.03.2019

Bericht:
Dr. med. Gerhard Emrich
Medizinjournalist
Quelle:
19th World Conference on Lung Cancer ( WCLC), 23.–26. September 2018, Toronto

Onkologie | Pneumologie

An der 19. World Conference on Lung Cancer (WCLC) in Toronto wurden neue Studienergebnisse zur Immuntherapie und zielgerichteten Therapie vorgestellt, die die Therapie sowohl beim nicht kleinzelligen Lungenkarzinom (NSCLC) als auch beim kleinzelligen Lungenkarzinom (SCLC) entscheidend verändern werden. Mit Spannung erwartet wurde auch die Präsentation der Überlebensdaten einer der wichtigsten Studien zum Lungenkrebs- Screening.

Keypoints

  • Früherkennung: NELSON-Studie belegt eine Senkung der Lungenkrebssterblichkeit durch Low-Dose-CT-Screening von Hochrisikopatienten.
  • Bei ALK-positivem NSCLC konnte Brigatinib in der Erstlinientherapie überzeugen.
  • Nichtplattenepithel-NSCLC: signifikante PFS-Verlängerung durch Hinzugabe von Atezolizumab zur Chemotherapie
  • SCLC im extensiven Stadium: Atezolizumab verlängert signifikant die Überlebenszeiten im Vergleich mit dem derzeitigen Chemotherapie-Standard.

NELSON-Studie: Daten zum Gesamtüberleben präsentiert

Mit grossem Interesse wurden die 10-Jahres-Daten der niederländisch-belgischen NELSON-Studie zum Lungenkrebs- Screening erwartet.1 Die Ergebnisse zeigen, dass ein Screening mit Low-Dose-CT (LDCT) von asymptomatischen Männern mit hohem Lungenkrebsrisiko die Lungenkrebssterblichkeit signifikant um 26 % reduziert im Vergleich zu keinen Screening- Untersuchungen (p = 0,003). Bei den Frauen lag die Risikoreduktion sogar bei 39–61 % in den Jahren 8, 9 und 10, wobei hier der Vorteil zuletzt gerade nicht mehr signifikant war (p = 0,0543) – wahrscheinlich allein aufgrund der geringen Anzahl an eingeschlossenen Frauen, die nur 16 % der Studienpopulation ausmachte. Insgesamt nahmen 15 792 starke Raucher/-innen oder Exraucher/-innen (> 15 Zigaretten täglich über 25 Jahre oder > 10 Zigaretten täglich über 30 Jahre) im Alter von 50–74 Jahren teil. Der Hälfte wurde im Abstand von einem, zwei, vier und 6,5 Jahren nach Randomisierung ein LDCT-Screening angeboten, der anderen Hälfte nicht (Kontrollarm). Die Compliance in der CT-Screening- Gruppe lag bei durchschnittlich 85,6 %. Bei 9,3 % der Teilnehmer mit suspektem Rundherd erfolgten innerhalb von zwei Monaten weitere CT-Scans zur Abschätzung der Volumenverdopplungszeit. Nur wenn ein signifikantes Wachstum (> 25 % Volumenänderung) festgestellt wurde, galten diese Knötchen als ein positives Screening-Ergebnis und wurden der Biopsie zugeführt. Durch Verwendung dieses Ansatzes konnte die initiale Rate verdächtiger Rundherde von 9,3 auf 2,2 % reduziert werden; 0,9 % (n = 243) erwiesen sich schliesslich als Karzinom. Vor allem aber befanden sich rund 55 % der im Screening gefundenen Karzinome im resezierbaren Stadium 1A oder 1B und nur etwa 12 % im Stadium IV, während im Kontrollarm knapp 50 % der Karzinome erst im Stadium IV entdeckt wurden. Nach der grossen US-amerikanischen Screening- Studie NLST (National Lung Screening Trial)2 ist die europäische NELSON-Studie die zweitgrösste klinische Studie, die nachweislich die Vorteile eines solchen Screenings belegt und damit einen entscheidenden Schritt zur Einführung von entsprechenden Screening-Programmen in der EU darstellt.

ALK-positives NSCLC: Brigatinib versus Crizotinib

Für die 3–5 % der Patienten mit fortgeschrittenem, ALK-positivem NSCLC dürfte demnächst mit Brigatinib ein weiterer ALKInhibitor zur Erstlinientherapie zur Verfügung stehen. Die auf der WCLC präsentierte erste geplante Zwischenanalyse der offenen Phase-III-Studie ALTA-1L zeigte für Brigatinib verglichen mit Crizotinib eine signifikante Verbesserung im primären Endpunkt PFS (nicht erreicht vs. 9,8 Monate; HR: 0,49; p = 0,0007) (Abb. 1).3 Insgesamt wurden 275 ALK-Inhibitor-naive Patienten mit ALK-positivem NSCLC im Stadium IIIB/IV eingeschlossen. Die mediane Nachbeobachtungszeit der aktuellen Analyse lag bei 11 Monaten. Das geschätzte 12-Monats-PFS betrug 67 % bei Brigatinib und 43 % bei Crizotinib. Klinisch besonders relevant ist dabei, dass Hirnmetastasen auf Brigatinib wesentlich besser ansprechen als auf Crizotinib (hier 78 vs. 29 %). Es gab keine neuen Sicherheitssignale für Brigatinib.

Nichtplattenepithelkarzinom: kombinierte Immun-Chemotherapie mit Atezolizumab

Vor Kurzem erhielt Pembrolizumab als erster Checkpoint-Inhibitor in Kombination mit Chemotherapie die EU-Zulassung für die Erstlinientherapie des metastasierten Nichtplattenepithel-NSCLC basierend auf den Ergebnissen der KEYNOTE-189-Studie.4 In Toronto wurden jetzt die ersten Ergebnisse der IMPOWER-132-Studie vorgestellt, die ein ähnliches Studiendesign wie KEYNOTE-189 aufweist und Atezolizumab mit Chemotherapie (Pemetrexed plus Carbo- oder Cisplatin) versus Chemotherapie alleine vergleicht.5 Eingeschlossen wurden 578 therapienaive Patienten mit metastasiertem Nichtplattenepithelkarzinom, die keine EGFR- oder ALK-Alteration hatten. Die aktuelle Analyse zeigte bei einem Follow-up von median 14,8 Monaten für die Hinzunahme von Atezolizumab eine signifikante Verlängerung im primären Endpunkt PFS (median 7,6 vs. 5,2 Monate; HR: 0,60; p = 0,0001). Das 12-Monats-PFS betrug 33,7 versus 17,0 %. Dieser Vorteil bestand in allen untersuchten Subgruppen und fand sich auch unabhängig vom PD-L1- Expressionslevel, wobei die Wirksamkeit bei hoher PD-L1-Expression am stärksten war. In der noch unreifen Analyse des OS (koprimärer Endpunkt) zeigte sich ebenfalls bereits ein positiver Trend (median 18,1 vs. 13,6 Monate; HR: 0,81; p = 0,0797). Das Sicherheitsprofil der Kombination war konsistent mit den bekannten und gut beherrschbaren Nebenwirkungen der Einzelsubstanzen.

ES-SCLC: erstmals ein Gesamtüberleben von über einem Jahr mit Atezolizumab

Das SCLC macht etwa 15 % aller Lungenkarzinome aus und verläuft besonders aggressiv. Zwei Drittel der Tumoren befinden sich bei Diagnosestellung bereits im Stadium IV mit extensiver Ausbreitung («extensive stadium», ES-SCLC). Trotz zahlreicher Versuche gibt es seit über 20 Jahren keine wesentlichen Therapiefortschritte, weshalb die therapeutischen Optionen beim SCLC verglichen mit dem NSCLC auch heute noch sehr limitiert sind. Therapiestandard bei ES-SCLC ist nach wie vor die palliative Chemotherapie mit Carboplatin/ Etoposid für 4 bis 6 Zyklen, unter der das mediane OS bei etwa 10 Monaten liegt.6 Beeindruckend waren daher die in Toronto vorgestellten Ergebnisse der IMpower133-Studie mit dem PD-L1-Inhibitor Atezolizumab.7 In der Phase-III-Studie verlängerte die Addition von Atezolizumab zur Chemotherapie mit anschliessender Atezolizumab-Erhaltung im Vergleich zur alleinigen Chemotherapie und einer Placeboerhaltung das mediane OS bei bisher unbehandelten Patienten mit ES-SCLC signifikant um zwei Monate (12,3 vs. 10,3 Monate; HR: 0,70; p = 0,0069) (Abb. 2). Insgesamt waren 403 Patienten eingeschlossen, die im Verhältnis 1:1 in den Atezolizumab-Arm (n = 201) oder Placeboarm (n = 202) randomisiert wurden. Nach einem Jahr waren noch 51,7 % der Atezolizumab-Patienten, aber nur noch 38,2 % der Placebopatienten am Leben. Auch der koprimäre Endpunkt PFS war im Atezolizumab-Arm signifikant verlängert (5,2 vs. 4,3 Monate; HR: 0,77; p = 0,017). Es wurden keine unerwarteten Nebenwirkungen von Atezolizumab beobachtet, auch die hämatologische Toxizität war vergleichbar mit Placebo. Die Rate an Grad-3/4-Toxizitäten wurde durch die zusätzliche Behandlung mit Atezolizumab nicht wesentlich erhöht (67,2 vs. 63,8 %). Damit wird sich wohl die kombinierte Chemo- Immuntherapie mit Atezolizumab und Carboplatin/Etoposid als neuer Erstlinienstandard beim ES-SCLC etablieren.

Literatur: