Fachthema

Allergien des Respirationstrakts

Kann traditionelle chinesische Medizin gegensteuern?

Jatros, 23.07.2015

Autor:
Dr. Karin Stockert
Allgemeinmedizinerin in Wien
Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Akupunktur
E-Mail: karin.stockert@gmx.at

HNO | Pneumologie

Die weltweit steigende Prävalenz von Allergien in den letzten zwei bis drei Jahrzehnten führte zu enormen Gesundheitsausgaben, aber auch zu verbesserten Therapien und besserem Verständnis der Pathogenese von allergischen Erkrankungen. Trotzdem ist deren Kontrolle nach wie vor nicht immer einfach. Dieser Artikel soll Erfolg versprechende Interventionen und Präventionsstrategien aus der Sichtweise der traditionellen chinesischen Medizin (TCM) vorstellen und diskutieren.

Therapie von manifesten Allergien

Akupunktur
Bereits 2002 bewertete ein WHO-Report die Akupunktur als „sufficient method“ für die Behandlung der aller­gischen Rhinitis und weiterer aller­gischer Erkrankungen wie Asthma bronchiale.
Mehrere klinische Studien zeigten einen positiven Effekt der Akupunktur bei der perennialen allergischen Rhinitis. Eine Gruppe um Edzard Ernst beschrieb 2009 in einem systematischen Review eine Evidenz für die Effektivität der Akupunktur bei perennialer Rhinitis, konnte diese jedoch bei saisonaler Rhinitis nicht nachweisen.
Choi publizierte 2013 eine Studie in Allergy, bei der sich der TNSS („total nasal symptom score“) bei 97 Verum-Akupunktur-Patienten mit allergischer Rhinitis gegenüber 94 Placebo-Aku­punk­tur-Patienten signifikant (p=0,03) verbesserte und hochsignifikant im Vergleich zu einer Wartelistengruppe (p<0,0001). Als Conclusio wurde die Akupunktur bei allergischer Rhinitis von den Autoren als effektiv und sicher bezeichnet.
Brinkhaus von der Charité in Berlin veröffentlichte in den Ann Intern Med 2013 eine randomisierte Studie mit 422 Patienten mit saisonaler allergischer Rhinitis. 212 Patienten bekamen 12 Akupunkturbehandlungen innerhalb von 8 Wochen plus Notfallsmedikation, 102 Patienten erhielten Placeboakupunktur plus Notfallsmedikation und 108 Patienten erhielten nur Notfallsmedikation. Nach 8 Wochen waren der RQLQ („rhinitis quality of life questionnaire“) und der RMS („rescue medication score“) in der Verumgruppe signifikant reduziert, verglichen mit der Placebo-akupunktierten Gruppe (jeweils p<0,001) und der nicht akupunktierten Gruppe (p<0,001). Nach 16 Wochen zeigten sich keine Unterschiede.
In einer kleinen Studie von 2014 zeigte eine deutsche Arbeitsgruppe um Hausmann B im J Allergy, dass bei Akupunktur von Patienten mit Hausstaubmilbenallergie im Vergleich zu einer nicht akupunktierten, mit Loratadin behandelten Gruppe 87% bzw. 67% eine Verbesserung der Symptome zeigten, die auch noch 10 Wochen nach Therapieende bei 80% der Akupunkturgruppe nachzuweisen war, im Vergleich zu 0% aus der Loratadin-Gruppe.
Pathophysiologisch ist bekannt, dass der Akupunktur antientzündliche Effekte (Reduktion von IL-4, Vermehrung von IL-8) zugrunde liegen (Joos S 2000).

Chinesische Kräutertherapie
In letzter Zeit wurden einige interes­sante Studien zur Behandlung des aller­gischen Asthmas mit chinesischen Kräu­tern publiziert. 2005 wurden 100 Kinder mit allergischem Asthma in eine Studie von Hsu CH et al (Pediatr Allergy Immunol) eingeschlossen. Je 40 Kinder erhielten eine chinesische Rezeptur namens „Mai men dong tang“, jeweils 800mg bzw. 400mg/Tag, und 20 Kinder erhielten eine Placebo-Kräutertherapie. Nach 4 Monaten zeigten sich eine signifikante Verbesserung des Symptomscores und eine Verbesserung der FEV1 in den beiden Verumgruppen, aber eine Verschlechterung des FEV1 und eine geringere Verbesserung des Symptomscores in der Kontrollgruppe. Leber- und Nierenfunktions­parameter blieben im Normbereich, und auch sonst waren keine Neben­wirkungen beobachtbar.
Wissenschaftlich hochstehende Arbeiten liefert eine New Yorker Arbeitsgruppe um Prof. Li vom Mount Sinai Hospital. Zunächst vereinfachte man eine bewährte komplexe chinesische Asthmarezeptur zu ASHMI („anti asthma simplified herbal medicine“) mit folgen­den Bestandteilen: Rd. Glycyrrhizae, Rd. Sophorae flavescentis und Ganoderma lucidum. Danach schloss man in einer klinischen Studie (Wen MC et al: J Allergy Clin Immunol 2005) 91 Patienten mit moderatem bis schwerem Asthma ein. Eine Hälfte erhielt ASHMI (1,2g/Tag), die andere Hälfte bekam orales Kortison 20mg/Tag. Nach 4 Wo­chen zeigten sich in beiden Gruppen ei­ne signifikante Verbesserung des FEV1, ein verbesserter Symptomscore und eine Reduktion der β-Mimetika-Einnahme sowie immunologisch eine Reduktion der Bluteosinophilie, der IGE und der Th2-Zytokine (IL-5, IL-13). Interessanterweise kam es in der Kortisongruppe zu einer Reduktion des IFN-γ, während das IFN-γ in der ASHMI-Gruppe nach der Therapie erhöht war. Wie man weiß, spielt das IFN-γ als Th1-Zytokin und als Gegengewicht zu den Th2-Zytokinen eine wesentliche Rolle in der Th1/Th2-Balance.

In einem Mausmodell (Abb. 1) wurden daraufhin Mäuse auf Ovalbumin (OVA) sowohl intraperitoneal als auch intra­tracheal sensibilisiert und asthmatische Reaktionen ausgelöst (Srivastava K et al: Clin Exp Allergy 2010). Eine Gruppe von Mäusen bekam dann regelmäßig ASHMI, die Kontrollgruppe Wasser. Nach weiteren OVA-Challenges zeigten sich eine signifikante Reduktion von IL-4, IL-5, IL-13, IL-10, eine signifikante Erhöhung des IFN-γ sowie eine signifikante Reduktion des OVA-spezifischen IgE in der mit ASHMI behandelten Gruppe. Die Forschungsgruppe wollte die Wirkung dann noch genauer überprüfen und verwendete Anti-IFN-γ bzw. Anti-TGF-β in dieser Versuchsreihe. Daraufhin kehrten die niedrigeren Werte der Zytokine und die erhöhten Werte des IFN-γ der ASHMI+Anti-IFN-γ-Gruppe auf die Ausgangswerte zurück, wogegen sich bei der ASHMI+Anti-TGF-β-Gruppe keine Ver­änderung zeigte (Abb. 1). Dieser Effekt war sowohl am Tag nach Beendigung der ASHMI-Therapie als auch noch 8 Wochen später nachweisbar. Dadurch, schlossen die Autoren, war der Beweis erbracht, dass der Verbesserungseffekt durch ASHMI IFN-γ-abhängig, nicht aber TGF-β-abhängig sei.
Der Effekt der ASHMI auf die Zytokine könnte als Additivum zur konventionellen symptomatischen Behandlung (durch Kortikoide) von allergischen Erkrankungen interessant sein. Eine Arznei, die das allergische Potenzial senkt, ohne das IFN-γ mitzusenken, sodass die Th1-Abwehr nicht geschwächt wird, ist es wert, in klinischen Studien noch genauer überprüft zu werden, was derzeit auch schon stattfindet.
Mit einer anderen chinesischen Rezeptur, die auch in der japanischen Kampomedizin verwendet wird („xiao qing long tang“), konnte ebenfalls in einem Mausmodell eine Reduktion des allergischen Potenzials (CD4T-Zellen: Reduktion von IL-4 und IL-5, BAL: Reduktion von IL-4, Erhöhung von IFN-γ) nachgewiesen werden.
In der TCM sind also durchaus interessante Therapieansätze in der Pipeline, die die konventionelle Medizin bereichern könnten.

Prävention von Allergien: Beeinflussung der epigenetischen Faktoren

Zusammenhang zwischen Lunge und Dickdarm bzw. Allergieentwicklung und Darmmikrobiom
Seit 2.000 Jahren kennt die chine­sische Medizin den Zusammenhang zwischen Lunge und Dickdarm. Nach den Prinzipien der 5-Elemente-Lehre (Abb. 2) impliziert jegliche Behandlung des Yin-Organs Lunge (bzw. des Respirationstrakts) eine Regulation und Mitbehandlung des gekoppelten Yang-Organs, des Dickdarms. Nicht nur die­se beiden Organe sind dem Element Metall zugeordnet, sondern auch, als zugehörige Körperschicht, die Haut und, als Öffner (= Sinnesorgan, mit dem dieses Element mit der Außenwelt verbunden ist), die Nase. In der Abbildung 3 erkennt man auch, dass besonders Trockenheit, als Wettereinfluss, und Trauer, als psychischer Faktor, irritierend wirken können.


Bei genauerer Betrachtung fällt auch auf, dass sämtliche Erkrankungen des „allergischen Marsches“ in das Element Metall fallen. Sowohl Bauchschmerzen und Ekzeme im Säuglingsalter als auch allergische Rhinitis und Asthma werden dem Element Metall zugeordnet.
Der Bezug von Lunge und Dickdarm wurde in den beiden letzten Jahr­zehnten auch von der konventionellen Medizin „wiederentdeckt“. Epidemiologische Studien zeigten ganz eindeutig, dass sich die steigende Allergie­prävalenz indirekt proportional zu besserer Hygiene und westlichem Lebensstil verhält.
Die ISAAC-Studie (Asher M et al: Lancet 2006) untersuchte 500.000 Kinder weltweit 1994 und ein zweites Mal 2003. Die Autoren beobachteten, dass die Rate der Allergien bei Kindern 1994 in den englischsprachigen Ländern am höchsten war (z.B. litten 19% in Neuseeland unter allergischer Rhinokonjunktivitis, aber „nur“ 5% der Kinder aus Rumänien), während 9 Jahre später, 2003, Länder aus dem ehemaligen Ostblock bzw. Afrika und Asien nachgezogen hatten. 2003 betrug die Rate der rumänischen Kinder mit allergischer Rhinokonjunktivitis bereits 14%, während die Prävalenz bei neuseeländischen Kindern nicht mehr weiter zugenommen hatte.
Bei Untersuchungen an allergischen und nicht allergischen Kindern erkannte Björksten (Clin Exp All) schon 1999 eine unterschiedliche Darmflora. Der Stuhl nicht allergischer Kinder enthielt eine wesentlich höhere Menge an physiologischen Darmbakterien wie Laktobazillen und Bifidusbakterien als der Stuhl allergischer Kinder, die wiederum eine größere Menge an pathologischen Staphylococcus aureus und Chlostridien beherbergten. Diese Beobachtung nützte der Finne Kalliomäki (Lancet 2001) in einer klinischen Studie aus und verabreichte schwangeren Frauen mit Allergien in der 36. bis 40. Schwangerschaftswoche und deren Babys im ersten halben Lebensjahr Lactobacillus GG. Bei einer Nachuntersuchung der Kinder mit 2 Jahren zeigte sich in der Verumgruppe halb so häufig (23% der Kinder) ein atopisches Ekzem, die erste Manifestation im „allergischen Marsch“, gegenüber 46% in der Placebogruppe. Erstmalig war es also gelungen, präventiv das Auftreten von allergischem Geschehen bei genetisch prädisponierten Kindern zu reduzieren. Nachuntersuchungen im 4. Lebensjahr brachten ähnliche Ergebnisse, im 6. Le­bensjahr konnte jedoch keine Reduktion der Häufigkeit des Auftretens einer Rhinokonjunktivitis beobachtet werden. Hierbei sollte man jedoch bedenken, dass diese Kinder die Probiotika nur in den ersten Lebensmonaten erhalten hatten und die immunstimulierende Wirkung daher sechs Jahre später, trotz des „early life window of opportunity“, doch schon nachgelassen haben musste.
Diese Studie war so bahnbrechend, dass sie sehr oft von anderen Autoren in ähnlicher Form wiederholt wurde. Kukkonen zeigte 2007 anhand von 1.223 Müttern mit Hochrisikokindern eine signifikante Reduktion des ato­pischen Ekzems bei 2-Jährigen, nachdem sie Pro- und Präbiotika (Galacto­oligosaccharide) erhalten hatten, sowie eine Reduktion von IgE-assoziierten Erkrankungen.
Heute gilt die Gabe von Pro-/Präbiotika als die vielversprechendste Intervention zur Prävention des atopischen Ekzems bei Kleinkindern (Madhok V: Clin Exp Dermatol 2015). Evidenz, dass auch Allergien im Respirationstrakt durch diese Art von Intervention verhindert werden können, gibt es derzeit noch nicht (Azad MB: BMJ 2013), obwohl die wissenschaftliche Forschung dieses Thema zu einem Hauptfokus macht.
Doch wie sieht es bei bereits bestehenden allergischen Erkrankungen aus? Können auch hier Probiotika positive Effekte erzielen?
Während beim atopischen Ekzem nach Probiotikagabe signifikante Verbesserungen erzielt werden können (Wang IJ: Clin Exp Allergy 2015), ist die Daten­lage bei respiratorischen Allergien noch nicht klar.
Versuche mit auf Ovalbumin sensibilisierten Mäusen bewiesen, dass alle Aspekte des asthmatischen Phänotyps, wie Hyperreaktivität der Bronchien, antigenspezifische IgE-Produktion und pulmonäre Eosinophilie, durch Gabe von Bifidusbacterium lactis und Lacto­bacillus rhamnosus an neugeborene Mäuse verhindert werden konnten. Interessanterweise konnte sowohl im darmassoziierten Immunsystem eine Reduktion des allergischen Potenzials nachgewiesen werden (reduzierte Th2-Zytokinproduktion IL-4 und IL-5 aus den mesenterialen Lymphknoten) als auch in den peribronchialen Lymphknoten (über eine zweifache Vermehrung der Foxp3-ausschüttenden Treg-Zellen). Somit hat die moderne wissen­schaftliche Medizin ein altes Prinzip der TCM nachgewiesen: Durch die Regulation des Dickdarms kann die Lunge beeinflusst werden!
Bei einem anderen Versuch wurden er­wachsene, mit OVA sensibilisierte Mäuse 9 Tage lang oral mit Lactoba­cillus reu­teri behandelt. Daraufhin konnte eine Erhöhung von CD4+CD25+Foxp3-T-Zellen der Milz und nach OVA-Ex­position auch in den mediastinalen Lymphknoten beobachtet werden. Die Autoren schlossen daraus, dass die
aktivierten Treg-Zellen in die Lunge migrieren können (Karimi K et al: Am J Resp Crit Care Med 2009).

Diese Studie zeigt einerseits Evidenz eines funktionalen Zusammenhangs zwischen der Behandlung mit spezifischen Bakterien und erhöhter regulatorischer T-Zell-Aktivität und Hemmung der al­lergischen Antworten. Andererseits legt sie nahe, dass zumindest einige Arten von Laktobazillen immunregulatorische und antiallergische Effekte im erwachsenen Mausmodell haben, und argumentiert gegen das postulierte „essential early life window of opportunity“ für probiotische Therapie.


Forsythe fasste 2011 diese neuesten Forschungsergebnisse sehr übersichtlich zusammen (Abb. 4). Die Mikroben des Darms gelangen entweder direkt aus dem Lumen oder über Translokation durch M-Zellen zum GALT („gut associated lymphoid tissue“) bzw. zu den DC (dendritischen Zellen). Eine Kombination von Signalen aus den Mikroben führt zu phänotypischen Veränderungen der DC und der Produktion von Th1 und/oder regulatorischen Mediatoren:

• IL-12 aktiviert Th1-Zellen und die IFN-γ-Produktion der NK(„natural killer“)-Zellen.
• Regulatorische Zytokine wie IL-10, TGF-β und die Aktivierung von IDO (Indolamin-2,3-Dioxygenase) und darauffolgende Produktion von immunologisch aktiven KYN (Kynurenin) aktivieren die Treg-Zellen und zer­stören Th2-Zellen.
• Nach immunologischer Challenge der Atemwege (z.B. durch Allergenexposition) wandern Zellen, die im GALT und in den MLN (mesenterialen Lymphknoten) aktiviert wurden, zur respiratorischen Mukosa (BALT), wo sie protektive und antiinflammatorische Mechanismen aktivieren und die Th2-Immunantwort reduzieren.
Schon 2007 publizierte die Österreichische Gesellschaft für Akupunktur eine klinische Studie zur Wirkung von Probiotika plus Akupunktur bei asthmatischen Kindern (Stockert K et al: Pediatr Allergy Immun). Ziel der Studie war es, die konventionelle Asthmatherapie mit komplementären Methoden zu verbessern. Weil man in China zur Asthma­behandlung niemals nur Akupunktur verwendet, sondern auch chinesische Kräutertherapie, strenge Ernährungsratschläge und Gymnastik, sollte, aus statistischen Gründen, um zu viele Variablen zu vermeiden, Akupunktur mit Probiotika kombiniert werden – auch unter dem Aspekt der Beziehung Lunge/Dickdarm. Die probiotische Therapie wurde in der TCM schon 1789 n. Chr. von Wu Tang beschrieben. Aus mensch­­lichem Stuhl, der, in einem tönernen Topf versiegelt, 3 Jahre in der Erde vergraben und dann zu einer „Goldenen Flüssigkeit“ geworden war, gewann man eine Substanz namens „Jin zhi“, die dann gemeinsam mit chine­sischen Kräutern verabreicht wurde. Indikationen für „Jin zhi“ waren damals Flushes, Diarrhöen und Enge­gefühl im Thorax, also durchaus vergleichbar mit Urtikaria, Nahrungsmittelallergien und Asthma.
Daher erhielten in dieser randomisierten, placebokontrollierten, doppelt verblindeten Pilotstudie 17 asthmatische Schulkinder Laserakupunktur und Probiotika (Enterococcus faecalis) bzw. Sham-Akupunktur (mit einem identen Laserstift ohne Lichtemission) und Placebo-Probiotika.
Nach 10-wöchiger Therapie verbesserte sich in der Verumgruppe die Peak-Flow-Variabilität, als Maß für die bronchiale Hyperreaktivität, signifikant (SD) mit –17,4% (14,2) vs. +2,2% (22,6) in der Kontrollgruppe. Der Unterschied zwischen beiden Gruppen war ebenfalls signifikant (p=0,034), während sich bei FEV1 und Quality-of-Life-Kriterien keine signifikanten Un­terschiede zeigten. Als exploratorisches Ergebnis fiel eine deutliche Reduktion der Tage mit akuten respiratorischen Infekten (1,14 vs. 2,66, p=0,18) in den Wintermonaten November bis Februar auf, in denen diese Studie durchgeführt wurde.
Danach wurden noch weitere Studien bei bestehenden Allergien mit ausschließlicher Gabe von Probiotika mit unterschiedlichen Ergebnissen durchgeführt. Obwohl der Einfluss des Mikrobioms auf die Th1/Th2-Balance anerkannt ist, konnten systematische Reviews bis heute keine eindeutige Evidenz der Wirksamkeit von Probiotika bei bereits bestehenden allergischen respiratorischen Erkrankungen belegen. Zu viele Fragen bezüglich Spezies, Arten, Dosierung und Kombination von Probiotika sind noch unbeantwortet. Es bleibt also weiterhin spannend!

Zusammenhang zwischen Atopieentwicklung und Infekten des Respirationstrakts

Während verschiedenste fäkal-oral über­tragene Infekte (Helicobacter pylori, Hepatitis A, Toxoplasmose, Wurminfektionen) eine schützende Wirkung gegen die Entwicklung einer Atopie haben dürften, weiß man, dass es bei Infekten des Respirationstrakts wie HRSV, Masern, ja selbst beim banalen HRV (humanen Rhino-Virus) zu ungünstigen Immunantworten und zur Induktion von respiratorischen Aller­gien kommen kann. Hierbei dürfte das IFN-γ eine wichtige Rolle spielen.
Ei­nerseits gilt eine geringe IFN-γ-Pro­duktion im 1. Lebensjahr als Prädiktor für späteres Giemen und eine Atopieentwicklung während der Kindheit (Stern DA 2007). Andererseits zeigen Atopiker eine defekte Th1-Immunantwort auf HRV mit einer Verlagerung zum TH-2-Phänotyp und wiederum signifikant niedrigeren Werten von IL-12 und IFN-γ (Papadopoulos NG 2002).
Umgekehrt werden starke IFN-γ-Ant­worten gegenüber HRV mit reduzierter Virusvermehrung und stärkeren Th1-Antworten assoziiert sowie mit mil­deren Verläufen und schnellerer Virusbeseitigung bei Erkältungen (Gern J 2000).
Auch die Therapie des banalen respi­ratorischen Infekts sollte man kritisch betrachten: 2008 publizierte die ISAAC-Gruppe (Beasley R et al) im Lan­cet das Ergebnis einer Untersuchung an 205.487 Kindern aus 31 Ländern weltweit und zeigte einen eindeutigen Zusammenhang zwischen Paracetamol-Gabe und einem erhöhten Risiko für Asthma, allergische Rhinokonjunktivitis und Ekzem (OR 1,61 bei mäßigem Gebrauch, OR 3,23 bei häufigem Gebrauch). Auch Ibuprofen löste bei asthmatischen Kin­­dern mit mildem oder moderatem Asthma zu 2% Bronchospasmen aus (J Pediatr 2005). Daher raten die Autoren zur Vorsicht bei der Verabreichung von Ibuprofen bei asthmatischen Kindern.
Nicht zuletzt kann auch die Gabe von Antibiotika mit Asthmaentwicklung  in Zusammenhang gebracht werden.
Marra et al publizierten 2009 in Pediatrics eine longitudinale Kohor­ten­studie mit 251.817 eingeschlossenen Kindern, geboren zwischen 1997 und 2003 und einem Follow-up mit 2–3, 3–5 und 5–9 Jahren. Dabei zeigte sich eine signifikante Assoziation zwischen dem Antibiotikaverbrauch im ersten Lebensjahr und der darauf folgenden Asthmaentwicklung mit positiver Korrelation zur Dosis, aber unabhängig von der Art des Antibiotikums.
Zusammenfassend kann man also sagen, dass zur Allergieprävention maximale Anstrengungen unternommen werden sollten, akute respiratorische Infekte zu reduzieren, aber auch den Antibiotika- und Paracetamoleinsatz so niedrig wie möglich zu halten.
Diese Studienergebnisse erzeugen jedoch auch ein gewisses Vakuum. Welche therapeutischen „Werkzeuge“ sind beim banalen viralen Infekt eigent­lich noch risikolos nach dem Prinzip „primum non nocere“ einsetzbar?
Pro- und Präbiotika könnten aufgrund der derzeitigen Datenlage hilfreich sein. Systematische Reviews zeigen bereits Evidenz bezüglich der Infekt-vorbeugenden Wirkung auf URTI („upper res­piratory tract infections“) und außerdem konnte eine Verkürzung der Krankheitsdauer nachgewiesen werden.
Leyer et al (Pediatrics 2009) publizierten anhand von 326 untersuchten gesunden Kindern zwischen 3 und 5 Jahren, dass die Fieberinzidenz bei Gabe eines Singleprobiotikums (Lactobacillus acidophilus) um 57% und bei einem Kombinationsprobiotikum (Lactobacillus acidophilus plus Bifidobacterium animalis) um 72% gegenüber Placebo gesenkt werden konnte (Tab. 1).


Die traditionelle chinesische Medizin verwendet seit 220 n. Chr. das „Shang han lun“, ein Buch, welches das älteste systematisierte Wissen bezüglich des Ursprungs und der Entwicklung von kälteinduzierten Erkrankungen und Behandlungsmöglichkeiten, nicht mit Akupunktur, sondern mit hoch raffinierter, perfekt modulierter Verwendung von Kräutern in Form von Rezepturen für eine große Bandbreite von Krankheitsmanifestationen bietet.
In der TCM spricht man nicht von Viren und Bakterien, sondern von äußeren pathogenen Faktoren, die auf einen Organismus mit einer gewissen Konstitution treffen. Befallen die pathogenen Faktoren Kälte und Wind einen gesunden Organismus, so dringt die Kälte mit seinem Motor, dem Wind, über die Poren der Haut in den Körper ein und bewirkt eine Stagnation im Fluss des oberflächlichsten Qi, des Abwehr-Qi, das sich zwischen Haut und Subkutis befindet. Dadurch kann das Abwehr-Qi nicht mehr sanft und gleichmäßig fließen. Die Abneigung gegen Kälte und Schüttelfrost ist wohl jedem bekannt. Kälte dringt in der Folge auch in die Meridiane (zunächst in den Tai Yang, assoziiert mit dem Blasen/Dünndarmmeridian, aber auch in den Lungenmeridian) ein und blockiert dort den Fluss von Qi. Weil der Blasenmeridian über den Kopf zieht, entstehen Kopf- und Nackenschmerzen. Da die Lunge die Verteilung des Qi kontrolliert, und auch die Lunge beeinträchtigt ist, spürt der Betroffene eine verstopfte Nase, Niesen, Husten, Halskratzen.
Als Therapie befreit man die Oberfläche, indem man die Poren mit scharfen, heißen, schweißtreibenden Substanzen öffnet und die Kälte über Schweißin­duktion nach außen abfließen lässt.

Mögliche Arzneien (Abb. 5)

Rh. Zingiberis rec. („Sheng jiang“): Der warme, scharfe, frische Ingwer entlastet die von außen zugezogene Wind-Kälte. Über eine Öffnung der Poren und Stimulierung von Schweißsekretion kann der pathogene Faktor Kälte wieder nach außen geleitet werden.
Rm. Cinnamomi („Gui zhi“): Auch Zimtzweige sind warm und scharf und entlasten die äußerste Schicht des Körpers von Kälte.
Rd. Glycyrrhizae präp. („Zhi gan cao“):
Das Süßholz wird eingesetzt, um die „Mitte“ und das Innere zu stärken und dadurch ein tieferes Eindringen des pathogenen Faktors in den Körper zu verhindern, während die Oberfläche entlastet wird.

Und nun die Erklärung für wissenschaftlich Denkende:
Frischer Ingwer, der in dieser Rezeptur verwendet wird, hat eine nachweislich antivirale Wirkung auf HRSV. Er hemmt sowohl die Anhaftung und Internalisierung als auch die Plaque­bildung in vitro an Zelllinien des Respirationstrakts (Chang JS: J Ethnopharmacol 2013).
Ein Bestandteil von Süßholz (7,4-Dihydroxyflavone) hemmt die Eosinophilie und Th2-Zytokine ohne Suppression des IFN-γ im Tiermodell bei Asthma und kann daher auch beim akuten Infekt die Th1/Th2-Balance aufrechterhalten (Yang N: J Allergy Clin Immun 2010).
Ein Cochrane Systematic Review von 2013 (Jiang L et al) zeigt anhand von 18 Studien mit 2.521 Patienten, dass TCM-Kräuter ähnliche antivirale Wirkungen bei respiratorischen Infekten haben wie antivirale Substanzen. Trotzdem werden mehr qualitativ hochstehende RCT gefordert.
Ein Vergleich zwischen Oseltamivir und einer TCM-Rezeptur („Maxingshigan-yinqiaosan“) versus eine unbehandel­te Kontrollgruppe ergab bei 410 Pa­tien­­ten mit H1N1-Influenza, dass die Wirkung von Oseltamivir vergleichbar mit der TCM-Rezeptur war. Bei durchschnittlicher Fieberdauer von 26 Stunden in der Kontrollgruppe fieberte die Oseltamivir-Gruppe bereits nach 20 Stunden ab, die TCM-Gruppe sogar schon nach 16 Stunden, in Kombination von Oseltamivir und TCM nach 15 Stunden (Wang C: Ann Intern Med 2011).
Eines der meistverkauften Medikamente beim akuten Infekt in Kanada ist COLD-FX, ein Präparat, das ausschließlich aus amerikanischem Ginseng („Panax quinquefolius“) besteht und die Dauer eines banalen, akuten Infekts im Vergleich zu Placebo signi­fikant verkürzen soll.
Bei 53 Patienten mit chronischer Rhinosinusitis ohne Polyposis wurde eine chinesische Kräuterrezeptur mit Erythromycin verglichen. In beiden Gruppen verbesserte sich der 20-item-Sino-Nasal-Outcome-Test signifikant, ohne Unterschied zwischen beiden Gruppen. Die Saccharin-Transit-Zeit war in der TCM-Gruppe kürzer als in der Erythromycin-Gruppe (Jiang RS: Am J Rhinol Allergy 2012).
Auch diese Daten zeigen, dass systematische Untersuchungen der antiviralen und auch antibakteriellen Wirkung von chinesischen Kräutern zur Behandlung von „banalen“ Infekten die konventionelle Medizin durchaus bereichern könnten, um akute Exazerbationen bei allergischem Geschehen zu reduzieren.

Conclusio

Die TCM und die damit verbundenen Denkansätze bieten eine Fülle an Möglichkeiten, atopische Erkrankungen zu beeinflussen, wie ein „Schatz“, der noch nicht geborgen ist. Weitere wissenschaftliche Forschung sollte in diesem Zusammenhang gefördert und unterstützt werden.

Literatur: