JATROS Gynäkologie & Geburtshilfe 2018/2

B. Maier, Wien OEGGG-JaHrEstaGunG Kongress Gewalt (k)ein thema der Frauenheilkunde? Frauen machen – viel mehr noch als Männer – Gewalterfahrungen. Schätzungen zufolge ist jede 5. Frau in Österreich von Gewalt betroffen. Gewalt ist ein die Gesundheit beeinträchtigender Faktor. Sie wird in verschiedenen Kontexten und Beziehungen erlebt. Und: Frauen sind in verschiedenen Lebenssituationen besonders vulnerabel, zum Beispiel während der Schwangerschaft und unter der Geburt. i n den letzten Monaten ist Gewalt unter der Geburt auch in Österreich zum The- ma geworden. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO, 2014) definiert Gewalt in der Geburtshilfe als „Handlungen und Vorgänge, die sich während der Schwangerschaft, unter der Geburt oder im Wochenbett negativ beein- flussend, verändernd oder schädigend auf Frauen und ihre Kinder auswirken“. Die WHO fordert ausdrücklich das Recht von Frauen auf eine würde- und respektvolle Behandlung sowie körperliche Unversehrt- heit unter der Geburt ein. Selbstverständ- lich ist es ein Grundrecht der Gebärenden, dass vor jedem Eingriff ihr „informed con- sent“ eingeholt wird. Sie kann auch jeder- zeit die Behandlung verweigern. Quellen und inhalt Zur Gewalt unter der Geburt gibt es keine Studien, aber zunehmend Einzelfall- berichte von betroffenen Frauen wie auch Hebammen – vor allem Hebammenstu- dentinnen. Die Installierung des soge- nannten „Roses Revolution Day“ am 25. November jedes Jahres, an dem Betroffe- ne, die im Kreißsaal Gewalterfahrungen gemacht haben, Rosen vor die Kreißsaal- türe legen, um auf ihre Situation aufmerk- sam zu machen, zeigt, dass Gewalt ein Thema ist, dem sich auch die Frauenheil- kunde stellen muss – in einer differenzier- ten Herangehensweise unter Beachtung der besonderen Situation der Geburt. Was bedeutet Gewalt unter der Geburt? In Büchern von Betroffenen zu diesem Thema und in Internetforen werden dazu folgende Angaben gemacht: unnötig häu- fige Untersuchungen, Kristeller-Handgriff, unnötige Einleitung einer Geburt, unnötig große Schnittführungen, enges Vernähen einer Episiotomie, forcierte Gewinnung der Plazenta, Bewegungseinschränkung unter der Geburt und vor allem Eingriffe, die medizinisch nicht notwendig sind. Im- mer wieder wird auf die in Österreich und Deutschland hohe Sectiorate von über 30% hingewiesen. Sie steht pars pro toto für alle weiteren die physiologische Ge- burt störenden unnötigen Interventionen. Als Hintergründe werden die Techni- sierung der Geburtshilfe, die allzu rasche Definition einer Schwangerschaft als Ri- sikoschwangerschaft, die mangelnde Auf- klärung und die Verweigerung des Rech- tes, nein zu sagen, angeführt. Ein medizi- nischer Eingriff ohne medizinischen Mehrwert wird als gewaltsamer Übergriff definiert. Als aktuelle Ursachen werden finanzi- elle Anreize, Personalmangel (keine 1-zu- 1-Betreuung, auf eine Gebärende kommt nicht eine Hebamme), mangelnde Gebär- beziehungen (Begleithebamme, Doula) und Forensik im Sinne von Defensivmedi- zin beschrieben. Gewalt im Kreißsaal und unter der Ge- burt ist traumatisierend für Mütter, Kinder und Väter, aber auch für das geburtshilf- liche Personal sowie für eine gesamte „ge- burtsvergessene“ Gesellschaft. Mütter und Väter können mit Versagensängsten, post- traumatischen Belastungsstörungen, post- partalen Depressionen samt Still- und Bondingproblemen sowie sekundärer Ste- rilität und einer gesteigerten Nachfrage nach Wunschsectiones nach traumatisie- render Geburt reagieren. Um dem Rechnung zu tragen bzw. „ge- waltsame Übergriffe“ im Kreißsaal zu ver- hindern, gibt es Empfehlungen der WHO in 16 Punkten – unter dem Motto „Geburt © iStockphoto/kieferpix 14 Gynäkologie & Geburtshilfe 2/2018

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