DAM Die AllgemeinMediziner 2018/3

Medizin 32 Ausgabe 03 /2018 A. Mang, Oberwölz Der kindliche Schmerz Wenn Kinder Schmerzen äußern, dann haben sie auch Beschwerden in somatischer oder somatoformer Weise und sollen in jedem Fall ernst genommen werden. J e kleiner das Kind, umso unspezifischer wird der Schmerz in der Regel ge­ äußert. Dies bedeutet aber selbstverständ- lich nicht „weniger Schmerz“. Hier ist ein gemeinsames Einschätzen der Situation durch Kind, Eltern und Arzt mit allen Sin- nen gefragt. Eine gezielte individuelle Be- handlung von Schmerzen kann auch beim Kind nur sinnvoll nach einer Klas- sifizierung des Schmerzes durch genaue Anamnese und nach sorg- samer klinischer Untersuchung erfolgen. Damit kann nicht nur die Schmerztherapie optimiert bzw. minimiert werden, sondern es kön- nen auch die unerwünschten Ne- benwirkungen reduziert und die Compliance erhöht werden. Besonders wichtig erscheinen mir die rechtzeitige und ausreichende Schmerzvermeidung („do no harm“) und die Beseitigung der Schmerzursache (akuter Schmerz ist primär keine Erkrankung, son- dern ein Warnsignal)! Schmerzprävention Im Umgang mit Kindern haben das Gewinnen von Vertrauen durch kindgerechtes Handeln und damit das Nehmen von Angst höchste Priorität – alleine dadurch werden oft Schmerzmittel über- flüssig (Sicherheit geben, Zuwen- dung, Ehrlichkeit, Wohlfühlklima schaffen). Genauso wichtig ist es, „im Guten auseinanderzugehen“ – kleine Belohnungen können gele- gentlich mitgegeben werden –, oft sind aber Lob und Anerkennung der Tapferkeit bereits genug Beloh- nung, Süßigkeiten werden von meiner Seite nicht empfohlen. Sind schmerzhafte Eingriffe nötig, emp- fiehlt sich eine rasche Abwicklung durch eine gute Vorbereitung (ide- alerweise außerhalb der Sichtweite des kleinen Patienten). Besonders für regelmäßige Eingriffe empfeh- le ich, präventiv Lokalanästhetika bzw. Zucker großzügig anzuwenden (Abb. 1). „Zucker“ zur Schmerzprävention Bei Frühgeborenen, Neugeborenen und Säuglingen bis zum 6. Lebensmonat kann Glukose 33% (25–70%) per os gemeinsam mit dem Schnuller verabreicht werden (oder einfach stillen); Dosierung: ca. 0,25ml/kg KG bis zu 6x tgl. p.o.; Zubereitung: 4g Glu- kose (entspricht standardisiertem Zucker- briefchen) in 10ml Leitungswasser. Lokalanästhetika • Xylocain Gel (ab Neugeborenenalter, >37. SSW): zur Anwendung auf der Haut bzw. Schleimhaut; 1g Gel (ca. 1ml) enthält 20mg Lidocain-Hyd­ rochlorid; Indikation: zur Schleim- hautanästhesie und als Gleitmittel für die männliche und weibliche Harnröhre zum Einführen eines Katheters; Dosierung: 6mg Lido- cain (=0,3ml Gel)/kg KG (maximal 1ml alle 6h); Wirkungseintritt nach 5min, Wirkdauer 20–30 Minuten • EMLA Creme (ab Neugeborenen- alter, >37. SSW): zur Anwen- dung auf der Haut; 1g Creme enthält 25mg Lidocain und 25mg Prilocain; Indikation: Oberflä- chenanästhesie der Haut (Nadel- stiche, chirurgische Eingriffe an der Haut, genitale Schleimhaut, vor Wundreinigung bei chroni- schen Wunden etc.); Dosierung: 1–2g Creme/Anwendung (= ca. 1–2ml); Wirkungseintritt nach 30–60min Einwirkzeit, Wirkdau- er bis zu 6 Stunden (maximale Analgesie nach 30–60min) • Xylocain Pump-Spray (Kinder ab 3 Jahren): zur Anwendung auf der Haut bzw. Schleimhaut; 10mg Lidocain/Sprühstoß; Do- sierung: 3mg/kg KG; Indikation: zur Schmerzverhütung bei Reini- gung von Schürfwunden, zur Oberflächenanästhesie bei lokal begrenzten Verbrennungen; Wir- kungseintritt nach 1–3min, Wirkdauer 10–15min • Hinweis: Lokalanästhetika sind wegen Vasokonstriktion bei Fin- ger- oder Fersenstich nicht sinn- voll; Achtung bei atopischer Der- matitis, chronischer Nierenkrank- heit (CKD), Herzerkrankungen, Neurologie Abb. 1: Schmerzprävention Klinisches Bild Bewertung Punkte Weinen gar nicht 0 Stöhnen, Jammern, Wimmern 1 Schreien 2 Gesichtsausdruck entspannt 0 Mund verzerrt 1 Grimassieren 2 Beinhaltung neutral 0 strampelnd 1 an den Körper gezogen 2 Rumpfhaltung neutral 0 unstet 1 Krümmen, Aufbauen 2 Motorische Unruhe nicht vorhanden 0 mäßig 1 ruhelos 2 Beobachtungszeitraum: 15sec. Schmerztherapie ab 4 Punkten einleiten, mit steigender Punktezahl mit zunehmender Dringlichkeit Tab. 1: Skala für Unbehagen und Schmerzen bei Kindern nach Büttner (KUSS-Skala)

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