Thema

Suizide bei Senioren: häufig, aber zu wenig beachtet

Leading Opinions, 13.12.2018

Bericht:
Dr. med. Felicitas Witte
Quelle:
26th European Congress of Psychiatry, 3.–6. März 2018, Nizza; Forum Suizidprävention, 22. Oktober 2018, Rüschlikon

Psychiatrie

Ist es das Gefühl von Einsamkeit? Chronische Schmerzen oder die Erkenntnis, an einer chronischen Krankheit zu leiden? Immer mehr Menschen begehen in der Schweiz Suizid, insbesondere Ältere. Wie man Frühzeichen bei Senioren erkennt und rechtzeitig interveniert, erklärt Prof. Dr. med. Gabriela Stoppe, Präsidentin von Ipsilon, der Dachorganisation zur Suizidprävention in der Schweiz.

Keypoints

  • Suizid ist eine der häufigen Todesursachen bei Älteren.
  • Besonders gefährdet sind alleinstehende (verwitwete) Männer, polymorbide und depressive Menschen.
  • In der Woche vor einem Suizid suchen Betroffene oft den Hausarzt auf.
  • Depressionen als eine der wichtigsten Ursachen für Suizid werden im Alter oft nicht diagnostiziert und nicht korrekt behandelt.
  • Ältere Menschen und vor allem Männer klagen seltener über depressive Symptome, sondern eher über unspezifische «somatische » Beschwerden.
  • Depression ist keine «normale Alterserscheinung», sondern eine behandlungsfähige Störung.
  • Häufiger Fehler: Weil man «versteht », dass jemand depressiv ist, behandelt man die Depression nicht.
  • Als Screening für eine Depression im Alter hat sich die «Geriatric Depression Scale» (GDS) bewährt. Als erstes Screening eignet sich der Zwei-Fragen-Test.

Vor ein paar Jahren habe sich noch kaum jemand für das Thema Suizid bei Senioren interessiert, erzählte Prof. Dr. med. Gabriela Stoppe auf dem letzten Europäischen Kongress für Psychiatrie in Nizza. Stoppe ist Präsidentin der Dachorganisation zur Verhinderung von Suiziden in der Schweiz und Psychiaterin in Basel: «Jetzt werden sich glücklicherweise immer mehr Kollegen bewusst, dass das ein Problem ist. Aber noch fehlt es an ausreichenden Präventionsmassnahmen und einem Bewusstein in der Bevölkerung.»
Ein besonderes Problem ist die steigende Anzahl assistierter Suizide. Das Bundesamt für Statistik hat im Jahr 2014 in der Schweiz 742 assistierte Suizide erfasst, was 1,2% aller Todesfälle entspricht. Die Zahlen steigen und eine Trendwende ist nicht abzusehen (Abb. 1). 2014 begingen 26% mehr Menschen als im Vorjahr assistierten Suizid und zweieinhalbmal so viele wie im Jahre 2009. Der Grossteil der Betroffenen war älter als 55 Jahre (Abb. 2) und die meisten litten unter einer schwerwiegenden, zum Tod führenden Krankheit. Angegeben wurde bei 42% der Betroffenen Krebs, bei 14% eine neurodegenerative Erkrankung, bei 11% eine Herz-Kreislauf-Krankheit und bei 10% eine Erkrankung des Bewegungsapparates.1

Fast immer mit psychiatrischer Krankheit assoziiert

Von 1995 bis 2003 begingen absolut gesehen immer weniger Menschen einen Suizid, was auch auf die bessere Erkennung und Behandlung von Depressionen zurückgeführt wird. Doch die Fälle von Sterbehilfe haben zugenommen, insbesondere seit 2008. Im Jahr 2014 waren von 7 Suiziden 5 assistiert (Abb. 1).1 Suizide sind in allen Altersgruppen bei Männern häufiger, insbesondere im Alter.2 Assistierte Suizide werden dagegen bei Männern und Frauen mit zunehmendem Alter ähnlich oft registriert.1 Unabhängig vom Alter ist ein Suizid in der Mehrzahl der Fälle mit einer psychischen Krankheit assoziiert, und fast alle psychischen Erkrankungen sind mit einem erhöhten Suizidrisiko verbunden.3, 4 Depressionen spielen dabei aufgrund der hohen Prävalenz eine zentrale Rolle.
«Obwohl Suizide und Suizidversuche häufig sind, spricht kaum jemand darüber », so Stoppe. «Immer noch gibt es Vorurteile, dass die meisten Suizide Bilanzsuizide sind, also dass der Betroffene sachlich das Für und Wider abgewogen hat.» Die Bilanz eines depressiven Menschen, der nicht korrekt therapiert oder durch die Krankheit vereinsamt ist, kann aber negativ ausfallen. Gerade bei älteren Menschen werden Depressionen noch öfter übersehen als bei Jüngeren.5, 6
Dass ein Senior sich zu einem assistierten Suizid entschliesst, kann viele Gründe haben. Am häufigsten gaben Patienten in einer Studie von der Universität Zürich Schmerzen an, neurologische Symptome, Dyspnoe, dass sie eine Langzeitbetreuung benötigen oder immobil sind.7 Auch Ärzte vermuteten bei ihren Patienten als Motiv ähnlich häufig diese Gründe. An weitere Gründe wird oft nicht gedacht, etwa dass die Patienten Angst haben, die Kontrolle über ihren Tod oder gar ihre Würde zu verlieren. «Diese Aspekte muss man als Arzt im Hinterkopf behalten, wenn man einen schwerkranken Patienten betreut», sagt Stoppe. «Eine gute Palliative Care erlaubt dem Patienten ein höheres Wohlbefinden und verringert die Angst vor dem Sterben; wir sollten alles tun, um ihm Schmerzen oder das Gefühl der Einsamkeit zu nehmen.»

Medikamente nur in kleinen Mengen rezeptieren

Hat jemand schon einmal einen Suizidversuch unternommen, ist dies der stärkste Risikofaktor, dass er es noch einmal versucht.5 Allerdings ist bei jedem zweiten Suizid kein Versuch vorangegangen. Je älter ein Mensch wird, desto wahrscheinlicher ist es, dass ein erneuter Suizidversuch fatal endet, weil der ältere Organismus fragiler ist und zudem eher Methoden mit hoher Letalität gewählt werden, zum Beispiel Schusswaffen.8
Um Suizide zu vermeiden, gibt es verschiedene Ansätze. Einer der wichtigsten ist, den Zugang zu den Methoden zu erschweren, etwa den Angehörigen zu raten, allfällige Schusswaffen nur an einem sicheren Ort aufzubewahren oder am besten ganz zu entfernen, als Arzt bestimmte Medikamente nur in kleinen Mengen zu rezeptieren und zum Beispiel auf trizyklische Antidepressiva ganz zu verzichten, weil diese bei Überdosierung mit einer hohen Letalität einhergehen.

Vordergründig somatische Beschwerden

Fast jeder zweite Mensch, der Suizid begeht, sucht im Monat oder sogar in der Woche zuvor noch seinen Hausarzt auf. Dabei erzählt der Patient dann aber meist nichts von seinen Suizidgedanken, sondern klagt über somatische Beschwerden. «Einfühlsam sollte man nicht nur nach den somatischen Symptomen fragen, sondern auch die Psyche im Blick haben», sagt Stoppe. Ein guter Anlass kann zum Beispiel die Patientenverfügung sein: Hier kann man auch Sorgen oder Wünsche zum Lebensende ansprechen. Gut bewährt sich die Frage: «Und wie geht es Ihnen sonst?» als Einladung, über andere als somatische Beschwerden zu reden. Äussert ein Patient den Wunsch nach assistiertem Suizid, sollte man versuchen, neutral zu bleiben und zu verstehen, warum der Patient dies möchte. Hat er Sorgen, seine chronische Krankheit könne schlimmer werden? Fühlt er sich alleine, hat er Schmerzen, findet er das Leben nicht mehr lebenswert? Besonders sollte man auch auf die Zeichen einer Depression achten, die sich bei älteren Menschen öfter durch unspezifische somatische Beschwerden äussert, z.B. allgemeine Abgeschlagenheit, Mattigkeit, Appetitstörungen und gastrointestinale Beschwerden, Druckgefühle in Hals und Brust, funktionelle Beschwerden, Schwindel, Sehstörungen, Muskelverspannungen, sexuelle Funktionsstörungen/Libidoverlust und Gedächtnisstörungen.
Nicht vergessen darf man die Angehörigen. Ein Suizid ist für die Hinterbliebenen eine grosse Last, unter anderem weil sie von Schuldgefühlen geplagt werden. Auch ein assistierter Suizid kann ziemlich belasten: Angehörige, die bei einem assistierten Suizid dabei sind, leiden später unter erheblichen psychischen Stresssymptomen, wie eine Studie aus Leipzig und Zürich zeigte.9 «Man sollte seinen Patienten fragen, ob er an einen Suizid denkt, und die Gefahr einschätzen », rät Stoppe. «Und wenn man meint, der Situation nicht gewachsen zu sein, oder wenn man an den Patienten nicht herankommt: lieber früher als später zu einem Experten in Alterspsychiatrie überweisen.»

Positionspapiere zur Suizidprävention im Alter

Suizide im Alter sind häufig, trotzdem findet diese Tatsache kaum Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit. Im Gegenteil: Suizid im Alter wird oft hingenommen. Deshalb hat Prof. Gabriela Stoppe mit der Arbeitsgruppe «Alter und psychische Gesundheit » von Public Health Schweiz ein Positionspapier «Suizidprävention im Alter » verfasst: https://public-health.ch/de/ aktivit%C3%A4ten/fachgruppen/mentalhealth/. Der Vorstand von Ipsilon hat ausserdem ein Positionspapier zum assistierten Suizid herausgegeben: www.ipsilon. ch/de/aktuell/news.cfm.

Literatur: