Fachthema

Chronische Vaginalinfektionen

Ohne Mikroskop geht es nicht

Jatros, 25.05.2017

Autor:
Dr. Corina Ringsell
Interview-Partner:
Univ.-Prof. Armin Witt
Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe
Arzt für Allgemeinmedizin, Wien
E-Mail: ordination@gesundheitderfrau.at

Gynäkologie & Geburtshilfe | Infektiologie

Scheideninfektionen sind noch immer ein Tabuthema. Dabei leidet fast jede Frau mindestens einmal im Leben daran. Treten solche Infektionen wiederholt auf, beeinträchtigt dies die Lebensqualität der Betroffenen, aber auch ihrer Partner erheblich. Viele Frauen versuchen zunächst, sich mit „Hausmitteln“ selbst zu behandeln. Oft dauert es sehr lange, bis die Patientinnen eine adäquate Therapie erhalten, denn am Anfang steht die korrekte Diagnose durch den Gynäkologen, wie Prof. Armin Witt betont.

Sie sehen in Ihrer Ordination viele chronische Vaginalinfektionen. Wie gehen Sie diagnostisch vor?
Am Anfang steht immer eine umfassende Anamnese. Da einige meiner Patientinnen bereits längere Zeit an den Beschwerden leiden, bringen sie auch die Vorbefunde mit, die ich mir anschaue. Daran schließt eine sorgfältige klinische Untersuchung an, bei der auch ein Abstrich abgenommen wird. Um eine korrekte Diagnose zu stellen, ist es unerlässlich, sich diesen nach einer Gramfärbung unter dem Mikroskop anzusehen. Natürlich kann man auch nativ mikroskopieren, aber beurteilt sollte immer nach den Spiegel- oder Nugent-Kriterien werden, denn nur so können Art und Grad der Infektion bestimmt werden. Wichtig ist natürlich auch, andere Ursachen für die Beschwerden auszuschließen, zum Beispiel einen Östrogenmangel oder Hautkrankheiten wie Lichen sclerosus oder Psoriasis. Handelt es sich eindeutig um eine Infektion, die bereits längere Zeit besteht, kann das Anlegen einer Kultur hilfreich sein.

Wie lange dauert es im Schnitt, bis eine endgültige Diagnose mit Erregerbestimmung vorliegt?
Das ist innerhalb von 24 Stunden möglich, wenn man die Abstriche selbst färbt. Das ist eine Sache von wenigen Minuten. In meiner Ordination mache ich das am Ende des Tages. Ich färbe alle Abstriche, die ich an dem Tag genommen habe, und schaue sie mir anschließend unter dem Mikros­­­kop an.

Welche pathogenen Erreger finden sich am häufigsten?
Am häufigsten sind verschiedene Hefepilze wie Candida albicans, Candida glabrata, Candida krusei und andere. Es kommen aber auch bakterielle Infektionen vor. Die bakterielle Vaginose ist ein Missverhältnis der Bakterien in der Scheidenflora, also wenn anaerobe Keime wie Gardnerella, Bacteroides etc. überwiegen und die Laktobazillen verdrängen. Häufig finden sich in den Abstrichen auch Streptokokken, Staphylokokken, Ureaplasmen und E. coli, doch diese gehören zur normalen Flora der Anogenitalregion und müssen nicht behandelt werden. Eine Antibiotikagabe ist hier nicht indiziert.

Wie sieht die Behandlung aus?
Wichtig ist, dass sie erregerspezifisch erfolgt – und Antibiotika sollten nur eingesetzt werden, wenn es sich tatsächlich um eine bakterielle Vaginose handelt. Bei mit Antibiotika vorbehandelten Patientinnen liegt zudem oft ein Mangel an Laktobazillen vor, der behoben werden sollte.

Präparate, die Laktobazillen enthalten, gibt es viele. Wie wählen Sie das richtige aus?
Es gibt unterschiedliche Laktobazillenstämme. Daher unterscheiden sich auch die Präparate, je nachdem, welchen Stamm sie enthalten. Ich setze bei meinen Patientinnen deshalb oft auch Kombinationen mit unterschiedlichen Stämmen ein. Wichtig ist, dass die Präparate ausreichend hohe Laktobazillenkonzentrationen enthalten und über einen längeren Zeitraum genommen werden, mindestens jedoch 14 Tage. Ein Problem ist, dass viele Produkte nicht wissenschaftlich getestet sind. Eigentlich gibt es nur zu zwei Produkten Studien. Wir haben am AKH zum Beispiel eine Studie mit L. casei rhamnosus gemacht und festgestellt, dass dieser in ca. 80% der Fälle zu einer Normalisierung der Scheidenflora führt. Laktobazillen sollten immer nur therapeutisch eingesetzt werden, für eine prophylaktische Gabe fehlen die wissenschaftlichen Daten.

Wie therapieren Sie wiederkehrende Infektionen?
Grundsätzlich ist hier die Ursache zu klären, warum es immer wieder zu Infektionen kommt, unter anderem bestimmte Sexualpraktiken oder wechselnde Partner, und entsprechend zu reagieren. Wiederkehrende Infektionen sind oft ein Fall für Spezialisten, da die Behandlung komplex und langwierig sein kann. Pilzinfektionen etwa sollten mit einem Langzeitschema über mehrere Monate bis zu einem Jahr systemisch behandelt werden. Die lokale Applikation ist in solchen Fällen nicht ausreichend.

Sie haben einen Ratgeber1 geschrieben, der sich an Patientinnen richtet. Warum sind Sie diesen Weg gegangen?
Ich möchte vor allem das Tabu brechen. Dazu gehört, die Betroffenen, aber auch ihre Partner fundiert und sachlich zu informieren und aufzu­klären. Sie müssen sich mit ihren Be­­schwerden nicht verstecken, sondern sollten offen mit ihren Gynäkologinnen und Gynäkologen darüber sprechen. In dem Buch räume ich auch mit weit verbreiteten Mythen zu Scheideninfektionen auf. Damit möchte ich den Frauen auch helfen, nicht auf wissenschaftlich unbestätigte Therapien hereinzufallen, die sie im Internet oder im Bekanntenkreis aufschnappen. Ich hoffe, dass vielen Frauen damit ein langer Leidensweg erspart bleibt.

 

zurück zum Themenschwerpunkt zur OEGGG Jahrestagung

 

Literatur: