JATROS Neurologie & Psychiatrie 2018/5

40 Neurologie & Psychiatrie 5 /2018 Kongress PSYCHIATRIE 21. ÖGABS-Substitutionsforum Die amerikanische Opioidkrise: Auswirkungen für Europa? Mehr als 200 Teilnehmer nutzten beim traditionsreichen Substitutionsforum der Österreichischen Gesellschaft für arzneimittelgestützte Behandlung von Suchtkrankheit (ÖGABS) die Gelegenheit zur Fortbildung und zum Meinungsaustausch über neue Entwicklungen und aktuelle Aspekte in der Substitutionsbehandlung. Ausgangsthema waren diesmal die Opioidkrise in den USA und deren mögliche Auswirkungen auf die Situation und Zukunft der Substitutionsbehandlung in Europa. D ie Opioidkrise, die in den USA seit rund zwei Jahrzehnten besteht, zeigt noch immer zunehmende Tendenzen. Zwi- schen 2010 und 2016 stiegen die Heroin- bezogenen Todesfälle in den USA um das 5-Fache an, berichtet Univ.-Prof. Dr. Alf- red Springer, 1. Vorsitzender der ÖGABS. Allein zwischen 2015 und 2016 sei ein Anstieg um fast 20% verzeichnet worden. Im Jahr 2016 seien 15500 Personen an Heroin-bezogenen Todesfolgen verstorben. Gründe, die zu diesen Auswüchsen der Opioidkrise führten, sieht Prof. Springer in den grundsätzlichen Schwächen des US-Gesundheitssystems: mangelhafte Ver- sicherungsleistung, hohe Therapiekosten, hohe Medikamentenpreise. Hinzu kom- men strukturelle Schwächen des Behand- lungsangebots in den USA, die die Akzep- tanz und Haltekraft der Therapieangebote beschränken: • Praktizierende Ärzte dürfen nur Bu- prenorphin/Naloxon-Kombinationen verschreiben. • Methadon darf nur in „Opioid Treat- ment Programs“ abgegeben werden. • Das Angebot an Opiatagonisten ist un- zureichend. • Die Behandlung ist teuer. • Die Dichte an Behandlungsstätten ist gering. All diese Aspekte tragen, so Prof. Sprin- ger, dazu bei, dass Patienten und Abhän- gige auf akzeptablere und billigere Optio- nen des Schwarzmarkts ausweichen. Die Auswirkungen auf Europa Trends aus den USA finden oft auch mit einiger Verzögerung ihren Weg nach Eu- ropa. Hierzulande stellt nach Meinung von Prof. Springer der außermedizinische Ge- brauch von opioidhaltigen Arzneimitteln aktuell kein vergleichbares Problem dar; weder was den Anteil der von diesen Stof- fen abhängigen Personen an der Suchtkli- entel betrifft noch hinsichtlich einer dro- henden Zunahme von Überdosierungs- Zwischenfällen und Todesfolgen. Eine akute Bedrohung sieht Dr. Thomas Pietschmann, Drug Research Section des United Nations Office on Drugs and Crime, auch für Europa nicht. Die nord- amerikanische Opioidkrise sei gekoppelt an die dortigen Verschreibungspraktiken, den Anstieg des Heroinhandels und zu- nehmend auch an den Schmuggel von synthetischen Opioiden wie Fentanyl-Ana- loga. Dem stünden striktere Verschrei- bungspraktiken in Europa sowie ein ein- facherer Zugang zum Gesundheitssystem – auch für Randgruppen – gegenüber, sodass der reinen Schmerzbehandlung die Behandlung der zugrunde liegenden Er- krankungen zuvorkommen würde. Zeit- gleich sei ein starker Anstieg der Opium- produktion in Afghanistan zu beobachten und dadurch in den kommenden Jahren mit der Verfügbarkeit von billigem Heroin in Europa zu rechnen. Es ist daher davon auszugehen, dass eine drastische Zunah- me des Konsums von Opioiden in Europa in den nächsten Jahren nicht stattfinden wird. Neue Perspektiven: Hydromorphon Die Situation bezüglich der Behandlung Opioidabhängiger stellt sich in Österreich relativ positiv dar: Fast zwei Drittel befin- den sich in einer Substitutionstherapie („In treatment“-Raten zwischen 53 und 61% je nach Region). 1 Für die Behandlung sind hierzulande fünf Wirkstoffe zugelas- sen: D-, L-Methadon, Levomethadon, Bu- prenophin, Buprenophin/Naloxon und Morphin retard, wobei Letzteres insge- samt am häufigsten eingesetzt wird und in sieben von neun Bundesländern sogar an der Spitze der verordneten Arzneistof- fe steht. Die Palette an Therapieoptionen ist somit wesentlich größer als in den meisten anderen europäischen Ländern. Nichtsdestotrotz sehen Experten, so Dr. Hans Haltmayer in seinem Vortrag, auch hierzulande in der Erweiterung der zur Verfügung stehenden Substitutionswirk- stoffe um eine i.v. Applikationsoption ei- nen Vorteil. Alle in Österreich einsetzba- ren Optionen werden ausschließlich oral eingenommen. Alternative Applikations- wege wären daher für jene Patienten wün- schenswert, die – aus den verschiedensten Gründen – von dem Angebot der oralen TERMIN Das nächste Substitutionsforum der ÖGABS findet von 6. bis 7. Mai 2019 in Mondsee statt.

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