Fachthema

Benzodiazepine – nicht zu oft, aber viel zu oft zu lange

DAM, 19.04.2018

Autor:
Dr. Michael Hiden
Ärztlicher Leiter I.K.A. ( Interdisziplinäre Kontakt- und Anlaufstelle) – basismedizinische Suchtkrankenversorgung, Graz
E-Mail: michael.hiden@ika.or.at

Allgemeinmedizin | Psychiatrie

Benzodiazepine sind äußerst hilfreiche, zumeist sehr gut verträgliche und – im richtigen Moment verwendet – auch durchaus lebensrettende Medikamente. Sie werden nicht zu oft, aber oftmals zu lange verwendet. Dieser Artikel soll einen Überblick über die potenziellen Anwendungsgebiete von Benzodiazepinen liefern, den sicheren Umgang mit dieser sehr wirksamen Substanzgruppe ermöglichen und auch eine Hilfestellung im Umgang mit jenen Patienten liefern, welche von diesen Medikamenten abhängig sind.

In unserer täglichen Arbeit sind wir damit konfrontiert, dass es sich bei Benzodiazepinen um Medikamente handelt, welche ein sehr breites Anwendungsgebiet haben, von den Patienten gerne – da sie sehr gut verträglich sind und meist unmittelbar wirken – eingenommen werden und für uns als Behandler sehr verlässlich entsprechend der jeweiligen Indikation wirken. Aus dieser Konstellation heraus ergibt sich die zwingende Notwendigkeit, äußerst sorgsam in der Rezeptierung dieser Wirkstoffgruppe zu sein. Denn sehr rasch kann sich ein Gewöhnungsprozess entwickeln, an dessen Ende ein manifestes Abhängigkeitssyndrom steht. In vielen Fällen geht einer Abhängigkeit die ärztliche Verordnung von Benzodiazepinen voraus.

Wirkung und Anwendungsgebiete

Benzodiazepine wirken anxiolytisch und finden daher Anwendung in der Behandlung von Angstzuständen, Panikanfällen und Phobien. Als Hypnotikum finden sie Anwendung als Einschlaf- und Durchschlafhilfe. Myorelaxierend werden sie bei Muskelverspannungen und spastischen Erkrankungen verwendet. In der Behandlung der Epilepsie bzw. von Krämpfen infolge von Vergiftungen bedient man sich ihres antikonvulsiven Wirkspektrums. Die amnestische Wirkung wird im Zuge der präoperativen Vorbereitung eingesetzt.
Ein weiteres Einsatzgebiet finden Benzodiazepine als Supportivmedikation im Alkoholentzug sowohl im stationären als auch im ambulanten Bereich.
Bedient man sich der anxiolytischen Wirkkomponente, so sollten Benzodiazepine auf keinen Fall als Monotherapie angewandt werden. Sie können nur ein Teilaspekt eines umfassenderen Behandlungskonzepts sein. Dieses sollte sowohl eine weitere psychopharmakologische Medikation als im Idealfall auch gezielte Psychotherapie beinhalten. Der Einsatz ist streng zeitlich zu reglementieren und beim Absetzen ist auf eine „Rebound“- Symptomatik zu achten.
Sollte man die hypnotische Wirkung in Betracht ziehen und Benzodiazepine als Schlafmedikation verwenden, so stellt sich zwingend die Frage, welche alternativen Strategien schon versucht wurden. So scheint es unerlässlich, Fragen nach der Schlafhygiene und nach dem Grund der Schlafstörung zu stellen. Weitere wesentliche Fragen lauten: Wie groß ist der Leidensdruck? Ist trotz beklagter Schlafstörung der Erholungsfaktor gegeben oder beschreibt der Patient Tagesmüdigkeit und Leistungsverlust? Welche alternativen medikamentösen Strategien wurden bereits versucht? Erst nach frustranen Therapieversuchen mit Phytotherapeutika, sedierenden Antidepressiva oder niedrigpotenten Neuroleptika sollte an den Einsatz von Benzodiazepinen gedacht werden. Diese sollten dann auch nur kurzfristig verwendet werden und alsbald wieder abgesetzt werden.
Auch in allen anderen Fällen scheint es angebracht, vor dem Einsatz von Benzodiazepinen möglichst genau abzuwägen, ob sie für die jeweilige Indikation als einzig probates Mittel zu Verfügung stehen.

Benzodiazepine bei komplexen somatopsychischen Beschwerdebildern

Oft scheint es verlockend, auch bei unklarer Indikation den Einsatz von Benzodiazepinen in Betracht zu ziehen. Häufig ist man mit Unruhezuständen unterschiedlicher Genese, Somatisierungsstörungen oder unklaren Schmerzsyndromen konfrontiert, bei denen der Einsatz von Benzodiazepinen als rein symptomatische Therapie sehr erfolgversprechend scheint und kurzfristig Linderung verspricht. Auch ist man oft notgedrungen ob des Mangels an anderen Behandlungsalternativen dazu gezwungen, sich der Wirkung dieser Medikamente zu bedienen. Speziell in derartigen Situationen, wo die Indikation nicht klar festmachbar ist oder aber betreuende Personen mit schwierigen Patienten überfordert scheinen, sollte man umso gezielter darauf achten, keine Abhängigkeit zu generieren, welche sich bereits nach einer Dauer von vier bis fünf Behandlungswochen einstellen kann.

Umgang mit Benzodiazepinabhängigkeit

In der Abhängigkeit von Benzodiazepinen unterscheidet man eine „Low-Dose- Abhängigkeit“ von einer sogenannten „High-Dose-Abhängigkeit“. Von „Low- Dose-Abhängigkeit“ spricht man, wenn der Patient eine Abhängigkeit infolge einer Dosis entwickelt hat, welche der Dosierung laut Fachinformation entspricht. Als „High-Dose-Abhängigkeit“ wird die Abhängigkeit von einer Dosis bezeichnet, welche oft ein Vielfaches der Höchstdosierung laut Fachinformation ausmacht. Generiert werden solche Abhängigkeiten meist nur durch nicht bestimmungsgemäßen Umgang mit dieser Medikamentengruppe und sie sind durch eine zentralnervöse Toleranzentwicklung erklärbar.
Beiden Arten von Benzodiazepinabhängigkeit gemein ist eine manifeste körperliche und psychische Abhängigkeit, welche sich in einem bunten Bild an Entzugssymptomatik zeigt. Diese Entzugssymptomatik kann sich in Form von Unruhezuständen, diffuser Angstsymptomatik, Schlafstörung, Muskelschmerzen oder -krämpfen, Appetit- und Gewichtsverlust, Übelkeit oder unklarer vegetativer Symptomatik präsentieren, kann aber auch als Perzeptionsstörung unterschiedlichen Ausmaßes in Erscheinung treten. Im komplikationsreichsten Ausmaß kann sie zu einem deliranten Zustandsbild führen oder epileptische Anfälle nach sich ziehen.
Hieraus ergibt sich die Notwendigkeit, die Behandlungsdauer möglichst kurz zu halten und eine manifeste Abhängigkeit rechtzeitig zu erkennen. Ein Hinweis auf eine Abhängigkeit kann eine offensichtliche Affinität der Patienten zu diesen Medikamenten sein. Die Behauptung, dass dieses Medikament das einzig hilfreiche sei, sollte Aufmerksamkeit erregen. Sollte man mit einer manifesten Abhängigkeit konfrontiert sein, so gilt es, diese ernst zu nehmen. Den Patienten unversorgt zu lassen und somit potenziell gefährliche Entzugssymptomatiken zu provozieren sollte vermieden werden. Der Patient sollte offen und ehrlich über seine Bedürfnisse sprechen können und das Gefühl vermittelt bekommen, dass man mit ihm gemeinsam eine Lösung finden will. Die Verordnung sollte auch aus nur einer Hand erfolgen, um Mehrfachverschreibungen und die damit verbundene Unübersichtlichkeit der Gesamtdosierung zu verhindern. Wenn es im Rahmen der Behandlung einer „High-Dose-Abhängigkeit“ notwendig ist, eine Dosierung zu verordnen, welche die Höchstdosierung laut Fachinformation überschreitet, so empfehlen sich eine gesonderte Dokumentation und die Erstellung eines Behandlungsplans. Sieht man sich nicht in der Lage, mit dem Patienten gemeinsam einen Behandlungsplan zu erstellen, der sowohl für den Verordner als auch für den Patienten durchführbar scheint, so ist es dringlich angeraten, den Patienten in eine spezialisierte Facheinrichtung zu überweisen. Reduktionsversuche sollten nur mit äußerster Vorsicht, in Absprache mit dem Patienten und über lange Zeiträume angelegt unternommen werden und bedürfen immer einer antiepileptischen Abschirmung.
Abschließend sollte nochmals festgehalten werden, dass es sich bei Benzodiazepinen um äußerst wertvolle Medikamente handelt, welche nicht zu oft, aber leider sehr oft zu lange verordnet werden.

Literatur: