Fachthema

Neues in der Diagnose und Therapie von Hirntumoren

Jatros Digital, 06.02.2017

Interview-Partner:
Dr. Birgit Surböck
Neurologische Ambulanz, Kaiser-Franz-Josef-Spital Wien
E-Mail: birgit.surboeck@wienkav.at
Interview geführt von:
Dr. Nicole Leitner

Neurologie | Onkologie

Am diesjährigen Kongress der European Association of NeuroOncology wurden neue Daten aus dem Bereich der Diagnose, der Biomarker sowie der Bildgebung und mehrere klinische Studien zur Behandlung von Gliomen präsentiert. Dr. Birgit Surböck vom KaiserFranz-Josef-Spital sprach mit uns über die Auswirkungen auf den klinischen Alltag.

Am EANO-Kongress wurde die neue WHO-Klassifikation von Hirntumoren vorgestellt. Können Sie bitte für uns die wichtigsten Änderungen zusammenfassen?
B. Surböck: Generell kann man sagen, dass mit der neuen WHO-Klassifikation jetzt bei der Diagnosestellung nicht mehr nur die histopathologischen Ergebnisse im Vordergrund stehen, sondern vermehrt auch molekulargenetische Marker zum Einsatz kommen. Die Einteilung von WHO-Grad I–IV bleibt weiterhin bestehen, ebenso die Einteilung in astrozytäre und oligodendrogliale Abstammung. Die Tumoren können dann mithilfe diverser Biomarker weiter spezifiziert werden.

Welche Biomarker finden hier Anwendung?
B. Surböck: Zurzeit sind bereits die Methylierung von MGMT, Mutationen von IDH1 und die 1p19q-Kodeletierung in Verwendung. Neu hinzugekommen sind nun Mutationen des ATRX-Gens und des TERT-Gens.1, 2 Diese Biomarker sollen nicht nur zur Diagnose dienen, sondern künftig auch dabei helfen, eine Prognose zu stellen.

Am Kongress wurden einige klinische Studien präsentiert. Welche Studien gab es zur Behandlung des Glioblastoms und wie wirken sich diese auf die Therapie aus?
B. Surböck: Bei der Behandlung von Glioblastomen wird weiterhin in der First-Line-Therapie das Stupp-Schema angewendet, also postoperative Strahlentherapie in Verbindung mit konkomitanter Chemotherapie mit Temozolomid.3 In den letzten Jahren hat es Versuche gegeben, den Angiogenesehemmer Bevacizumab zuzugeben, in der First-Line-Therapie wird dies aber nicht mehr angewendet. Am EANO-Kongress wurde eine Phase-III-Studie präsentiert, bei der im Rezidiv die Behandlung mit Lomustin in Kombination mit oder ohne Bevacizumab getestet wurde. Im Gesamtüberleben (OS) wurde zwischen beiden Gruppen kein Unterschied gefunden, das progressionsfreie Überleben (PFS) konnte jedoch von 1,5 Monaten in der Therapie mit Lomustin alleine auf 4,2 Monate in der Kombinationstherapie verlängert werden. Im kombinierten Arm gab es allerdings auch mehr hämatotoxische Nebenwirkungen. Diese könnten durch die längere Therapie im Kombinationsarm im Vergleich zur Therapie mit Lomustin alleine bedingt sein (durchschnittlich 3 Zyklen vs. 1 Zyklus).4
In einer anderen Studie (EORTC 26062) bei älteren Patienten (median 73 Jahre) wurde die Kombination aus hypofraktionierter Bestrahlung – anders als im Stupp-Protokoll mit 40Gy zu 15 Fraktionen – und adjuvanter Behandlung mit Temozolomid über 12 Zyklen getestet. Für die ältere Patientengruppe war diese Behandlung im Vergleich zur alleinigen Radiatio von Vorteil.5

Welche Ergebnisse wurden bei der Behandlung von niedriggradig malignen Gliomen (LGG) präsentiert?
B. Surböck
: In der Phase-III-Studie RTOG 9802 wurde eine additive Chemotherapie mit PCV (Procarbazin, Lomustin und Vincristin) zur Strahlentherapie im Vergleich zu alleiniger Strahlentherapie bei LGG getestet. Bei Patienten über 40 Jahre mit zusätzlichen Risikofaktoren, weil nur eine Biopsie oder eine subtotale Resektion durchgeführt wurde, konnte eine 10-Jahres-PFS-Rate von 51% in der Kombinationstherapie vs. 21% im Behandlungsarm mit alleiniger Strahlentherapie erreicht werden.6 Bei dieser Patientengruppe sollte also zusätzlich zur Strahlentherapie auch eine Chemotherapie durchgeführt werden.

Auf dem Kongress wurden die ersten Ergebnisse der CATNON-Studie vorgestellt. Welche Therapieänderungen ergeben sich daraus?
B. Surböck: Bei den anaplastischen Gliomen WHO-Grad III ohne 1p/19q-Kodeletierung hat Prof. Martin van den Bent aus den Niederlanden die vorläufigen Ergebnisse der randomisierten Phase-III-Studie CATNON präsentiert. Auch hier zeigt sich beim Vergleich von Strahlentherapie alleine oder in Kombination mit Temozolomid, dass Patienten von der adjuvanten Chemotherapie profitieren. Das PFS konnte im Kombinationsarm um etwa 2 Jahre verlängert werden (19 Monate im Strahlentherapiearm vs. 42,8 Monate im Kombinationsarm). Auch die 5-Jahres-Überlebensrate war bei der adjuvanten Behandlung mit Chemotherapie mit 56% höher als bei Patienten, die nur Strahlentherapie erhielten (44%).7 Der neue Standard in der Behandlung dieser Patienten ist also Bestrahlung mit anschließender Temozolomid-Chemotherapie.

Beim Glioblastom wird ja die Anwendung von „tumor treating fields“ (TTF) getestet. Welche Neuigkeiten gibt es hier?
B. Surböck: Am EANO-Kongress wurden die Ergebnisse der randomisierten Phase-III-Studie EF-14 vorgestellt. Nach erfolgter chirurgischer Entfernung und Radiochemotherapie wurden Patienten entweder mit Temozolomid alleine oder in Kombination mit TTF, also hochfrequenten Wechselstromfeldern, behandelt. Im Kombinationsarm war das Gesamtüberleben (OS) insgesamt um 4,9 Monate länger. Ein Problem bei dieser Therapieform ist allerdings die Compliance der Patienten, denn die Wechselstromfelder werden über einen „Elektrodenhelm“ appliziert, der täglich 18 Stunden auf dem enthaarten Kopf getragen werden muss.8

Am EANO-Kongress wurde das österreichische Hirntumorregister präsentiert, an dem auch Sie beteiligt sind. Was können Sie uns über dieses Projekt berichten?
B. Surböck: Das „Austrian Brain Tumor Registry“ (ABTR) sammelt seit 2005 Daten von Glioblastompatienten, angefangen bei Erstsymptomen und Erstbildgebung über Biopsien bis hin zur Therapie. Am Kongress wurden nun die Erkenntnisse aus den gesammelten Daten präsentiert. Daraus kann man schließen, dass wir uns in Österreich sowohl im Bereich der Diagnostik als auch der „State of the Art“-Therapie auf internationalem Standard bewegen.9

Vielen Dank für das Gespräch!

© Foto Wilke

Literatur: