Fachthema

Arzt-Patient-Gespräche im Zeitalter von Dr. Google und Fake News

Jatros, 17.04.2018

Autor:
Prim. Univ.-Prof. Dr. Sibylle Kietaibl, MBA
Abteilung für Anästhesie und Intensivmedizin
Evangelisches Krankenhaus Wien
Sigmund Freud Privatuniversität,
Medizinische Fakultät
E-Mail: s.kietaibl@ekhwien.at

Kardiologie & Gefäßmedizin | Diabetologie & Endokrinologie

Dr. Google wird häufig konsultiert, hat aber nicht den besten Ruf. Suchbegriffe aus dem Bereich der inneren Medizin stehen auf der Hitliste ganz oben. Wie geht man mit in dieser Form informierten Patienten in der Praxis um? Informationsflut und Fake News können unsere Patienten verunsichern und gefährden. Wie können wir die Digitalisierung zugunsten unserer Patienten nutzen?

Keypoints

1. Fachliche Kompetenz:
  • Identifiziere Vorkenntnisse des Patienten aus Internetquellen.
  • Informiere verständlich formuliert und frag nach, ob und wie der Patient das Ausgeführte verstanden hat.
  • Arbeite bei der Patientenedukation mit Dr. Google zusammen.
  • Surfe regelmäßig in der Internetszene im fachärztlichen Bereich.
  • Verweise auf sichere Websites.
2. Emotionale Kompetenz:
  • Baue Ängste des Patienten aufgrund von verunsichernden Internetseiten bzw. Fake News ab.
  • Verstärke das menschliche Bonding.
3. Günstige Grundhaltung:
  • Berücksichtige Patientenpräferenzen und Leitlinienempfehlungen zu „integrated care“.
  • Wende eine partizipative, aktive Form der Kommunikation an.
  • Entscheide gemeinsam mit dem Patienten („shared decision making“), wenn verschiedene evidenzbasierte Behandlungsmethoden zur Wahl stehen.

Dr. Internet und Dr. Google werden häufig konsultiert

Das Internet ist eine wichtige Informationsquelle geworden. Laut Umfragen zu E-Health-Trends holen sich 50% der Befragten medizinischen Rat im „world wide web“. Bei Gesundheitsfragen und körperlichen Beschwerden suchen laut Krankheitsbarometer 2009 bereits mehr Menschen Dr. Google im Internet auf als einen „leibhaftigen“ Arzt. Diese Entwicklung ist nicht überraschend, weil sie die wachsende Informationsfreiheit widerspiegelt, die wir seit der Einführung des Internets in den 1970er-Jahren genießen. Es ist anzuerkennen, dass die Digitalisierung mittlerweile das Gesundheitssystem verändert hat. Dr. Google gehört unumstritten zu den meistkonsultierten Spezialisten und verfügt rund um die Uhr über ein breites Spektrum an Fachwissen, nicht getrübt durch menschliches Vergessen. Unter den 10 meistgesuchten Krankheiten im Internet waren 2014 laut Central Krankenversicherung Diabetes und Bluthochdruck – das Thema „Dr. Google“ ist also für die innere Medizin relevant. Wir Ärzte müssen anerkennen, dass ein wachsender Anteil unserer Patienten zu den häufigen Volkskrankheiten sowie zu seltenen Erkrankungen auf elektronischem Weg Vorinformationen einholt.

Dr. Google hat nicht den besten Ruf

Dr. Google spuckt Tausende von Informationen aus. Die Flut an Informationen zu medizinischen Fachinhalten von Dr. Google kann Personen entweder stärken („empowerment“) oder aber, wegen des Fehlens fundierter Vorkenntnisse, überfordern und verunsichern. Es besteht ein relevantes Risiko für krankhafte Selbstdiagnosen und die Bestärkung gesundheitlicher Bedenken. Psychologen formulieren es krass: Dr. Google macht krank. Von Dr. B. Fallon, Columbia University, New York City, wurde ein neuer Terminus für den modernen Hypochonder eingeführt: Cyberchonder. Diese „Dr. Google“-induzierte Verunsicherung führt zu unnötigen Arztkonsultationen.

Könnte Dr. Google bald den Arzt ersetzen?

Schon heute kommt in manchen Ländern vermittelt über Smartphone-App die Krankenschwester per Taxi zum Impfen. Es klingt verwegen, aber noch vor wenigen Jahren konnten wir uns den Ersatz von Bankbesuchen durch Online-Banking oder von Buchungen im Reisebüro durch Internetsuchmaschinen auch nicht vorstellen. Es ist aber unwahrscheinlich, dass durch Apps oder das Internet der Arztbesuch überflüssig wird. Wir Ärzte haben nämlich eine große Stärke aus der Perspektive unserer Patienten: Wir sind Menschen. Wir können mit unserer menschlichen Zuwendung punkten, mit unserem Know-how Vorinformationen der Patienten interpretieren und ihre Symptome je nach Relevanz bewerten. Gute Medizin wird immer an Ärzte und direkte Interaktionen gekoppelt bleiben.

Ärzte haben im Umgang mit Dr. Google Nachholbedarf

Überraschend ist, dass wir Ärzte uns an die Vorinformationen unserer Patienten noch nicht entsprechend adaptiert haben und dass wir uns Dr. Google noch nicht gezielt als Aufklärungshilfe zunutze gemacht haben. In Bezug auf chronische Krankheiten birgt das Internet großes Potenzial. Psychologische Studien bestärken die Vermutung, dass der durch Internet und Arztgespräch informierte Patient schneller Partner in der Therapie wird und die Compliance steigt.
Wir könnten Dr. Google als Zuweiser nutzen. Wenn Menschen sich für ihre Symptome schämen und sonst gar nicht zum Arzt gehen würden, ist es wichtig, dass gute Informationen im WWW verfügbar sind und der Patient dann hoffentlich doch motiviert wird, sich der erforderlichen Diagnostik und Therapie zu unterziehen.

Fake News

Es gibt nicht nur sichere Websites mit guten Gesundheitsinformationen. Es gibt auch Falschmeldungen, die sich über das Internet und soziale Netzwerke rasant verbreiten können. Sie reichen von unabsichtlich und im guten Glauben gehosteten Falschnachrichten über Scharlatanerie bis hin zu kriminell motivierten Lügen. In der Politik können Fake News Wähler beeinflussen, im Finanzmarkt Börsenkurse, im Gesundheitsbereich können Fake News sogar lebensgefährlich sein. Es werden beispielsweise Wundermittel ohne die für Medizinprodukte erforderlichen Zulassungsformalitäten angepriesen, übertriebene Heilsversprechen für Verfahren ohne wissenschaftliche Evidenz verbreitet, notwendige Therapien verhindert. Manche Fake News sind laut Prof. G. Antes, Cochrane- Zentrum des Universitätsklinikums Freiburg, an typischen Kennzeichen leicht zu erkennen: Pseudokomplexe Formulierung suggeriert Seriosität, Angaben zu Dosis und Nebenwirkungen, Quellenangaben und Impressum fehlen, Infotext und Produktwerbung werden miteinander verknüpft. Manche Fake News wirken jedoch auf den ersten Blick glaubhaft und Laien können ihre Richtigkeit, die Bandbreite von Halbund Unwahrheiten, niemals überprüfen. Es braucht fundiertes medizinisches Wissen, um diese Sorte von Fake News zu identifizieren. Gegengift gegen das Störelement Fake News sind eine gebührende Portion Skepsis und das kritische Lesen von Gesundheitsseiten, als wäre im Internet täglich ein „Aprilscherz“ zu finden. Auch wenn Fake News nichts Neues sind, so haben sie momentan Hochkonjunktur. Antes vermutet, dass Dr. Google zu über 90% leere Versprechungen macht und Falschmeldungen bringt. Mehr als 30% der Websites schnitten mit einem Gesamtergebnis von mangelhaft bis ungenügend ab.

Qualität von Gesundheitsseiten: die Spreu vom Weizen trennen

Mittlerweile prüfen Fakten-Checker das Internet auf unseriöse, gefährliche Heilsversprechen. Es wurden Watchblogs eingerichtet, wie z.B. Med-Watch. Stellungnahmen von Behörden sollen Falschmeldungen korrigieren.
Eine proaktive Gegenmaßnahme gegen irreführende Internetseiten ist das Hosten von qualitativ einwandfreien Gesundheitsnews durch wissenschaftliche Fachgesellschaften und geprüfte behördliche Gesundheitsportale, z.B. auf www.gesundheit. gv.at, kliniksuche.at, im Patientenforum mit Informationen auf www.oegari. at, verfasst in barrierefreier Sprache. Es liegt an uns Ärzten, Wissenschaftlern und Standesvertretern, sichere Informationen ins Netz zu stellen und damit positiv auf die Kompetenzen von Dr. Google einzuwirken. Wir müssen dies als unsere Aufgabe und als Herausforderung zur Innovation wahrnehmen und gute, nachhaltige Informationsmaterialien gestalten, hosten und pflegen. Wir müssen aber auch eine angemessene Honorierung für die Gesprächsleistung erwirken, weil deren Mehrwert für das Gesundheitssystem messbar ist.

Das Arzt-Patient-Gespräch: konkret

Internetinformation als Gesprächsinhalt
Wenn ein Patient unter dem Suchbegriff „Blutverdünnung“ auf www.google.at die Empfehlung gelesen hat, dass man nicht immer gleich Tabletten schlucken muss, sondern dass es auch auf natürliche Art geht, z.B. mit frei verkäuflichen L-Arginin- Kapseln, dann kann das auf die NOAK-Einnahme einen hindernden Einfluss haben, wenn es nicht im Arzt-Patient-Gespräch geklärt wird. Über 50% der Patienten entwickeln nach einer derartigen Klärung sogar größeres Vertrauen zum Arzt (siehe „The Telegraph“, Linkliste).
Andererseits können gute Informationen aus dem Internet einen Denkprozess in Gang setzen und damit die Interaktion zwischen Arzt und Patient ergiebiger und effizienter machen. Die Bindung wird verstärkt. Wir sollten daher Wissensintegration über verschiedene Quellen inklusive professioneller Internetseiten empfehlen (siehe „TZ“, Linkliste).

Patientenpräferenzen und Partizipation im Zentrum
Laut Online-Umfrage unter antikoagulierten Patienten werden Information und Alternativaufklärung, etwa über die Verfügbarkeit eines Antidots im Notfall, gewünscht, ebenso wie die Einbeziehung des Patienten in die Alternativentscheidung bezüglich des Antikoagulans. Leitlinien der European Society of Cardiology, ESC, empfehlen die Einbindung der Patienten als „integrated care“ (Grad IIa C) und zur Patientenedukation (Grad I C) (Kirchhof P et al. Euro Heart J 2016; doi 10.1093/eurheartj/ ehw210). Diese Patientenedukation können wir uns vielleicht hinkünftig noch besser mit Dr. Google teilen, insbesondere bei komplexen Inhalten. Als Arzt kann man damit schneller auf eine höhere Ebene der Interaktion, Diagnostik und Behandlung kommen (siehe „ACP Internist“, Linkliste).

Linkliste:

  • The Telegraph: 'Dr Google' can help patient-doctor relationship, study finds http://www.telegraph.co.uk/ news/2017/05/16/dr-google-can-help-patient-doctor-rela- tionship-study-finds/
  • TZ: Was kann Dr. Google, wenn ich ihn nach meinen Symptomen frage? https://www.tz.de/ leben/gesundheit/was-kann-dr-google-sollten-sie-beigesundheits- websites-beachten-7700973.html
  • ACP Internist: Patients increasingly checking 'Dr. Google' https://acpinternist.org/archives/2013/11/dr-google.htm