Fachthema

Den Krebs überlebt – und was kommt danach?

Herausforderungen in der Betreuung von «cancer survivors»

Leading Opinions, 05.03.2020

Autor:
Prof. Dr. med. Jörg Beyer
Medizinische Universitätsklinik für Onkologie
Inselspital, Universitätsklinik der Universität Bern
Freiburgstrasse
3010 Bern
E-Mail: joerg.beyer@insel.ch

Allgemeine Innere Medizin | Onkologie

Dank der Fortschritte der modernen Onkologie überleben immer mehr Menschen ihre Krebserkrankung. Da diese sogenannten «cancer survivors» oft mit Spätfolgen der Krebserkrankung selbst oder deren Therapie zu kämpfen haben, benötigen sie eine spezielle Langzeitbetreuung.

Keypoints

  • Die Zahl der Langzeitüberlebenden einer Krebserkrankung, der sogenannten «cancer survivors», nimmt mit den Erfolgen der modernen Onkologie weltweit zu.
  • «Cancer survivors» sind besonderen gesundheitlichen Risiken ausgesetzt und leiden trotz Heilung oft an den Spätfolgen ihrer Krebserkrankung oder deren Therapie.
  • «Cancer survivors» brauchen auch Jahre nach erfolgreicher Therapie besondere Aufmerksamkeit und eine spezialisierte Langzeitbetreuung, welche Schäden frühzeitig erkennt und Spätfolgen vorbeugt.
  • Wer die spezialisierte Langzeitbetreuung von «cancer survivors» übernimmt – Allgemeinmediziner, Krebsspezialisten oder beide gemeinsam –, ist derzeit noch ungeklärt.

Während die Anzahl an Krebserkrankungen durch eine älter werdende Bevölkerung und damit auch die Krebsmortalität in der Schweiz im Vergleich zu anderen Todesursachen insgesamt weiter zunimmt, nimmt die Sterblichkeit einzelner Krebserkrankungen ab; das heisst, immer mehr Menschen werden von ihrer Krebserkrankung geheilt (Abb. 1). Obwohl die Fortschritte der modernen Onkologie vorwiegend jüngeren Menschen zugutekommen, ist vor allem unter der älteren Bevölkerung ein Zuwachs an «cancer survivors » zu erwarten (Abb. 2).

Überleben nach Krebs im Kindesalter

Die Pädiater waren die Ersten, welche die Notwendigkeit einer spezialisierten Betreuung von «cancer survivors» erkannten.1 Dies einerseits, weil Krebs bei Kindern noch höhere Heilungsraten aufweist als bei Jugendlichen und Erwachsenen, und andererseits, weil Krebserkrankungen und deren Therapie in der Wachstumsphase bei Kindern noch grössere Schäden verursachen können. Überlebende nach Krebs im Kindesalter sind sowohl durch das höhere Risiko von Zweittumoren als auch durch Wachstumsstörungen und Organschäden als Spätfolgen der Behandlung bedroht. Sehr früh entwickelten sich hieraus vor allem in den USA Konzepte der Nachbetreuung von «cancer survivors» in Form eines «passport for care», welcher die Erstellung eines individuellen Nachsorgeplans auf der Grundlage der Krebsdiagnose, der durchgeführten Behandlung und der verfügbaren Evidenz erlaubt.2 Patienten mit besonders schwerwiegenden Problemen profitieren dabei von einer Betreuung in einer sogenannten «Cancer survivorship »-Klinik, wie sie z. B. neuerdings am Inselspital Bern in Zusammenarbeit mit dem Universitären Cancer Center Inselspital (UCI) angeboten wird.3

Überleben nach Krebs von Jugendlichen und jungen Erwachsenen

Die nebenstehende Fallschilderung zeigt eindrucksvoll die Probleme, mit denen sich Jugendliche und junge Erwachsene konfrontiert sehen. Ist die unmittelbare Lebensbedrohung durch die Krebserkrankung überwunden, stehen zunächst die Herausforderungen der Reintegration in ein «normales» Leben im Vordergrund, wie es vor der Krebsdiagnose bestanden hat (Abb. 3). Allerdings sind gerade Jugendliche und junge Erwachsene mittel- und langfristig durch frühzeitige Alterungsprozesse bedroht, insbesondere nach Chemotherapie z. B. durch ein frühzeitig einsetzendes metabolisches Syndrom mit konsekutiver Übersterblichkeit an kardiovaskulären Komplikationen, Herzinfarkt und Schlaganfall (Abb. 4).4 Dagegen führen sowohl Chemotherapie als auch Strahlentherapie zu einer Übersterblichkeit an Zweittumoren.

Überleben nach Krebs im fortgeschrittenen Lebensalter

Während bei Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen das Langzeitüberleben ganz im Vordergrund steht, ist es bei älteren Menschen nach erfolgreicher Krebstherapie der Erhalt bzw. die Wiedererlangung ihrer Selbstständigkeit. Häufig verschlechtern sich durch die Krebsdiagnose bzw. -therapie vorbestehende Funktionseinschränkungen und bedrohen die Selbstständigkeit der Betroffenen.

Lebenspartner und betreuende Angehörige

Durch eine Krebserkrankung sind in der Regel nicht nur die erkrankten Menschen selbst, sondern auch Eltern, Ehe- bzw. Lebenspartner, weitere Angehörige und nahestehende Personen betroffen.5 Diese übernehmen meistens zu einem erheblichen Teil die Betreuung der an Krebs erkrankten Personen und sind damit sehr ähnlichen Belastungen ausgesetzt wie die Krebskranken selbst, mit dem Risiko körperlicher, psychischer, sozialer und finanzieller Probleme. Bei der Betreuung von «cancer survivors» sollte daher immer auch das unmittelbare Umfeld bzw. die «care givers» miteinbezogen werden.

Konzepte der Betreuung von «cancer survivors»

Zunächst stehen in der Beratung von «cancer survivors» ganz besonders die allgemeinen Empfehlungen gesunder Lebensführung im Vordergrund: eine aktive Lebensweise mit regelmässigem Sport, eine gesunde Ernährung, Gewichtskontrolle, strenge Nikotinkarenz und allenfalls mässiger Alkoholkonsum. Darüber hinaus sollte durch eine gezielte Anpassung der Empfehlungen für die Krebsfrüherkennung den besonderen Risiken von Zweittumoren Rechnung getragen werden, wie z. B. dem erhöhten Risiko für Brustkrebs nach Bestrahlung junger Frauen mit M. Hodgkin.5, 6
Die Betreuung von «cancer survivors» in der Schweiz ist meist unsystematisch, fragmentiert und hinsichtlich des Nutzens einzelner Instrumente und Interventionen wissenschaftlich wenig untersucht.7 Der Kern, den alle Konzepte gemeinsam haben, ist jedoch die Information der Betroffenen über die Diagnose, die durchgeführten Behandlungen, und die hieraus resultierenden Risiken nach Abschluss der Behandlung im Rahmen eines schriftlichen Nachsorgeplans («Survivorship care»-Plan). Dies erleichtert die Kommunikation zwischen den beteiligten Personen, vermeidet Informationsverlust bei Wechsel der Nachsorgeeinrichtung und erleichtert es sowohl den Betroffenen als auch den für die Nachsorge verantwortlichen Personen, gegebenenfalls präventiv einzugreifen (Tab. 1).
Ungeklärt ist, wer für die Betreuung der zunehmenden Zahl an «cancer survivors» zuständig ist. Langfristig wird dies nur in Ausnahmefällen die onkologische Spezialambulanz sein. Da viele der Probleme, wie z. B. Einschränkungen der Organfunktionen oder metabolisches Syndrom, in den Bereich der Allgemeinmedizin fallen, ist eine hausärztliche Betreuung naheliegend. Allerdings bedarf es hierzu einer engen Kooperation mit den onkologischen Spezialambulanzen und klaren Empfehlungen für eine individuell angepasste Nachsorge. Weiterhin ist die Einrichtung spezialisierter «Cancer survivorship»-Kliniken sinnvoll für die interdisziplinäre Betreuung von Betroffenen mit besonders komplexer Problematik.

Fazit

Die Betreuung von «cancer survivors» ist in der Schweiz derzeit noch unzureichend, unstrukturiert und nur selten evidenzbasiert. Es muss daher eine erhebliche Unter-, Über- und Fehlversorgung unterstellt werden. Weiterhin ist die Zuständigkeit für die lebenslange Betreuung von «cancer survivors» ungeklärt. Spezialambulanzen für die Zuweisung zur interdisziplinären Betreuung von Betroffenen mit Spätkomplikationen und besonders komplexer Problematik fehlen weitgehend. Die Erstellung eines schriftlichen Nachsorgeplans («Survivorship care»-Plan), der den Betroffenen am Ende einer kurativ intendierten Behandlung ausgehändigt wird, wäre als einfache und kostengünstige erste Massnahme sinnvoll, wird derzeit aber nur selten eingesetzt.

Literatur: