Fachthema

„Mehr als ein Viertel ist adipös“

Jatros, 26.03.2020

Interview-Partner:
Dr. rer. nat. Martin Schäfer
Deutsches Rheumaforschungszentrum
(DRFZ), Berlin
Interview geführt von:
Dr. Felicitas Witte

Rheumatologie

Eine Auswertung von Daten des RABBIT-Registers zeigte die unterschiedliche Wirksamkeit von Biologika bei rheumatoider Arthritis in Abhängigkeit vom Gewicht und vom Geschlecht der Patienten.1 Erstautor Dr. Martin Schäfer erklärt die Hintergründe und Folgerungen.

Warum fanden Sie es wichtig, die Wirkung von Biologika bei Übergewicht zu untersuchen?
M. Schäfer: Im deutschen Biologika-Register RABBIT untersuchen wir die Sicherheit und Langzeitwirksamkeit neuer Therapien bei rheumatoider Arthritis. Unser Ziel ist es, anhand unserer umfangreichen Datenbasis Fragen für die Versorgung von Rheumapatienten zu beantworten. Dabei möchten wir zunehmend die spezifischen Bedürfnisse von Patientengruppen mit bestimmten Merkmalen – beispielsweise Alter, Geschlecht oder eben auch Übergewicht – in den Blick nehmen, um die Rheumatologen bei ihren Behandlungsentscheidungen noch besser zu unterstützen.
Mehr als ein Viertel der Patienten im RABBIT-Register ist adipös – das ist eine relevante Patientengruppe. Es ist biologisch plausibel, dass Adipositas als eine milde chronisch-entzündliche Erkrankung Auswirkungen auf die Therapie der rheumatoiden Arthritis hat. Eine Reihe von Studien hat auch bereits Hinweise darauf geliefert. Trotz dieser Hinweise war die Datenlage bisher aber nicht ausreichend, um individualisierte Therapieentscheidungen für stark übergewichtige Patienten auf sie zu stützen. Auch wurden beispielsweise potenzielle Unterschiede zwischen Männern und Frauen bisher kaum berücksichtigt, und einige der früheren Studien basierten auf deutlich weniger untersuchten Patienten, als wir in unserer RABBIT-Studie haben. All das hat uns motiviert, die Studie zu starten.

Wirken die TNF-Hemmer bei Übergewichtigen gar nicht?
M. Schäfer: Doch, sie wirken auch, aber nicht so gut. Von den Patientinnen, die TNF-Blocker bekommen, reduzieren die adipösen Frauen ihre Krankheitsaktivität innerhalb eines halben Jahres nach Therapiebeginn im Mittel um 0,22 DAS28-Punkte weniger als die nicht adipösen Frauen. Die Reduktion der Krankheitsaktivität fällt bei Frauen geringer aus. Es könnte beispielsweise bedeuten, dass die adipösen Frauen nach einem halben Jahr Therapie im Mittel zwei druckschmerzhafte Gelenke mehr hätten als die nicht adipösen.

Warum wirkt sich das Übergewicht bei Frauen mehr aus?
M. Schäfer: Definitiv beantworten können wir das anhand unserer Studiendaten leider nicht. Ich könnte mir verschiedene Gründe vorstellen. Frauen haben im Durchschnitt einen höheren Körperfettanteil als Männer. Wir konnten in unserer Studie die Adipositas lediglich mithilfe des Body-Mass-Indexes definieren. Es wäre gut, auch den Körperfettanteil zu betrachten. Der ist aber ziemlich aufwendig zu bestimmen. Weitere Erklärungen für Unterschiede zwischen Frauen und Männern könnten das Ausmaß der körperlichen Aktivität sein oder die Therapieadhärenz. Zu diesen beiden Faktoren haben wir in der RABBIT-Studie jedoch leider keine Daten. Ein eher mit den Charakteristika der Studie zusammenhängender möglicher Grund: Da deutlich mehr Frauen als Männer unter rheumatoider Arthritis leiden, haben wir auch in RABBIT deutlich mehr Frauen als Männer. Durch die höhere Zahl von Frauen ist die Chance, einen vorhandenen Effekt der Adipositas auf die Therapiewirksamkeit auch tatsächlich statistisch nachweisen zu können, bei den Frauen höher als bei den Männern, das heißt: Bei den Frauen haben wir eine höhere statistische Power. Es könnte also sein, dass wir bei den Männern allfällige vorhandene Effekte zu einem gewissen Grad lediglich nicht nachweisen konnten.

Ab welchem Ausmaß des Übergewichts muss man Einbußen der Wirksamkeit befürchten?
M. Schäfer: Unsere Auswertungen deuten auf einen – wenn auch geringeren – Effekt selbst von weniger starkem Übergewicht hin. Auf Ebene der Biologie betrachtet: Je größer das Übergewicht, desto größer ist auch die Menge der vom Fettgewebe zusätzlich produzierten entzündungsfördernden Substanzen, die die Wirksamkeit von Medikamenten, die diese hemmen, entsprechend stärker beeinträchtigen können. Insofern macht für adipöse Patientinnen und Patienten eine Gewichtsabnahme auch nur um wenige Kilogramm Sinn.

Was raten Sie Rheumatologen für die klinische Praxis?
M. Schäfer: Wenn ein adipöser Patient oder insbesondere eine adipöse Patientin unter der begonnenen Therapie keine Besserung der Symptome und spätestens nach einem halben Jahr Behandlung keine Remission der Krankheit erreicht, sollte der behandelnde Arzt auf ein Medikament mit einem anderen Wirkprinzip umstellen. Für die übergewichtigen Patienten bedeutet dies: Es ist für sie ratsam, begleitend zu einer Therapie mit einer Ernährungsumstellung zu beginnen und Gewicht abzunehmen.


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Literatur: