Fachthema

LSD-unterstützte Psychotherapie

Leading Opinions, 29.01.2011
Neurologie

In der Schweiz läuft seit Frühjahr 2008 eine Pilotstudie über LSD-unterstützte Psychotherapie, die erstmals nach einem 35-jährigen Forschungsunterbruch Aussagen über Sicherheit und Wirksamkeit dieser Behandlung ermöglichen soll. Seit einigen Jahren ist es weltweit wieder möglich geworden, in einem klar umrissenen Forschungsrahmen das therapeutische Potenzial von bewusstseinsverändernden Substanzen wie MDMA, Psilocybin und LSD zu untersuchen.

Im Editorial der Zeitschrift „The Lancet Oncology“ vom Juli 2010 findet sich unter dem Titel: „Cancer and Hallucinogens: a long, strange trip“ folgende Passage: „Der grösste Teil der aktuellen Forschung ist eine Wiederholung von Arbeiten aus den späten 60er- und frühen 70er-Jahren, aber man musste von vorn beginnen, um Daten zu erhalten, die heutigen Forschungsstandards genügen. Dass sich Forscher nun befähigt fühlen, eine legitime Forschung mit Psyche­delika durchzuführen, ist eine willkommene Entwicklung; was nun aber erforderlich ist, ist ein mehr proaktiver Zugang der Regierungen. Die Forschung zu bewilligen ist nur ein kleiner Schritt in die richtige Richtung; auf überzeugende Weise Fragen über Wirksamkeit zu beantworten wird mehr als nur Duldung erfordern, es wird Vertrauen und Unterstützung brauchen“ (Übersetzung durch P. Gasser).

Diese Aussage im Leitartikel einer renommierten wissenschaftlichen Zeitschrift ist ein Hinweis darauf, dass die Bereitschaft für eine faktenbasierte Diskussion von Wirkung und Gefahren der Psychotherapie mit bewusstseinsverändernden Stoffen gestiegen ist.

Nachdem 1973 letztmals eine Studie über LSD-unterstützte Psychotherapie publiziert wurde, bewilligten die Schweizer Behörden Ende 2007 eine Pilotstudie, welche Sicherheit und Wirksamkeit von LSD-unterstützter Psychotherapie untersuchen soll.

Historischer Hintergrund

Wenngleich die Einnahme von bewusstseinsverändernden Substanzen wie Psilocybin (aufgenommen durch Pilze) und Meskalin (vorkommend in Kakteen) in Heilritualen seit Tausenden von Jahren praktiziert wurde, interessierte sich die westliche Medizin erst seit dem 20. Jahrhundert für das therapeutische Potenzial dieser Stoffe. Der deutsche Psychiater Kurt Behringer veröffentlichte 1927 ein Werk über den Meskalinrausch, das vor allem die Phänomenolo­gie solcher Erfahrungen beschrieb. Die eigentliche Erforschung der psychoaktiven Substanzen, die das Bewusstsein verändern, begann 1943, als der Schweizer Chemiker Albert Hofmann LSD entdeckte. 1946 publizierte Stoll in Zürich die erste Untersuchung der Anwendung von LSD am Menschen. In dieser frühen Phase wurde dem therapeutischen Rahmen noch keine spezielle Beachtung geschenkt. LSD wurde wie ein gewöhnliches Medikament verabreicht. Erst nach und nach wurde ein spezieller therapeutischer Rahmen definiert und eine Begleitung der durch die Substanz ausgelösten Erfahrung durch erfahrene Therapeuten eingeführt (so­genanntes Setting). Damit kommt zum Ausdruck, dass die LSD-unterstützte Psychotherapie in einem Grenzbereich zwischen Pharmako- und Psychotherapie steht.

Das bewusstseinsverändernde Medikament dient nicht unmittelbar dem kurativen Zweck, ein Symptom zu reduzieren oder eine Krankheitsursache zu beseitigen, sondern es vertieft und intensiviert gleichsam wie ein Kata­lysator die für die Psychotherapie notwendigen Prozesse wie emotionale Bindung oder Problem­aktualisierung und -bewusstsein.

Bis Anfang der 1970er-Jahre entstanden weltweit mehrere Tausend wissenschaftliche Publikationen über LSD. Als Reaktion auf den Massenkonsum von LSD in Hippie- und anderen Gegenkulturbewegungen wurde LSD 1971 in der Schweiz sowie in dieser Zeit in fast allen Ländern weltweit verboten. Damit kam auch die Forschung zum Erliegen.

Pharmakologie und Neurobiologie von LSD

Lysergsäurediäthylamid ist ein halbsynthetisches Derivat der in Mutterkorn (Claviceps purpurea, ein auf Gerste wachsender parasitärer Pilz) vorkommenden Lysergsäure. Die Substanz ist in äusserst geringen Mengen wirksam. Die Schwellendosis für den Menschen liegt bei ca. 20µg, eine mittlere therapeutische Dosis bei 100µg bis 250µg.

30–45 Minuten nach der üblicherweise peroral erfolgenden Einnahme setzt die Wirkung ein, welche in der Regel 6–10 Stunden dauert.

Die physiologischen Veränderungen nach LSD sind mild. Blutdruck und Puls werden um 5–10% erhöht, Atemfrequenz, Körpertemperatur, Blutgase und Blut­zuckerwerte erfahren keine sig­nifikante Veränderung.

LSD aktiviert in erster Linie das se­rotonerge Neurotransmittersystem, vor allem 5HT-2A, weiters aktiviert die Substanz auch das dopaminerge, das nor­adrenerge, das GABAerge und das histaminerge System. Die Bedeutung dieser weitreichenden Aktivierung des Gehirns für die spezifische LSD-Wirkung ist im Einzelnen noch weitgehend unverstanden.

Risiken

LSD ist toxikologisch unbedenklich, die LD-50 bei Mäusen liegt bei 50mg/kg i.m., was auf den Menschen übertragen etwa der Einnahme von 20.000 mittleren Dosierungen entsprechen würde.

Die Substanz ist nicht suchterzeugend, weil sie kein suchtspezifisches Verlangen nach Wiederholung der Einnahme auslöst. Dies wird auch von drogenkritischen Institutionen wie dem US-amerikanischen National Institute on Drug Abuse (NIDA) so beurteilt.

Ein Risiko sind unkontrollierbare, lang anhaltende Angstzustände, sogenannte bad trips. Diese kommen in erster Linie unter ungeschützten Einnahmebedingun­gen wie Rave-Partys vor. Auch Flashbacks sind vor allem unter diesen Umständen beschrieben worden (hier genügt sehr oft die Aufklärung, denn diese Art von Nachhallerinnerungen ist in den meisten Fällen kurz dauernd und selbstlimitierend).

In grossen Untersuchungen haben Cohen und Malleson zusammen fast 10.000 Personen und an die 60.000 Dosierungen von LSD und Meskalin erfasst. Das Risiko für schwere Nebenwirkungen wie Suizidalität und Psychose von mehr als 48 Stunden lag bei beiden Autoren deutlich unter 1% und dürfte damit in einem ähnlichen Bereich wie bei anderen psychotropen Medikamenten oder Psychotherapieverfahren liegen.

Für die Therapie bedeutungsvoll ist die Verstärkung der Emotionalität und des assoziativen Denkens. Sogenannte spirituelle, mystische oder transpersonale Erfahrungen sind häufig und oft ohne besondere Vorbereitung vorkommend. Für die Therapie sind solche Erfahrungen hilfreich, für die betreffende Person oft von tiefer Bedeutung, sie sind aber nicht unbedingt erfor­derlich für die vielleicht zentralste Erfahrung einer Psychotherapie mit LSD: die tiefe Erfahrung des eigenen Selbst, welche hilft, dem eigenen Leben Wert, Bedeutung und vielleicht auch Sinn zu geben. Es geht um das Akzeptieren des eigenen Lebens mit seinen Möglichkeiten und Einschränkungen, eigentlich auch um das Akzeptieren der eigenen Sterblichkeit.

Aktuelle Studie

Seit Frühjahr 2008 läuft in der Schweiz eine weltweit zurzeit einmalige LSD-Psychotherapiestudie. In die Studie aufgenommen werden können total 12 Personen mit einer lebensbedrohlichen körperlichen Erkrankung (z.B. Krebs), die an einer Angststörung nach DSM-IV leiden. Personen mit schweren psychiatrischen Leiden werden ausgeschlossen. Entsprechend dem Goldstandard der Me­­dikamentenforschung werden in ei­nem doppelblinden, randomisierten und placebokontrollierten Setting Sicherheit und Wirksamkeit der Behandlung erforscht. Die Studie läuft noch und wird voraussichtlich 2011 abgeschlossen werden.

Die Teilnehmer nehmen während einer 3½-monatigen Behandlungsphase an 2 ganztägigen und von 2 Therapeuten (Frau/Mann) begleiteten LSD-Sitzungen teil. Diese Sitzungen sind eingebettet in eine kontinuierliche Gesprächstherapie, die dem Aufbau einer therapeutischen Beziehung, der Klärung der spezifischen LSD-Behandlung und der Integration der gemachten Erfahrungen dient.

Teilnehmer, die Placebo erhielten, können in einem Open-label-Teil der Studie die zwei LSD-Sitzungen nach der Placebophase noch durchlaufen.

Der Verlauf der Angstsymptomatik und der Lebensqualität sind die Messgrössen des Therapieerfolges.

Vorläufig kann festgestellt werden, dass die bisher 17 durchgeführten LSD-/Placebo-Sitzungen völlig komplikationslos verlaufen sind und dass die Studienteilnehmer subjektiv einen Gewinn durch die Therapie berichteten. Eine statistische Auswertung wird nach Beendigung der 12 Behandlungen erfolgen.

Zusammenfassung

Bei insgesamt positiver Bilanz nach Abschluss der oben erwähnten Studie wird angestrebt, dass nach dieser Pilotstudie weitere Forschung durchgeführt werden kann und damit die in den frühen Siebzigerjahren jäh gestoppte Erforschung des therapeutischen Potenzials von LSD mit moderner Forschungs­methodik weitergeführt werden kann.

Langfristig wünschenswert ist die legale Durchführung der Therapie mit bewusstseinsverändernden Substanzen durch speziell ausgebildete Therapeuten in einem definierten psychotherapeutischen Rahmen.

Literatur beim Verfasser

Autor: Dr. med. Peter Gasser, Hauptbahnhofstrasse 5, 4500 Solothurn, E-Mail: pgasser@gmx.net