Fachthema

Die allergische Rhinokonjunktivitis bei Kindern

Jatros, 07.09.2017

Autor:
Univ.-Prof. Dr. Andreas Temmel
Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern Wien
E-Mail: ordi@hno-ordination.at
Web: www.hno-ordination.at

HNO

Die Prävalenz der allergischen Rhinokonjunktivitis hat sich in den letzten 20 Jahren verdoppelt, wobei Kinder von Allergikern ein deutlich höheres Risiko tragen, an einer allergischen Rhinitis zu erkranken, als Kinder von Nichtallergikern. Als Basistherapie steht neben der Vermeidung der Allergenexposition eine Reihe von pharmakologischen Möglichkeiten zur Verfügung. Die Effektivität der Immuntherapie konnte nun auch bei Kindern belegt werden.

Die allergische Rhinitis wird klinisch definiert als eine symptomatische Erkrankung der Nase, welche durch eine IgE-vermittelte Entzündung nach Allergenexposition verursacht wird. Die Hauptallergene stellen perennial die Hausstaubmilbe und Haustiere sowie saisonal Gräser- und Baumpollen dar. Nahrungsmittelallergene verursachen keine allergische Rhinokonjunktivitis.

Die WHO-Klassifikation unterscheidet heutzutage eine intermittierende von einer persistierenden Erkrankung. Die intermittierende allergische Rhinitis soll im Gegensatz zur persistierenden nicht mehr als 4 Tage pro Woche oder mehr als 4 Wochen pro Jahr Beschwerden verursachen. Der Schweregrad der allergischen Rhinitis soll an der Ausprägung (Leidensdruck) und der Auswirkung auf die Lebensqualität gemessen werden, hierzu zählen die Schlafqualität, die schulische Leistung und die Auswirkung auf Alltagstätigkeiten.

Die Prävalenz der allergischen Rhinokonjunktivitis hat sich in den letzten 20 Jahren verdoppelt. Derzeit nimmt man an, dass 16–20% aller Kinder bis zum 10. Lebensjahr eine eindeutige Symptomatik entwickeln. Die typischen Heuschnupfensymptome treten üblicherweise zwar erst nach dem 2. Lebensjahr auf, allerdings wird vermutet, dass die Sensibilisierung schon früher stattfindet.

Die genetische Prädisposition scheint bei der Genese von allergischen Erkrankungen einen besonderen Stellenwert einzunehmen. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind an allergischer Rhinokonjunktivitis erkrankt, steigt, wenn ein Elternteil allergisch ist, um 50% und wenn beide Elternteile allergisch sind, um 75%. Einen schützenden Effekt auf die Konditionierungsphase scheint der Kontakt mit Infektionserregern zu haben. Das Ergebnis einer großen Studie zeigte, dass häufige virale Infekte der oberen Atemwege im Säuglingsalter eine niedrigere Asthmaprävalenz zur Folge haben.

Studien konnten zeigen, dass die Zufuhr von Omega-3-Fettsäuren in der zweiten Schwangerschaftshälfte, Stillen für 3 bis 6 Monate sowie eine probiotische Diät während der letzten 4 Schwangerschaftswochen und während der Stillzeit das Risiko für die Entwicklung einer Allergie ebenfalls reduzieren können.

Diagnostik

Die typischen Symptome der allergischen Rhinokonjunktivitis sind behinderte Nasenatmung, wässriges Nasensekret, Niesen, Juckreiz in der Nase und den Augen. Häufig kommt es auch zu pulmonalen Symptomen, wie einer obstruktiven Bronchitis (40%). Differenzialdiagnostisch sind bei Kindern respiratorische Infekte, Hypertrophie der adenoiden Vegetationen und Fremdkörper als häufige Ursachen einer Rhinitis zu bedenken.
Klinisch findet man bei Kindern häufig dunkle Augenringe als Zeichen eines suborbitalen Ödems (wie Facies adenoidea), dieses wird „allergic shiner“ genannt. Typisch ist auch der sogenannte „allergic salute“ – das Nach-oben-Reiben der Nase mit der flachen Hand bei Juckreiz. Häufig kann man in den ersten Lebensmonaten bei Befragen der Eltern Hinweise auf eine Allergie erhalten (Ekzeme, rezidivierende Magen-Darm-Beschwerden, obstruktive Bronchitis). Die Diagnostik erfolgt wie bei Erwachsenen mit Pricktest und der Bestimmung der spezifischen Serum-IgEWerte. Weitere Untersuchungen sind zur Abklärung der Allergie nicht notwendig. Bei Kindern mit einer allergischen Rhinokonjunktivitis verdoppelt sich die Wahrscheinlichkeit, an Asthma, chronischer Rhinitis oder einem Seromukotympanon zu erkranken.

Therapie

Grundsätzlich besteht die Therapie der allergischen Rhinokonjunktivitis in der Aufklärung des Patienten und der Eltern in Bezug auf die Vermeidung der Allergenexposition sowie die pharmakologischen Möglichkeiten. Die Studienlage hinsichtlich des Effekts der Allergenvermeidung auf die allergische Rhinokonjunktivitis ist schlecht, allerdings ist für eine häufige Komorbidität bei perennialen Allergien, das Asthma bronchiale, eine Verbesserung der Symptomatik um 30% dokumentiert.

Viele Eltern haben den Wunsch nach einer natürlichen Therapie und setzen Spülungen mit Solelösungen ein. In einer Studie konnte gezeigt werden, dass dadurch die verwendete antiallergische Medikation um 30% reduziert werden konnte; somit kann die Nasenspülung als sinnvolle Ergänzung empfohlen werden. Eine randomisierte Studie zur Monotherapie mit NaCl liegt aber nicht vor.
Die pharmakologische Therapie der allergischen Rhinitis hat eine Reduktion der Entzündung der Nasenschleimhaut zum Ziel. Die Zahl der Arzneimittelstudien bei Kindern ist allerdings gering, weshalb der Algorithmus aus der Erwachsenenmedizin verwendet wird.

Ein systematischer Review konnte zeigen, dass die topischen Kortikosteroide den systemischen Antihistaminika überlegen sind. Die häufigste Nebenwirkung war eine geringgradige Epistaxis. Ein systemischer Effekt, insbesondere eine Beeinflussung der Nebenniere oder des Wachstums, wurde für keine Substanz nachgewiesen. H1-Antihistaminika der 2. Generation sind bei Kindern ebenfalls effektiv und sicher anwendbar, sowohl systemisch als auch topisch. Chromoglykate und Leukotrienantagonisten sind effektiver als Placebo, allerdings schwächer wirksam als topische Kortikoide und Antihistaminika.
Falls trotz der angeführten Medikamente keine Symptomkontrolle erreicht wird, kann kurzfristig auch ein orales Kortikosteroid eingesetzt werden. Die monoklonalen Antikörper wie Omalizumab (Anti-IgE) sind hoch wirksam bei Erwachsenen, bei Kindern für die Therapie der allergischen Rhinokonjunktivitis jedoch nicht zugelassen.
Wie bei Erwachsenen stellt die Immuntherapie (Hyposensibilisierung) jene Therapieform dar, die einen Etagenwechsel vermeiden helfen soll („allergischer Marsch“). Randomisierte Doppelblindstudien konnten nun bei allergischen Kindern zeigen, dass die Immuntherapie auch bei Kindern effektiv ist. Als Applikationsform wird von den Patienten die sublinguale gegenüber der subkutanen Therapie meist bevorzugt.

Eine chirurgische Therapie kann bei allergischer Rhinitis im Kindesalter angezeigt sein, wenn die pharmakologische Therapie versagt, klinisch relevante anatomische Beeinträchtigungen (z.B. Hyperplasie der unteren Nasenmuscheln) oder Folgekrankheiten wie eine chronische Sinusitis vorliegen.

Literatur: