Fachthema

IASLC WCLC 2016

Gemeinsam gegen Lungenkrebs

Jatros, 02.03.2017

Interview-Partner:
Univ.-Prof. Dr. Robert Pirker
Universitätsklinik für Innere Medizin I, Klinische Abteilung für Onkologie
Medizinische Universität Wien
E-Mail: robert.pirker@meduniwien.ac.at
Interview geführt von:
Dr. Nicole Leitner

Onkologie | Pneumologie

Auf der 17. World Conference on Lung Cancer (WCLC) vom 4. bis 7. Dezember 2016 in Wien wurden viele wichtige Themen diskutiert: zielgerichtete Therapie, Immuntherapie, prädiktive Biomarker, Diagnose, Screening und Prävention. Der Präsident der Konferenz, Univ.-Prof. Dr. Robert Pirker von der Medizinischen Universität Wien, hat mit uns über die Highlights der Weltkonferenz gesprochen.

Herr Prof. Pirker, Sie waren Präsident der 17. WCLC. Wie waren Ihre Eindrücke vom Kongress?
R. Pirker:
Es war eine sehr spannende, multidisziplinäre Konferenz der International Association for the Study of Lung Cancer (IASCL) mit mehr als 6.500 Teilnehmern aus 93 Ländern, der die gesamte Bandbreite des Lungenkrebses abgedeckt hat: von der Prävention bis zur Palliation.

Auf der WCLC wurden mehrere klinische Studien präsentiert. Welche waren für Sie die wichtigsten und welche Auswirkungen haben diese auf den klinischen Alltag?
R. Pirker:
Die Ergebnisse der randomisierten Phase-III-Studie AURA3 waren beeindruckend. Patienten mit EGFR-mutierten Karzinomen, die resistent gegen eine Tyrosinkinaseinhibitor(TKI)-Therapie wurden und eine EGFRT790M-Mutation im Tumor aufwiesen, hatten bei der Behandlung mit dem neuen TKI Osimertinib einen Vorteil im progressionsfreien Überleben (PFS) gegenüber denjenigen im Chemotherapiearm (Abb. 1).1 In Zukunft werden also TKI-resistente Patienten mit einer T790M-Mutation bevorzugt mit Osimertinib behandelt werden.
Eine Phase-III-Studie aus China, die BRAIN-Studie, zeigte, dass EGFR-mutationspositive NSCLC-Patienten mit Hirnmetastasen von einer TKI-Behandlung mit Icotinib im Vergleich zur Strahlentherapie profitieren.2 Deshalb können künftig Patienten mit Hirnmetastasen bei einem EGFR-mutierten Karzinom primär mit einem EGFR-Tyrosinkinase­inhibitor behandelt werden.
Die dritte wichtige Studie ist die ASCEND-4-Studie. Der ALK-Inhibitor Ceritinib zeigte in dieser Phase-III-Studie im Vergleich zur Erstlinien-Chemotherapie ein verlängertes PFS – sowohl bei Patienten mit als auch jenen ohne Hirnmetastasen (Abb. 2).3 Somit steht nun ein weiterer ALK-Inhibitor für die Erstlinientherapie zur Verfügung.

Auf dem Kongress gab es eine eigene Session zu Checkpoint-Inhibitoren. Was waren hier die wichtigsten Erkenntnisse?
R. Pirker:
Auf der WCLC wurden hauptsächlich Daten zur Lebensqualität und Subgruppenanalysen zu verschiedenen Checkpoint-Inhibitoren wie Atezolizumab, Pembrolizumab, Nivolumab oder Durvalumab präsentiert. Ein Schwerpunkt beim Kongress waren auch prädiktive Faktoren für diese Wirkstoffe. In der Zukunft könnten Checkpoint-Inhibitoren einerseits in Frühstadien, andererseits in Kombination mit anderen Therapien eingesetzt werden; entsprechende Studien laufen bereits.

Biomarker und „liquid biopsy“ wurden bei der Konferenz mehrfach thematisiert. Wie ist hier der aktuelle Stand?
R. Pirker:
Die Frage der „liquid biop­sy“ steht eigentlich bei allen zielgerichteten Therapien im Raum. Das Ersetzen der Gewebebiopsie durch Blutabnahme würde natürlich die Biomarkertestung vereinfachen. Derzeit müssen beim Lungenkarzinom die Biomarker EGFR, ALK und ROS routinemäßig analysiert werden. Zusätzlich können noch weitere Marker evaluiert werden. Dies und auch die Frage, mit welchen Techniken diese Analysen durchgeführt werden sollten, wurden am Kongress diskutiert. Die „liquid biopsy“ findet sich zurzeit zunehmend im Einsatz bei der Untersuchung der vorhin erwähnten T790M-Mutation.

Welche Neuigkeiten gibt es in der Diagnose/Klassifikation des Lungenkarzinoms?
R. Pirker:
Auf der WCLC wurde die 8. TNM-Klassifikation vorgestellt, die mit Jänner 2017 in Kraft getreten ist. Durch die neue Klassifikation können Subgruppen mit unterschiedlicher Prognose noch besser als bisher erfasst werden. Ein Schwerpunkt im Zusammenhang mit der (Sub)Klassifikation waren natürlich molekulare Analysen.

Eine Frage, die immer wieder auftaucht, ist die Frage nach einem Screening-Programm zur Früherkennung eines Lungenkarzinoms. Was können Sie uns darüber berichten?
R. Pirker:
Zu diesem Thema gab es beim Kongress sogar einen eigenen Workshop. Teilweise wird in manchen Ländern schon begonnen, Screenings mit CT-Kontrollen umzusetzen. In Österreich könnte man an bestimmten Zentren, wie zum Beispiel dem Allgemeinen Krankenhaus in Wien, Früherkennungsplattformen in Kombination mit Raucherentwöhnungsprogrammen etablieren. Hierfür müssten zuerst die Screening-Techniken etabliert und Follow-up-Untersuchungen genau festgelegt werden. Auch der zu testende Personenkreis müsste vorab klar definiert werden. Schließlich sind ein Datenregister und die Vernetzung mit anderen Früherkennungszentren wichtige Voraussetzungen, dass das Screening immer weiter verbessert werden kann.

Welche weiteren Themen der WCLC waren für Sie interessant?
R. Pirker:
Es wurde ganz bewusst ein Schwerpunkt auf die Prävention von Lungenkrebs gesetzt, also Tabakkontrolle. In diesem Zusammenhang sind noch bessere Information und Aufklärung am wichtigsten: Lungenkrebs ist vermeidbar, indem man nicht raucht! Ein Land, in dem die konsequente Umsetzung der in der „WHO Framework Convention on Tobacco Control“ festgelegten Maßnahmen (Tab. 1) gelungen ist, ist Uruguay. Dr. Tabaré Vázquez, der Präsident von Uruguay, schilderte am Kongress seine beeindruckende Strategie im Kampf gegen den Lungenkrebs. Die Rahmenkonvention und ihre Auswirkungen auf die Weltgesundheit wurden von Dr. Vera Da Costa e Silva von der WHO präsentiert.
Insgesamt hoffe ich, dass auch der Weltkongress dazu beigetragen hat, Lungenkrebs, die global häufigste Krebserkrankung, besser in den Griff zu bekommen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Literatur: