Fachthema

Antihypertensive Therapie und Blutdruckzielwerte – America first?

Leading Opinions, 01.03.2018

Bericht:
Regina Scharf, MPH
Medizinjournalistin
Quelle:
13. Zürcher Hypertonietag, 18. Januar 2018, Zürich

Kardiologie & Gefäßmedizin | Allgemeinmedizin

Seitdem das American College of Cardiology die Blutdruckwerte neu definiert hat, sind einige Millionen Amerikaner mehr von einer Hypertonie betroffen als zuvor. Welche Folgen das für die Schweizer Hypertonieleitlinien hat, wurde am 13. Zürcher Hypertonietag besprochen.

Die Ergebnisse der SPRINT-Studie haben die Diskussion um die Blutdruckzielwerte nicht nur neu belebt, sondern zeigen nun auch erste Konsequenzen.1 So definiert das American College of Cardiology (ACC) in den kürzlich erschienenen Praxisleitlinien zur Hypertoniebehandlung die Blutdruckwerte von 130–139/ 80–89mmHg bereits als Grad-1-Hypertonie.2 «Und macht damit Millionen von US-Amerikanern neu zu Hypertonikern», wie Prof. Dr. med. Georg Noll, HerzKlinik Hirslanden Zürich, am Zürcher Hypertonietag aus einem Bericht der «New York Times» zitierte.
Die in der SPRINT-Studie untersuchte intensive Blutdrucksenkung (Zielwert von <120mmHg) hatte das Risiko für den kombinierten primären Endpunkt aus nicht tödlichen oder tödlichen kardiovaskulären (CV) Ereignissen im Vergleich zur Standardtherapie (Zielwert <140mmHg) signifikant reduziert (HR: 0,75; p>0,001).1 «Die Ergebnisse der SPRINT-Studie waren aber nicht durchwegs positiv», sagte PD Dr. med. Isabella Sudano vom Universitären Herzzentrum Zürich. Die niedrigen Blutdruckwerte hatten eine Zunahme unerwünschter Ereignisse zur Folge: darunter Hypotonien, Stürze und Fälle von akutem Nierenversagen. Kritisiert wurde auch, dass die unter Studienbedingungen gemessenen Blutdruckwerte nicht mit den im Praxisalltag gemessenen Blutdruckwerten zu vergleichen sind.
Neu und aus Sicht der beiden Kardiologen positiv ist, dass die Blutdruckzielwerte in den ACC-Guidelines mit dem individuellen CV Risiko verknüpft werden. So gilt eine Klasse-I-Empfehlung für Zielwerte <130/80mmHg bei Patienten mit einer CV Erkrankung oder einem 10-Jahres-Risiko für ein CV Ereignis von >10%.2 Viel Platz räumen die neuen Leitlinien den Lebensstilveränderungen und dem zu erwartenden Effekt der einzelnen Massnahmen ein. Verglichen mit den Leitlinien der Schweizerischen Gesellschaft für Hypertonie gibt es bei der medikamentösen Behandlung kaum Unterschiede. So empfiehlt das ACC als Erstlinientherapie Kalziumantagonisten, Thiaziddiuretika, ACEHemmer (ACE-I) oder Angiotensinrezeptorblocker (ARB). Bei Patienten mit einer Grad-2-Hypertonie oder mit Blutdruckwerten, die mehr als 20/10mmHg über dem Zielwert liegen, sollte von Anfang an eine antihypertensive Kombinationstherapie entweder mit zwei Monosubstanzen oder einer fixen Arzneimittelkombination eingesetzt werden.

Kaum Einfluss auf Schweizer Hypertonieleitlinien

An den Blutdruckzielwerten der Schweizerischen Gesellschaft für Hypertonie von <140/90mmHg ändert sich dagegen vorläufig nichts.3 Für die Erstlinientherapie werden die drei Antihypertensivaklassen empfohlen, die neben der Blutdruckreduktion nachweislich auch das CV Risiko senken: RAAS-Inhibitoren (ACE-I, ARB), Kalziumantagonisten und Diuretika. Bei den Diuretika werden neu explizit Thiazide und Aldosteronantagonisten empfohlen. Bestehen bleibt auch die Empfehlung, in bestimmten Fällen weitere Substanzklassen zur Hypertoniebehandlung einzusetzen. «Gewisse Antihypertensiva gehören nicht generell zur Erstlinientherapie, sind im individuellen Fall aber extrem wichtig», sagte Sudano. So gehöre bei einer KHK – auch für die Behandlung der Hypertonie – ein Betablocker dazu. Aufgrund der besseren Wirkung wird empfohlen, frühzeitig Kombinationstherapien einzusetzen und wegen der besseren Therapietreue Fixkombinationen zu verwenden.

Literatur: