Fachthema

Das Grazer Mangelernährungs-Screening (GMS)

Mangelernährung erkennen

DAM, 13.07.2017

Autor:
Anna Maria Eisenberger, MBA
Ernährungsmedizinischer Dienst (Diätologie)
LKH-Univ.-Klinikum Graz
E-Mail: anna.eisenberger@klinikum-graz.at
Autor:
Doris Eglseer, BBSc, MSc
Institut für Pflegewissenschaft
Medizinische Universität Graz
E-Mail: doris.eglseer@medunigraz.at
Allgemeinmedizin

Das Erkennen von Mangelernährung bei Patienten in der täglichen Praxis ist Voraussetzung, um adäquate ernährungstherapeutische Maßnahmen einzuleiten. Dazu eignen sich einfache und rasch durchführbare Screening-Instrumente wie das Grazer Mangelernährungs-Screening (GMS).

Mangelernährung wird definiert als Mangel oder Ungleichgewicht von Kalorien, Proteinen und/oder anderen Nährstoffen. Dieser Mangel führt zu messbaren Effekten auf den Körper und dessen Funktionen.1 Die negativen Folgen sind weitreichend. Neben einer erhöhten Morbidität zeigen mangelernährte Personen höhere Komplikationsraten und eine vermehrte Pflegebedürftigkeit, sie haben eine verminderte Lebensqualität und weisen eine erhöhte Mortalität auf.2

Prävalenz

Die Prävalenz der Mangelernährung steigt parallel zum Alter. Eine Studie mit über 4500 Probanden aus zwölf verschiedenen Ländern zeigt, dass über 50% der älteren Menschen im Krankenhaus bzw. auf geriatrischen Rehabilitationsstationen mangelernährt sind. In Pflegeheimen sind es ca. 15% und bei zu Hause lebenden älteren Menschen liegt die Prävalenz bei ca. 6%. In der täglichen Praxis wird Mangelernährung oft nicht erkannt und bleibt daher auch häufig unbehandelt.3

Das Grazer Mangelernährungs-Screening (GMS)

Damit mangelernährte Personen frühzeitig identifiziert werden können, empfehlen Fachgesellschaften und Leitlinien einfache und rasch durchführbare Screening-Tools.4, 5 Zu diesem Zweck wurde im Jahr 2006 das GMS (Abb. 1) von dem multidisziplinären Ernährungsteam des LKH-Univ.-Klinikums Graz (bestehend aus Diätologen, Ärzten, Pharmazeuten und Pflegepersonen) entwickelt. Es basiert auf den Empfehlungen internationaler Fachgesellschaften sowie auf bereits bestehenden und validierten Screening-Tools.6
Das GMS beinhaltet vier Aspekte:
1. Gewichtsverlauf (Gewichtsverlust während der letzten 3 Monate)
2. derzeitiger Ernährungszustand (altersabhängiger BMI)
3. Nahrungsaufnahme (Rückgang der Nahrungsaufnahme in den letzten Monaten)
4. Erkrankungen
Patienten, die älter als 65 Jahre sind, erhalten einen Zusatzpunkt, da das Alter per se einen Risikofaktor für die Entwicklung einer Mangelernährung darstellt.

Praktikabilität des GMS

Das GMS ist nicht nur einfach und praktikabel in der Anwendung (Dauer ca. 3 Minuten), sondern weist auch eine hohe Validität (Gültigkeit) sowie eine hohe Reliabilität (Zuverlässigkeit) auf. Dazu wurde am LKH-Univ.-Klinikum Graz im Jahr 2014 eine Querschnittstudie mit über 400 Probanden durchgeführt. In der Studie wurde das GMS mit anderen Screening-Tools wie dem Nu­tritional-Risk-Screening (NRS) und bei Patienten über 70 Jahren zusätzlich mit dem Mini Nutritional Assessment (MNA-SF) verglichen. Außerdem wurde die Inter-Rater-Reliabilität, also die Übereinstimmung von zwei Urteilern, überprüft.6
Nach Beurteilung mit dem GMS wurde für 31,9 bzw. 28,5% (je nach Urteiler) der aufgenommenen Patienten ein Risiko für Mangelernährung ausgewiesen. Dem NRS zufolge wurden 24,5% der Patienten als mangelernährt klassifiziert. Das GMS zeigte eine starke positive Korrelation mit den beiden Vergleichsmethoden (NRS: r=0,78; MNS-SF: r=0,84). Die mit dem GMS erzielten Resultate zeichneten sich auch durch eine sehr hohe Genauigkeit (0,85), Sensitivität (0,94), Spezifität (0,77), einen positiven prädiktiven Wert (0,76) und einen negativen prädiktiven Wert (0,95) aus.

Zusammenfassung

Frühzeitige Identifizierung mangelernährter Personen ist wichtig, um adäquate ernährungstherapeutische Maßnahmen zu setzen. Das GMS ist ein einfaches, praktikables, valides und zuverlässiges Instrument, um ein Risiko für Mangelernährung rasch zu erkennen.

Literatur: