Fachthema

Immunthrombozytopenie: stabile Thrombozytenwerte seit 1 Jahr mit Eltrombopag

Jatros, 26.12.2019

Autor:
Harald Mori, MSc (Pth)
Psychotherapeut & Dipl. Psychoonkologe
MFA-Medical Viktor Frankl Association Vienna
Supervisor/Mentaltrainer/Delphintherapeut
Wien
E-Mail: haraldmori@aon.at

Onkologie | Psychiatrie

Ziel der palliativmedizinischen Versorgung ist eine möglichst hohe Funktionsfähigkeit verbunden mit einer gewissen Lebenszufriedenheit – auch wenn keine Heilung mehr möglich ist. Schmerzlinderung, Lebensqualität und Würde, Sinnstiftung und existenzielle Fragen stehen dabei im Vordergrund.

Keypoints

  • Ziel in der palliativmedizinischen Versorgung sind eine möglichst hohe Funktionsfähigkeit UND Lebenszufriedenheit, auch wenn keine Heilung mehr möglich ist.
  • Was zählt, ist die Lebensqualität!
  • Die Psychoonkologie bzw. der psychotherapeutisch-existenzielle Zugang zum Menschen in der Palliativmedizin bejaht das Leben und sieht das Sterben als einen normalen Prozess an, der zum Leben dazugehört.

Die Palliativmedizin leistet einen wichtigen Dienst am Menschen, indem der letzte Weg von Patienten möglichst schmerzfrei und würdevoll bewältigt werden kann.
Neben den bekannten Herausforderungen in der somatischen und psychischen Dimension menschlichen Lebens wird die Palliativmedizin bezüglich der Sinnfrage vor eine sehr große Herausforderung gestellt.
Geht es einerseits darum, den terminal erkrankten Menschen mit medizinischem Wissen zu helfen, so ist die existenzielle Frage, was denn diese Phase des Lebens und Sterbens noch für einen Sinn hat, von großer Bedeutung. Geht der Betroffene doch einen letzten Weg, der noch dazu irreversibel ist. Veränderung, Vergänglichkeit, Zerstörung und schließlich eine Ungewissheit, für die bisher kein Wissen, aber in zarter Annäherung eine Glaubenshaltung Lösungen anbieten könnte – all das macht die Zeit des ausklingenden Lebens schwierig und führt oft zu Hilflosigkeit im Umgang mit den Phänomenen Leid und Tod.
Der Begründer der Existenzanalyse und Logotherapie, der Neurologe und Psychiater Viktor E. Frankl, hat unter dem existenzanalytischen Begriff „Die tragische Trias“ die jedes Leben begleitenden Aspekte von Leid, Schuld und Tod zusammengefasst. Jeder Mensch leidet im Leben, früher oder später, jeder stirbt einmal – das ist nach wie vor sicher – und zu dem gesellen sich Fragen der Schuld: Habe ich so gelebt, wie ich es mir gewünscht hatte? Habe ich ein sinnvolles Leben gelebt? Welche Spuren hinterlasse ich in der Welt?
Auch das ärztliche und pflegerische Personal ist mit der Frage konfrontiert, ob für den sterbenden Menschen genug getan wird – oder eventuell sogar zu viel.
Das Leben ist im Wesentlichen keine Funktionalität und schon gar keine Sache. Das Leben ist ein ständiger dynamischer Prozess, Erfahrung und Entwicklung.
Erich Fromm meint: „Wer bin ich, wenn ich bin, was ich habe, und dann verliere, was ich habe?“ „Haben“ wir unser Leben, oder führen wir es, leben wir es? Frankl verweist im diesem Sinne auf Karl Jaspers (Psychiater und Philosoph): „Menschsein ist entscheidendes Sein.“ Und ergänzt: „Verantwortung haben bedeutet, dem Leben auf die Fragen des Lebens zu antworten.“

Die innere Haltung ändern

Wie sollen wir nun die innere Haltung der leidenden Menschen und der Helfenden und Begleitenden beeinflussen, damit auch die letzten Schritte im Leben mit Zuversicht und Vertrauen, im Gefühl von Sinnhaftigkeit bewältigt werden können? Nach Viktor Frankl kann der Mensch „Einstellungswerte“ verwirklichen. Bei schicksalshaften unabänderlichen Lebensverläufen ist es fast immer möglich, noch die innere Haltung, den Blickwinkel auf eine belastende Lebenslage zu verändern. So können die letzten Wochen oder sogar einzelne verbleibende Tage für einen Menschen wichtig und erfüllend sein.
Späte Erkenntnisse, was im Leben wichtig war, was doch trotz aller Widrigkeiten gelungen ist, können Patienten zur Einsicht bringen, dass ihr Leben mehr Sinn hatte, als sie vermeinten.
Sie können gemeinsam mit betreuenden Personen, auch durch eine angemessene psychologische Unterstützung, noch entdecken, welche Spuren sie in ihrem Leben hinterlassen und welche wertvollen Zeiten und Erlebnisse sie in ihrem Leben gehabt haben. Unsere Patienten leben diese Möglichkeiten teilweise ja vor: der Vergänglichkeit noch ein „Trotzdem“ entgegenzusetzen.
Selbstverständlich sind der Schweregrad der Erkrankung und der jeweilige Allgemeinzustand der Betroffenen immer wieder limitierend, wenn es darum geht, einer akuten und hoffnungslosen Situation noch einen Sinn abzuringen. Der St. Petersburger Psychiater und Hospizleiter I. W. Dobriakow meinte kürzlich: „Wir können Perspektiven geben, wo es eigentlich keine Perspektiven mehr gibt.“

Den Menschen nicht aus den Augen verlieren

Was heißt nun „die innere Haltung ändern“?
Ein sehr kranker Mensch kann sich immer noch wertvoll fühlen, einfach weil die Person noch am Leben, IN diesem Leben ist. Dieser Mensch kann wichtig sein – für die Angehörigen: Die Anwesenheit hat Bedeutung, sei es, indem man mit dem Menschen sprechen kann oder indem Angehörige darauf zu vertrauen lernen, dass es vielleicht auch für einen sehr dementen oder komatösen Patienten noch etwas geben könnte, wofür es wichtig ist, dass er noch lebt, auch wenn die Außenstehenden mit dem Anblick des Leidens und Sterbens Schwierigkeiten haben.
Wir wissen ja nicht wirklich, was sich da noch im Inneren eines Menschen tut, welche Gefühle und Gedanken dieser Mensch noch hat, welche Erinnerungen wieder auftauchen und vielleicht, wenn auch nur für Sekunden, eine Bedeutung haben, deren Sinn sich für die helfenden Begleiter nicht erschließen lässt.
Frankl sprach vom Wesen des Menschen als „geistiger Person“. Diese geistige Person kann nicht erkranken. Sie verbirgt sich manchmal hinter den „Mauern der Krankheit“, jedoch dahinter ist der Mensch immer noch Person.
„Personare“ bedeutet: durchtönt sein, in Resonanz mit einer Dimension des Menschseins, die dem rein strikten Naturwissenschaftler nicht erklärbar ist, welche sich dennoch dem sensiblen und humanistisch denkenden Menschen und Arzt als Phänomen auftut. Das heißt: Wir sehen und erkennen den Menschen nicht nur, wir fühlen den Menschen auch in seiner Einzigartigkeit und Einmaligkeit.
Im Buch „Der veruntreute Himmel“ schrieb Franz Werfel: „Wie die Geburt das schmerzliche* Geheimnis ist zwischen Mutter und Kind, so ist der Tod das schmerzliche Geheimnis zwischen Gott und dem Menschen.“ [* Schmerzlich ist hier als: „innig und unergründbar“ zu verstehen.]
Marianne Kloke (Spezialistin für Palliativmedizin, Essen, D) weist in ihrer Arbeit darauf hin, „… dass das traditionelle Fürsorgeprinzip keine Konkurrenz zur Autonomie darstellt, sondern dass Fürsorge die Antwort des Arztes auf den Hilferuf des autonomen Patienten ist. Das ist dann in absoluter Konkordanz mit der Haltung und dem Geist von Palliativmedizin.“
Kaiser Joseph II. hatte auf dem Gelände des Allgemeinen Krankenhauses der Stadt Wien schon im Jahre 1784 Marmortafeln mit folgender Inschrift anbringen lassen: „Saluti et Solatio Aegrorum“: nicht nur der Heilung, sondern auch dem Troste der Menschen, der Kranken gewidmet.
So ist auch der Grundgedanke einer sinnstiftenden Palliativmedizin zu verstehen, die zu ihren großartigen Leistungen auf medizinischer Ebene auch die erwähnte „geistige Person“, den Menschen in ganzheitlicher Sicht, im Auge behält, bis zum letzten Atemzug.
Stein Husebø, ein bekannter Palliativmedizinforscher aus Norwegen, meint zum sterbenden Menschen: „Was der Sterbende mehr als alles braucht, ist, dass wir Verständnis und Respekt für seine Person aufbringen. Vielleicht sollten wir weniger mit den Sterbenden über Tod und Traurigkeit reden und stattdessen unendlich mehr tun, damit sie an das Leben erinnert werden.“ Auch das Sterben ist Teil des Lebensweges.

Jeder Augenblick zählt

Bei größter Wertschätzung für die naturwissenschaftlichen Aspekte der Medizin ist sie darüber hinaus auch Heilkunst und Zuwendung zum Menschen in seinem Wesen. Das „Pallium“, der Mantel, in der Palliativmedizin ist etwas, das neben strukturierter Hilfe auch menschliche Wärme ermöglicht. Und schließlich macht der Tod das Leben erst sinnvoll, weil die Endlichkeit des Lebens uns auffordert, unsere Anliegen, unsere Wünsche, unsere Vorhaben zur rechten Zeit – also rechtzeitig – zu vollenden, eben in jener Weise und eben so weit, wie es dem einzelnen Menschen innerhalb seiner Bedingungen und seines Schicksals möglich ist. Frankl meinte: „Wenn das Leben einen Sinn hat, dann behält es diesen Sinn auch im Angesicht des Todes und in den letzten Phasen des Lebens, bis zum letzten Moment.“
Jeder Augenblick zählt und es kann die Aufgabe der Helfenden sein, diese Sinnhaftigkeit den Menschen zu verdeutlichen. Wenn wir die Patienten spüren lassen, dass sie auch uns wichtig sind, dass wir ihre Anwesenheit, ihr Dasein für wertvoll halten, dann wird der tröstliche Aspekt dieser Einstellung sehr oft mit einem verbesserten Lebensgefühl der Patienten belohnt.
Der gute Umgang mit dem Sterben und mit dem Tod führt dazu, dass die betreuenden Personen die sterbenden Patienten zur „passenden“ Zeit auch gehen lassen können. Diese Verantwortung und diese Haltung den Angehörigen zu vermitteln ist auch ein wesentlicher Beitrag zu einer sinnstiftenden palliativmedizinischen Versorgung.
Wenn Hermann Hesse in seinem Gedicht „Stufen“ schreibt, dass wir „heiter Raum um Raum durchschreiten, an keinem wie an einer Heimat hängen …“, dann spiegeln seine Worte in berührender Weise wider, wie der Lauf des Lebens gelingen kann. Und er beendet sein Gedicht mit den Gedanken:

„Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden,
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!“

Literatur: