Thema

Infektionskrankheiten im Klimawandel

Jatros, 30.04.2020

Interview-Partner:
Prim. Univ.-Doz. Dr. Robert Müllegger
FA für Haut- und Geschlechtskrankheiten, Vorstand der Abteilung für Dermatologie und Venerologie
Landesklinikum Wiener Neustadt
E-Mail: robert.muellegger@wienerneustadt. lknoe.at
Interview geführt von:
Jasmin Gerstmayr, MSc

Dermatologie | Infektiologie

Der Klimawandel ist längst nicht mehr ein Phänomen der fernen Zukunft, sondern zeigt sich bereits in ganz Zentraleuropa. Prim. Univ.-Doz. Dr. Robert Müllegger vom Landesklinikum Wiener Neustadt beschäftigt sich mit dem verstärkten Auftreten von Infektionskrankheiten wie dem Chikungunya-Fieber infolge verbesserter Umweltbedingungen für deren Vektoren. Wir sprachen mit ihm darüber, wie derartige Erkrankungen diagnostiziert und therapiert werden können, welche Schutzmaßnahmen jeder Einzelne treffen kann und welche Herausforderungen nicht nur in der (pädiatrischen) Dermatologie zu erwarten sind.

Wie äußert sich der Klimawandel bei uns in Österreich?
R. Müllegger: In den letzten Jahrzehnten hat ein Klimawandel eingesetzt, welcher Zentraleuropa sogar stärker trifft als andere Erdteile. Er ist anhand zweier unterschiedlicher Parameter ablesbar: auf der einen Seite an der durchschnittlichen Temperatur, welche in Österreich in den letzten hundert Jahren bereits um zwei Grad zugenommen hat. Damit liegen wir sogar über dem globalen Durchschnitt. Auf der anderen Seite am Niederschlag, der, auch wenn die Wahrnehmung vielleicht eine andere ist, ebenfalls zugenommen hat, allerdings mit einer starken Verschiebung vom Sommer zum Winter. Dieser zeigt sich aber viel weniger in Form von Schnee – die Schneedeckendauer ist massiv verkürzt.

Wie können Vektoren von Krankheitserregern, im Speziellen die Stechmücken, vom Klimawandel profitieren?
R. Müllegger: Die Stechmücken benötigen bestimmte Bedingungen, um als Überträger von Krankheitserregern fungieren zu können, und zwar idealerweise 14–40 Grad Umgebungstemperatur sowie eine erhöhte Luftfeuchtigkeit. Die optimale Umgebungstemperatur liegt bei 30 Grad. Diese Bedingungen sind in Mitteleuropa deutlich häufiger gegeben als noch vor ein paar Jahrzehnten, d. h., die Vektoren finden bessere Voraussetzungen vor. Bis zu einem gewissen Grad lässt sich schon feststellen, dass Infektionskrankheiten, die es bislang in Zentraleuropa nicht gegeben hat, Platz greifen.
Die Vektoren müssen aber zuerst einmal überhaupt vorhanden sein. Neben einigen, die schon immer bei uns heimisch waren, wie Zecken (z.B. der Holzbock) oder bestimmte Arten von Stechmücken, wurden durch die globale Handels- und Reisetätigkeit auch andere Vektoren aus deren ursprünglichen Herkunftsländern eingeschleppt. Die Asiatische Tigermücke (Aedes albopictus), welche dem Chikungunya-Virus als Vektor dient, ist beispielsweise über den Import gebrauchter Autoreifen nach Europa gelangt, in welchen sich kleine Wasserlacken gebildet haben, die den Mücken als ideale Brutstätte dienen konnten. Unter den ursprünglichen klimatischen Voraussetzungen hätten diese Mücken keine Überlebenschance, doch nun könnten sie sich bei uns etablieren.
Auch könnten heimische Arten eine Vektorkompetenz für Erreger erlangen, die sie bislang nicht übertragen haben.

Welche tropischen Infektionskrankheiten könnten durch den Klimawandel zum Problem in Österreich werden?
R. Müllegger: Hauptsächlich handelt es sich um von Viren wie dem Zika-, Chikungunya-, Dengue- und West-Nil-Virus verursachte Erkrankungen. Diese sind bereits in Europa aufgetaucht, werden derzeit zum größten Teil aber noch von Reisenden aus Asien, Mittelamerika und Afrika importiert und haben sich in Zentraleuropa noch nicht autochthon manifestiert. Dies könnte sich aber mit dem weiteren Fortschreiten des Klimawandels ändern. Ein erster Grundstein ist mit dem Einschleppen der Asiatischen Tigermücke gelegt, welche bereits im Burgenland nachgewiesen werden konnte. Hingegen kommt die Leishmaniose mittlerweile in gewissen Gegenden bereits autochton vor. Sie wird jedoch nicht von Viren, sondern von obligat intrazellulären protozoischen Parasiten verursacht.
In Österreich ist die Zahl der von solchen Infektionskrankheiten Betroffenen noch überschaubar. Beim Dengue-Virus handelt es sich um 80–100 Fälle pro Jahr, das West-Nil-Virus ist mit bis zu 30 Fällen pro Jahr noch seltener.
In Norditalien gab es im Sommer 2007 einen großen Ausbruch des Chikungunya-Fiebers mit über 200 Erkrankten und einem Todesfall. Die klimatischen Voraussetzungen sind dort gegeben, ebenso ein geeigneter Vektor in Form der Asiatischen Tigermücke. Das Virus kam mit einem infizierten Reiserückkehrer aus Indien in die Region. Dieser Patient wurde nun in Italien von der entsprechenden Mücke gestochen, welche sich dank der dort idealen klimatischen Voraussetzungen ausbreiten konnte. Mit dem Wechsel in die kühleren Jahreszeiten starb die Tigermücke wieder ab, wodurch das Chikungunya-Virus nicht weiterverbreitet werden konnte. Aber in diesem Szenario zeigt sich, dass die Krankheit autochthon werden könnte, wenn nur die richtigen Voraussetzungen gegeben sind.

Wie steht der Klimawandel mit Zecken als Vektoren von Krankheiten wie Borreliose und der Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) in Zusammenhang?
R. Müllegger: Zecken profitieren seit langer Zeit entscheidend vom Klimawandel. Sie benötigen eine Temperatur von 8 Grad, um aktiv werden zu können, also sind die immer milder werdenden österreichischen Winter ideal. Die Zeckenpopulation hat zugenommen, und auch die Krankheitserreger können sich bei den geänderten klimatischen Bedingungen kompetenter in ihren Vektoren vermehren. Das geänderte Freizeitverhalten der Bevölkerung, mit einer Zunahme von Aufenthalten im Freien, tut sein Übriges. Es kommt gehäuft zu Fällen von Borreliose, auch im Winter, obwohl diese eigentlich immer als saisonale Erkrankung angesehen worden ist.
Die Borreliose zeichnet sich, entgegen zahlreichen im Internet kursierenden Falschmeldungen, durch ein klar umschriebenes Krankheitsbild mit Symptomen an der Haut, im Zentralnervensystem, an Herz und Gelenken aus, sie lässt sich sehr gut diagnostizieren und exzellent therapieren. Dazu werden Standardantibiotika verwendet, die eine hervorragende Wirkung zeigen. Eine therapierefraktäre Borreliose ist in Zentraleuropa eine absolute Rarität.
Viel weniger häufig, aber um einiges gefährlicher als die Borreliose ist die ebenfalls von Zecken übertragende FSME. In Österreich betrifft sie oftmals mehr als 100 Patienten pro Jahr und ist nur symptomatisch behandelbar. Ein Drittel der Betroffenen leidet ein Leben lang unter neurologischen Spätfolgen, kognitiven Störungen oder Schlafstörungen. Die Letalität liegt bei einem Prozent. Es gibt eine ausgezeichnete Schutzimpfung mit so gut wie keinen Nebenwirkungen, welche unter allen Umständen in Anspruch genommen werden sollte. Die Durchimpfungsrate in Österreich ist prinzipiell gut, wenn man die erste der drei vorgesehenen Impfungen heranzieht, lässt jedoch leider beim zweiten und dritten Teil der Schutzimpfung nach.

Welche Schutzmaßnahmen empfehlen Sie?
R. Müllegger: Als dringendste Maßnahme gilt es zu verhindern, dass sich Stechmücken weiter bei uns ausbreiten können. Dazu kann jeder Einzelne etwas beitragen, indem er in seinem Umfeld, wie z. B. im Garten oder am Balkon, keine Brutstätten zulässt. Kleine Wasserlacken, wie etwa in Untersetzern von Pflanzen, bieten eine perfekte Bruststätte und sollten daher unbedingt vermieden werden.
Dann gibt es natürlich zahlreiche Repellenzien und physikalische Maßnahmen, wie z. B. ein Moskitonetz über der Schlafstätte oder vor den Fenstern.
Gegen Zecken kann man sich zielgerichteter schützen, da man meist den ungefähren Expositionszeitraum (z. B. Aufenthalt im Wald) kennt. Empfohlen sind neben langen Ärmeln und Hosenbeinen ebenso Repellenzien, die man auf Haut und Kleidung auftragen kann, obwohl sie bei Zecken eine geringere Wirksamkeit als bei Stechmücken zeigen. Nach einem möglichen Kontakt sollte man den ganzen Körper genau absuchen und eventuell in der Haut steckende Zecken sofort entfernen.

Sind die „neuen“ Infektionskrankheiten Ihrer Meinung nach schon ausreichend im Bewusstsein der praktizierenden Ärzte verankert?
R. Müllegger: Meines Erachtens gibt es hier noch Aufklärungsbedarf. Sicher finden gewisse Krankheiten, wie das Chikungunya- oder Zika-Fieber, hin und wieder Erwähnung in den Randspalten medizinischer Zeitschriften, doch ich glaube, auch folgende Botschaft muss in den Köpfen der Mediziner verankert werden: Die besprochenen Infektionskrankheiten sind zwar momentan noch wichtige Reiseerkrankungen, können aber schon in naher Zukunft zu autochthonen Problemen werden.
Grundsätzlich gilt: Sowohl Chikungunya- als auch Zika- und Dengue-Viren können mit unspezifischen makulopapulösen Exanthemen, zuweilen mit einer hämorrhagischen Komponente, verbunden sein. Wenn diese bei Reiserückkehrern zusammen mit unspezifischen fieberhaften grippalen Erscheinungen wie Arthralgien oder Myalgien auftreten, sollte man hellhörig werden und eine genaue Reiseanamnese erheben. Die genannten Erkrankungen sind bis jetzt nur symptomatisch behandelbar, darum können sie auch so gefährlich werden. Die Ausschläge werde in der Regel mit Kortikoidcremen therapiert.

Trägt die klinische Forschung den sich stärker ausbreitenden Infektionskrankheiten bereits ausreichend Rechnung?
R. Müllegger: Gegen Borreliose wird es womöglich bald einen Impfstoff geben. Ein entsprechender Wirkstoff wird derzeit in einer Phase-II-Studie getestet und soll bald in die dritte Phase übergehen. Ein österreichisches Unternehmen ist an diesem Entwicklungsprozess beteiligt.
An der Impfstoffentwicklung besteht bei den genannten viralen Krankheiten angesichts der enormen Infektionszahlen vor allem in den asiatischen Ländern natürlich ein großes Interesse. Leider zeichnet sich in kurz- bis mittelfristiger Sicht noch kein brauchbarer Wirkstoff ab. Gegen das Dengue-Virus ist theoretisch ein Impfstoff vorhanden, der jedoch mit Vorsicht zu betrachten ist: Es wurde beobachtet, dass Patienten, die trotz der Impfung infiziert wurden, einen schwereren Krankheitsverlauf zeigten als diejenigen, welche überhaupt nicht geimpft worden waren.

Welchen Bezug sehen Sie zur pädiatrischen Dermatologie? Wie äußern sich die besprochenen Infektionskrankheiten bei Kindern?
R. Müllegger: Bei vielen Infektionskrankheiten ist es so, dass sie sich in unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen, z. B. bei unterschiedlichem Lebensalter, verschieden manifestieren. Nehmen wir als Beispiel die Borreliose: Bei Erwachsenen zeigt sich in 80–90% der Fälle ein singulärer roter Fleck, das sogenannte Erythema migrans, bei Kindern allerdings nur bei weniger als der Hälfte der Betroffenen. Ein Viertel der kindlichen Patienten zeigen multilokuläre Erythemata migrantia, ein weiteres Viertel hingegen Lymphozytome, rotblaue Knoten und Plaques, bevorzugt am Ohr. Die neurologischen Manifestationen äußern sich bei Kindern meist in Form einer Fazialisparese, vergesellschaftet mit einer aseptischen Meningitis, bei Erwachsenen jedoch als schmerzhafte periphere Beteilung in den Beinen. Zudem wird bei Kindern häufiger eine Arthritis beobachtet.
Bei den viralen Erkrankungen wie dem Chikungunya-Fieber ist für kindliche Patienten die Wahrscheinlichkeit wesentlich größer, dermatologische und neurologische Manifestationen zu entwickeln. Die Krankheitsverläufe sind generell schwererwiegend und nehmen häufiger einen tödlichen Ausgang. Dies ist auch den Eigenheiten des kindlichen Immunsystems geschuldet, welches heftiger auf virale Infektionen reagiert. Umgekehrt treten Arthralgien und Myalgien bei Kindern seltener auf.