Thema

Bernese Hip Symposium 2018

Expertentreff für junge Hüften

Leading Opinions, 16.05.2018

Bericht:
Mag. Christine Lindengrün
Orthopädie & Traumatologie

Die Klinik für Orthopädische Chirurgie und Traumatologie in Bern gilt als «Mekka» der gelenkerhaltenden Hüftchirurgie. Der Einladung von Prof. Dr. med. Klaus A. Siebenrock zum diesjährigen Berner Hüftsymposium folgten deshalb auch hochrangige Hüftspezialisten aus aller Welt.

Alle zwei Jahre lädt die Berner Klinik im Februar zum «Bernese Hip Symposium », um aktuelle Fragen der Hüftchirurgie auf hohem Niveau zu diskutieren. Auch dieses Jahr kamen Referenten von nah und fern, um vom Berner Team zu lernen und ihrerseits interessante Methoden und neue Erkenntnisse mitzubringen.

«Sowohl der Versorgungsschwerpunkt als auch der wissenschaftliche Schwerpunkt der Berner Klinik liegt auf hüftgelenkerhaltenden Korrekturmöglichkeiten», erklärt Prof. Siebenrock. «Das heisst, wir behandeln hier vorwiegend junge Patienten bis 35 Jahre, aber auch Kinder und Heranwachsende mit Fehlstellungen, die wir operieren, um eine Arthrose zu verhindern. » Für diese spezielle Thematik ist das Berner Hüftsymposium weltweit die bekannteste und renommierteste Veranstaltung. An drei Tagen werden aktuelle Themen wie Hüftinstabilität, neue Aspekte der Pathophysiologie, moderne bildgebende Verfahren und Resultate von Revisionsoperationen besprochen. Dieses Jahr folgten Teilnehmer u.a. aus England, den USA und sogar Japan der Einladung nach Bern, geniesst die Klinik doch Weltruf als spezialisiertes Zentrum. «Das ist aber nicht allein mir zu verdanken», wehrt Siebenrock bescheiden ab, «sondern dem ganzen Team, das die Forschung vorantreibt, sowie meinem Vorgänger Reinhold Ganz, der die Grundlage dafür geschaffen hat, dass wir jetzt auf jahrzehntelange Erfahrung mit gelenkerhaltender Hüft- und Beckenchirurgie zurückgreifen können.»

Weil auch immer öfter jüngere Patienten eine endoprothetische Versorgung benötigen – wenn zum Beispiel der Knorpelschaden schon zu gross ist, um gelenkserhaltend zu operieren – war der letzte Veranstaltungstag dieser Thematik gewidmet. Siebenrock: «Auch für diese Sessions konnten hochrangige Experten gewonnen werden, wie etwa Javad Parvizi aus Philadelphia.»

Ehrengast war Prof. Moritoshi Itoman aus Japan, eine «Ikone auf dem Gebiet der Umstellungsosteotomien», so Siebenrock, den insbesondere die ungewöhnlichen Operationstechniken aus Japan beeindruckten: «Es gibt verschiedene Varianten, wie man einen Knochen am Becken schwenken kann. In Japan wird zum Beispiel der Knochen kreisrund ausgeschnitten, bei uns eckig. Es ist sehr interessant für uns alle, sich über die Erfolge der verschiedenen Methoden auszutauschen.»
Auch die Ansichten, wann welche Fehlstellungen operiert werden sollen, gehen international auseinander. Einigkeit besteht darüber, dass instabile Hüften korrigiert werden müssen, aber ab welchem Schweregrad, wird unterschiedlich gehandhabt.

Fehlstellungen der Hüfte oder des Beckens verursachen oft schon in jungen Jahren Schmerzen. Operationen, die das Gelenk vor der drohenden Arthrose schützen, müssen frühzeitig erfolgen. «Ziel ist es, das Gelenk zu erhalten und den Gelenksersatz nicht nur zu verzögern, sondern im besten Fall ganz zu vermeiden», sagt Siebenrock. Seine jüngsten Patienten sind 4–5 Jahre alt. In Bern kommen für gelenkerhaltende Operationen Patienten unter 35 Jahren infrage, bei denen z.B. Drehfehler des Oberschenkels oder Fehlstellungen im Beckenbereich vorliegen und noch kein Knorpelschaden besteht. «In Japan werden auch Patienten, die wesentlich älter als 35 Jahre sind, noch gelenkerhaltend operiert », berichtet Siebenrock.

Avaskuläre Femurkopfnekrose: hüftkopferhaltende Behandlungsmöglichkeiten

«Gemeinhin wird die avaskuläre Femurkopfnekrose oft mit einem Hüftgelenksersatz behandelt. Alternative Ansätze versuchen nun wieder, das Hüftgelenk doch zu erhalten», erklärt Siebenrock. In einer Live-OP beim Berner Hüftsymposium zeigte er, wie das Hüftgelenk geöffnet, der Kopf aus der Pfanne gehoben, die nekrotische Zone ausgefräst, der Defekt mit eigenem Knochenmaterial gefüllt und mit Knorpelmaterial übernäht wird. «Dazu wird entweder der eigene Knorpellappen oder eine künstliche Membran verwendet. » Die Injektion von Wachstumsfaktoren oder das Einbringen von Metallschirmen stellen weitere neue Behandlungsmethoden dar.
Auch bei der klassischen Umstellungsosteotomie, mit dem Ziel, die nekrotische Zone aus der Hauptbelastungszone herauszubringen, gibt es neue Techniken, wie Siebenrock berichtet. Ebenfalls aus Japan kommt die Methode einer Rotationsosteotomie, die hierzulande unüblich ist. Dabei wird der ganze obere Anteil des Oberschenkelknochens um 90 Grad geschwenkt. «Der internationale Austausch zeigt uns, wie viel wir voneinander noch lernen können», so Siebenrock.

Femoroacetabuläres Impingement

Für das Hüftimpingement gibt es im Prinzip zwei Behandlungsmöglichkeiten: die offene Chirurgie und die Arthroskopie. «Arthroskopisch kann behandelt werden, wenn die Verformung des Hüftkopfes nicht zu stark ausgeprägt ist und vor allem, wenn sie gut erreichbar, also vorne oder oben am Hüftgelenk lokalisiert ist», erklärt Siebenrock. «Grobe, ausgedehnte und voroperierte Verformungen werden bei uns mit offener Chirurgie versorgt, weil sie arthroskopisch nur ungenügend korrigiert werden können und wir die Erfahrung gemacht haben, dass die Ergebnisse dann unbefriedigend sind.» Prof. Siebenrock warnt davor, ausgeprägte Impingementfehlformen arthroskopisch zu versorgen: «Wenn Restbefunde bestehen bleiben, kommen die Patienten meist nach zwei bis drei Jahren wieder.» Einfache Verformungen wie das CAMImpingement können aber überwiegend arthroskopisch behandelt werden. «Die Hüftarthroskopie hat ganz klar ihren Stellenwert, aber man muss wissen, wo ihre Grenzen sind», fasst Siebenrock zusammen.

Live-Operationen und Vorkurs

Ein Highlight des diesjährigen Symposiums war die Live-Übertragung von zwei Operationen. «Das Format der Live-Operation bei solchen Veranstaltungen halte ich für besonders lehrreich», so Siebenrock. Er selbst führte einen gelenkserhaltenden Eingriff vor laufender Kamera durch. Via Satellit wurde eine Hüftgelenksersatzoperation aus den USA live in den Hörsaal übertragen: Prof. William J. Hozack vom Rothman Institute in Philadelphia implantierte eine Hüfttotalendoprothese über einen minimal invasiven vorderen Zugang bei einem Patienten mit komplexer Hüftdeformität.

Zum ersten Mal in der langen Geschichte des Berner Hüftsymposiums wurde dieses Jahr auch ein Grundlagen- und Refresher-Kurs angeboten, der auf sehr grosses Interesse stiess und deswegen auch schon als Programmpunkt für das nächste Symposium 2020 vorgesehen ist. Der Kurs war praxisnahe orientiert mit Patientendemonstrationen von typischen Befunden, einer systematischen Analyse der Beckenröntgenbilder und einer Einführung in das Lesen von MRI-Befunden. An echten Präparaten wurde die relevante Anatomie der Hüfte demonstriert. Die Teilnehmer erhielten auch einen Behandlungsalgorithmus, mithilfe dessen konkrete Fälle diskutiert wurden.

Der Termin für das nächste Berner Hüftsymposium steht bereits fest: Im Schaltjahr 2020 werden die Experten vom 27. bis 29. Februar zusammentreffen. Nähere Informationen sowie Videos von den Live-OPs und Vorträgen der bisherigen Hüftsymposien sind verfügbar auf: www.hip-symposium-bern.ch.