Thema

JATROS Kardiologie & Gefäßmedizin

Prof. Dr. Christian Hengstenberg neuer Herausgeber JATROS Kardiologie

Jatros, 27.02.2020

Interview-Partner:
Univ.-Prof. Dr. Christian Hengstenberg
Leiter Klinische Abteilung für Kardiologie,
Universitätsklinik für Innere Medizin II,
Medizinische Universität Wien,
und Herausgeber
JATROS Kardiologie & Gefäßmedizin
E-Mail: christian.hengstenberg@meduniwien.ac.at
Interview geführt von:
Christian Fexa

Kardiologie & Gefäßmedizin

Das Fachjournal JATROS Kardiologie & Gefäßmedizin wird in diesem Jahr 25 Jahre alt. Zum Auftakt dieses Jubiläumsjahrs hat Prof. Dr. Christian Hengstenberg, Leiter der klinischen Abteilung für Kardiologie an der Universitätsklinik für Innere Medizin II der Medizinischen Universität Wien, die Herausgeberschaft des Journals übernommen. Das Ziel: fundierte, verlässliche und kompakte Informationen für die kardiologische Community und Mediziner mit Interesse an der Kardiologie.

Sehr geehrter Herr Professor Hengstenberg, Sie haben die Herausgeberschaft des Journals JATROS Kardiologie & Gefäßmedizin übernommen. Dafür möchten wir uns sehr herzlich bedanken. Sie werden künftig die Blattlinie, Inhalte und Schwerpunktsetzungen mit Ihrer Expertise gestalten und spannende Themen aufgreifen. Was können die Leser erwarten?
C. Hengstenberg: Die Leserinnen und Leser können sich erwarten, dass sie Informationen über die wirklich wesentlichen Themen der Kardiologie erhalten, mit denen sie auch in ihrer täglichen Arbeit konfrontiert sind. Zum einen werden wir die relevanten aktuellen Entwicklungen, die auf Kongressen präsentiert werden, aufgreifen, zum anderen werden wir uns insbesondere mit den großen Schwerpunkten der Kardiologie wie zum Beispiel Herzinsuffizienz, koronarer Herzerkrankung, Klappenerkrankungen oder etwa auch elektrophysiologischen Erkrankungen beschäftigen. Das Ziel ist, dass Kolleginnen und Kollegen die Informationen zu neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen, die für sie wichtig sind, direkt in die tägliche Praxis übernehmen können.

Die Kardiologie ist ein hochinteressantes Fachgebiet – im Mittelpunkt Ihrer Arbeit steht der Mensch mit kardiovaskulären Erkrankungen. Was begeistert Sie an der Kardiologie?
C. Hengstenberg: Die Entwicklungen der technologischen und medikamentösen Möglichkeiten der letzten Jahrzehnte in der Kardiologie sind enorm und auch erfolgreich. Es ist natürlich sehr schön, auf einem solchen Gebiet zu arbeiten. Diese Entwicklungen versuchen wir auch direkt an den Patienten zu bringen. Dazu haben sich auch neue Spezialdisziplinen herausgebildet wie die invasive Kardiologie, die invasive Elektrophysiologie oder auch die invasive Klappentherapie. Aus meiner Sicht ist es dabei sehr wichtig, diese Themen integrativ zu verstehen und zu fragen, welche Option für welche Patienten die richtige ist. Die Herausforderung dabei ist, dass einige junge Techniken noch nicht über Langzeitdaten verfügen, so haben wir bei Klappen einen Beobachtungszeitraum von etwa sieben Jahren. Hier muss man über die nächsten Jahre die Entwicklungen sorgfältig beobachten und Weiterentwicklungen auf den Weg bringen. Das alles sind für mich spannende Aspekte unseres Fachgebietes Kardiologie.

Welche strategischen Herausforderungen sehen Sie im Fach Kardiologie?
C. Hengstenberg: Nehmen wir als Beispiel die medikamentöse Therapie – Medikamente durchlaufen lange Zulassungsphasen, bis sie auf den Markt kommen, zudem werden diese auch nach der Zulassung weiterhin beobachtet. Das ist wichtig und richtig, da sehr selten auftretende unerwünschte schwerwiegende Ereignisse auch erst bei einer gößeren Zahl behandelter Patienten auftreten können. Es ist möglich, dass solche Ereignisse aufgrund der Seltenheit in Zulassungsstudien entweder gar nicht auftreten, übersehen werden oder in Zusammenhängen auftreten, die in den Studien nicht untersucht wurden. Darüber hinaus handelt es sich bei den Studienteilnehmern nicht unbedingt um Real-World-Patienten. Und hier sehe ich eine unserer Herausforderungen, denn leider fehlen uns in Österreich notwendige Instrumente wie nationale Register für die gute Nachverfolgung unserer Patienten oder Krankheitsentitäten. Die Einrichtung solcher Register sollte von allen Stakeholdern wie den Fachgesellschaften, nicht zuletzt aber auch von der Bevölkerung selbst von der Politik eingefordert werden. Wichtig ist, ein Verständnis dafür zu schaffen, dass diese Register ein Nutzen für die Gesellschaft wären und auch finanziert werden müssen. Leider ist hier die Bereitschaft, das Thema übergreifend zu betrachten, nicht gegeben, Zuständigkeiten werden von einem Stakeholder zum anderen weitergegeben, sobald es um die Finanzierung geht. Ich möchte hier niemanden ausschließen, alle müssten vor der eigenen Türe kehren, um die Entwicklung von Registern weiterzubringen: die Krankenkassen, das Ministerium, die Krankenhäuser bis hin zu unseren Fachgesellschaften. Dies würde uns valide Daten zur Verfügung stellen, mit denen verschiedenste Fragestellungen beantwortet werden können. Ein gutes Vorbild sind die skandinavischen Register. Um in diese Richtung etwas auf den Weg zu bringen, führen wir Gespräche mit der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie zum Aufbau des EuroHeart-Registers, in das landesweite Register zu verschiedenen Krankheiten einfließen sollen. Damit wäre es möglich, Krankheiten unabhängig von der Behandlungsmodalität zu betrachten. Gut wäre die Verwendung einheitlicher Datenbanken, wobei die Daten selbst weiter aus Datenschutzgründen in nationaler Hoheit verbleiben. Dies wäre auch kostengünstig in Bezug auf den Nutzen, der so erzielt werden könnte. Grundsätzlich ist hier auch schon vieles bereits vorhanden, was fehlt, ist, dass wir dies nützen und die Erkenntnisse unseren Patienten zugutekommen lassen können.

Ihnen ist es wichtig, Brücken zu anderen Kliniken, Kardiologen und zu anderen Disziplinen sowohl in Österreich als auch international zu bauen. Wo sind für Sie die entscheidenden Vorteile solcher Kollaborationen und was bedeutet es für die wissenschaftliche Arbeit?
C. Hengstenberg: Die Zukunft liegt in einer stärkeren Zusammenarbeit. Wir benötigen Netzwerke, die die Behandlung der Patienten organisieren – vom niedergelassenen Bereich in den stationären Bereich, aber auch die stationären Bereiche untereinander. Wir sehen in Wien die Vorteile einer solchen Organisation zur Kommunikation untereinander im Zuge des STEMI-Netzwerks. Das bedeutet natürlich, dass wir die Herausforderungen unserer Zeit annehmen, eventuell neue Technologien zum Einsatz kommen und Plattformen zur Zusammenarbeit geschaffen werden. Denkbar wäre zum Beispiel die Entwicklung von Tools, die im Fall eines Patienten mit akutem Koronarsyndrom einem Notarzt per App mitteilen, in welchem Spital eine Chest-Pain-Unit verfügbar ist, und diese direkt angefahren werden kann. Zugleich erhält das Chest-Pain-Team des Spitals die Infos darüber, wann der Patient eintreffen wird, und alle Daten zu dem Patienten. Solche Systeme sind zwar bereits verfügbar, implementiert sind sie bei uns jedoch noch nicht.
Abgesehen von dieser Zukunftssicht ist die interdisziplinäre Zusammenarbeit wichtig, weil die Krankheiten, die wir behandeln, komplex sein können und sich leider nicht immer an das Lehrbuch halten. Auch das Wissen der einzelnen Akteure geht immer tiefer, was ebenfalls eine zunehmende interdisziplinäre Herangehensweise notwendig macht. Wir haben dazu das Comprehensive Center for Cardiovascular Medicine eingerichtet, in dessen Rahmen wir solche interdisziplinären Prozesse und Herangehensweisen entwickeln.
Eine wichtige Rolle nimmt natürlich auch der internationale Austausch ein. Dazu dienen sowohl Kongresse mit nationalem Fokus wie der Wiener Kongress Kardiologie oder die ÖKG-Jahrestagung, aber auch internationale Kongresse wie aktuell der C3-Kongress oder der ESC-Kongress. Diese Plattformen sind für alle wichtig, um an den neuesten Informationen dranzubleiben und sich auszutauschen.

Die kardiologische Community benötigt Informationen, auf die sie sich verlassen kann, zugleich haben Ärztinnen und Ärzte immer weniger Zeit für die Flut an neuem Wissen. Mit Ihrer Herausgeberschaft wird JATROS Kardiologie & Gefäßmedizin dazu beitragen, dieses Wissen zu vermitteln. Was ist Ihnen dabei besonders wichtig?
C. Hengstenberg: Wichtig ist die Aufbereitung der Informationen zu aktuellen Studien mit ihren Key-Messages: welches Thema, was wurde untersucht, was ist das Resultat und welche Bedeutung hat dies für die Praxis. Der Hintergrund der wichtigen Studien ist ja, dass diese dazu dienen, eine konkrete Fragestellung aus der Praxis zu untersuchen und zu beantworten. Dies bedeutet zum Beispiel, dass man nach dem Lesen als Kollegin oder Kollege den Einsatz einer bestimmten Therapie, die man schon immer angewandt hat, überdenkt und neue Aspekte, Erkenntnisse, Leitlinien oder Ähnliches in die Behandlung der Patienten übernimmt. Mich würde es sehr freuen, wenn dies zu Therapiebesserungen für unsere Patienten beiträgt.

Herr Professor Hengstenberg, vielen Dank für das Gespräch und diese ersten spannenden Einblicke!