Fachthema

Sehen, entblössen, berühren

Die menschliche Haut in der modernen Kunst

Leading Opinions, 19.12.2019

Bericht:
Jasmin Gerstmayr, MSc
Quelle:
Fortbildung Dermatologie: «Sehen, Entblössen, Berühren – die menschliche Haut als Thema der modernen Kunst», Margarethenklinik für Regeneration und Medizinische Gestaltung, Basel, am 2. 5. 2019

Dermatologie

Dr. Ralph Ubl, Professor für neuere Kunstgeschichte an der Universität Basel, stellte sich der schwierigen Herausforderung, einem Raum voller erwartungsvoller Dermatologen das Organ Haut aus einer unbekannten Perspektive näherzubringen. Dies geschah im Rahmen eines einstündigen Vortrags an der Margarethenklinik für Regeneration und Medizinische Gestaltung in Basel. Wir haben die Highlights aus Prof. Ubls bereichernder kunsthistorischer Analyse zusammengefasst – lesen Sie selbst!

Die Haut ist ein intensiv beforschtes Thema in der Kunstgeschichte. In der bildenden Kunst der Moderne spielt sie verschiedene wichtige Rollen, vom Symbol der allumfassenden Vergänglichkeit bis zur Darstellung unverschleierter, fast provokanter Nacktheit. Eine Vielzahl an Künstlern, von Manet bis Johns, nutzte die Haut auf eine einzigartige, faszinierende Weise in ihrer Kunst.

Vom Leben gezeichnet

Ein guter Ausgangspunkt zur Analyse der Symbolkraft der Haut ist das Porträt eines Mannes, welches 2012 von der bedeutenden Fotografin Catherine Opie aufgenommen wurde. Der Name dieses Porträts lautet Lawrence (Black shirt). Es zeigt einen bekannten Künstler, mit einem schwarz-bläulichen Hemd bekleidet, wie er mit leerem Blick nach vorne sieht und fast andächtig eine selbst gedrehte Zigarette hält. Der matte Farbton des Hemdes des Porträtierten lässt sich kaum unterscheiden vom tiefen Schwarz des Hintergrunds, was den alten Mann umso stärker hervortreten lässt. Opie war interessiert an diesem vom Leben gezeichneten Gesicht und dem Spiel des Lichtes auf Haut und Bart. Besonderes Raffinement erhält es durch die Rauchschwade der Zigarette. Das Thema des alten, nachdenklichen Mannes in Form eines Porträts fasziniert Künstler schon seit dem Barock. Die Haut war in diesem Zusammenhang die Oberfläche, an der die Spuren des Lebens, der Zeit und der Erfahrungen des Menschen ablesbar zu sein schienen. Die Zufälle des Lebens zeichnen sich eben nicht zuletzt auch auf der menschlichen Haut ab.
Bei Rembrandts Aristoteles mit der Büste Homers, ein Werk, welches er 1653 geschaffen hat, steht genau wie bei Opie das Porträt eines alten Mannes im Vordergrund, der vielleicht angesichts der Vergänglichkeit der Dinge in tiefe Melancholie versunken ist (Abb. 1). In diesem Werk wird Aristoteles umgeben von Büchern und Lampen gezeigt. Mit langem, verlorenem Blick berührt er die Büste des Dichters Homer. Man könnte meinen, er suche noch eine andere Art der Verbindung zur geistigen Welt als die des Lesens und Beobachtens, und zwar über seinen Tastsinn, was sich im gedankenverlorenen Greifen auf die Büste äussert.
Die Haut ist ein Faszinosum, etwas, das uns zum Hinsehen bewegt. Sie ist auch Anreiz und Vorwand, um künstlerische Virtuosität zu zeigen, sei es im Rahmen der Fotografie oder der Malerei, bei der Wiedergabe von vom Leben gezeichneter Haut. Doch auch die Entblössung, also die Darstellung von etwas, das normalerweise nicht gezeigt wird, kann eine Rolle spielen, wie bei Lawrence (Black shirt): Wir sehen den Menschen schamlos und offen, können sein Bäuchlein und seine Brustbehaarung erkennen. Es handelt sich hier jedoch nicht um ein grossartiges Blossstellen, sondern um das Zeigen von bislang verborgen Gehaltenem. Es sollte nicht vergessen werden, dass Bilder nicht nur Gegenstände sind, die dafür gemacht wurden, dass wir sie betrachten, sondern auch, weil uns Künstler – Fotografen, Maler – etwas zeigen wollen. Dieses Zeigen kann dem Entblössen sehr nahe kommen. Als dritter Punkt, nach dem Sehen und Entblössen, kommt die Haut als Organ der Berührung ins Spiel. Das Tasten einer Person ist meist besonders dann am auffälligsten, wenn sie die Augen schliesst oder ins Leere blickt.

Die Haut als Bildträgerin

Die Haut als Themenkomplex ist in den unterschiedlichsten sozialen und kulturwissenschaftlichen Bereichen wichtig. Ihre Geschichte kann aus den verschiedensten Perspektiven – Anthropologie, Naturwissenschaften, Psychologie – untersucht werden. Doch warum interessiert sich die Kunst für sie? In der Moderne besteht ein spezifisches Interesse an der Haut, welches unter anderem aus dem Unterschied zwischen Verhüllen und Entblössen sowie dem Zusammenspiel von Sehen und Berühren herrührt.
Das Selbstporträt der Fotografin Opie, Self-Portrait/Cutting, aus dem Jahre 1993 zeigt den blossen Rücken der Künstlerin, versehen mit einer auf diesen geritzten Kinderzeichnung. An diesem Porträt offenbart sich ein Aspekt, unter dem die Haut in der Moderne wichtig ist. Sie dient nämlich erstmals als Bildträgerin – bis vor Kurzem in der westlichen Kunst und Tradition ein sehr marginales Thema. Wenn sich Autoren der klassischen abendländischen Philosophie wie Immanuel Kant zur Haut als Bildträgerin äusserten, dann nur ganz am Rande und exotisierend, z. B. mit Bezugnahme auf das Volk der Maori, welches ihre Haut für Ornamente verwendet. Diese Marginalität ist mit ein Grund, warum Opie, die zentrale Figur einer feministisch-queeren Kunst, umso stärker und ostentativer hervortritt. Das Hauptinteresse an der Haut ist also eher ein formales: Es gibt eine gewisse Affinität von Haut und Bild, da menschliche Körper ja an bestimmten Teilen frontal von dem Organ Haut bedeckt sind. Als Beispiel sind hier Brust und Rücken zu nennen, die relativ flach und nach vorne ausgerichtet sind und somit in einer bestimmten Beziehung zum Bild stehen, welches ja ebenso flach und frontal ist.

Olympia – das Gründungsbild der Moderne

Bei der Venus von Urbino von Tizian (1538), bei welchem eine nackte junge Frau auf einem Bett liegend zu sehen ist, ist hervorragend die westliche Tradition von makelloser Haut zu erkennen (Abb. 2). Die Haut dient als Oberfläche, welche den Körper darunter zur Geltung bringen soll. Der durch die Haut stark hervortretende Teil des Bildes erscheint sehr hell, wird aber durch ein nuanciertes Hell-Dunkel weich in die Umgebung abgestuft.
Der Künstler Édouard Manet stellt mit seiner Ölmalerei Olympia, welche als Gründungsbild der Moderne gilt, 1863 diese Darstellung von Tizian ungewollt auf provokante Weise infrage. Zu sehen ist wiederum eine junge Frau, welche nackt auf einem Bett liegt, hinter ihr eine schwarze Frau, die sich ihr mit einem Strauss Blumen zuwendet (Abb. 3). Die Pariser Kunstszene war seit der Ausstellung des Bildes in hellem Aufruhr. Doch worin lag der Skandal? Die buchstäbliche, aber auch metaphorisch-soziale Entblössung der Frau hatte nichts Verklärendes: Anders als bei Tizians Venus von Urbino fehlen bei Manet feine Nuancen und fliessende Schatten, die die Nacktheit der Frau sanft umspielen. Es findet also keine Verklärung der Verhältnisse statt: Die linke Hand ruht ostentativ auf der Scham und zieht so Aufmerksamkeit auf sich. Entblösst wird auch die Prostitution, die zu früheren Zeiten ein offenes, aber verschleiertes Geheimnis war. Es handelt sich hier offensichtlich um die Anbahnung einer Interaktion fleischlicher Natur. Auch die Darstellung der dunklen Frau, die im 19. Jahrhundert als Teil der sozialen Wirklichkeit gezeigt wird, welche mit ethischen Differenzen einhergeht, erregte Anstoss.
Abgesehen von der sozial-kulturhistorischen Betrachtungsweise der Olympia erscheint es wichtig, auf die «schmutzige» Haut der Frau hinzuweisen, die von so vielen Kritikern beanstandet wurde. Die Farbe der Haut wird fast weiss und als aufgetragen dargestellt und mit keinerlei Illusion, wie z. B. Erröten, umspielt. Es gibt keine sanften Übergänge, sondern vielmehr gewisse Schmutzränder an den Konturen, die sich ausbreiten. Somit hat Manet mit der wesentlichen Tradition des Hell-Dunkels der neuzeitlichen Malerei gebrochen, welches sich wie ein verklärender Schleier über die Nacktheit legt.
Warum also ist die Olympia das Gründungsbild der Moderne? Die moderne Kunst steht in Verbindung mit dem Versuch, ein grundlegendes Einverständnis unserer gegenwärtigen Kultur infrage zu stellen und unbequeme Wahrheiten zu zeigen. Ebenso typisch ist die Verflächigung, welche ausdrücklich gezeigt werden soll. Zusätzlich erlaubt das Gemälde dem Betrachter nicht, in der Illusion zu schwelgen, etwas unbeobachtet geniessen zu können, sondern es macht uns klar: Wir betrachten etwas, das uns betrachtet. Ein ausdrücklicher Blickwechsel findet also in der Moderne statt, eine aggressive Adressierung des Betrachters, gemeinsam mit dem Motiv des Sich-Entblössens, welches unweigerlich mit dem Thema Haut verbunden ist.

Babycreme im Gesicht

Einen etwas anderen Blick auf Haut in der modernen Kunst liefern uns die Druckgrafiken Study for Skin (1962) von Jasper Johns, einem der bedeutendsten Maler der Gegenwart. Diese entstanden folgendermassen: Johns verteilte eine fette Substanz, angeblich Babycreme, gleichmässig in seinem Gesicht und rollte dieses auf an der Wand fixiertem Papier ab. Der Kohlestaub, den er dann auf dem Papier verteilte, haftete dort am besten, wo die Abdrücke seines Gesichtes lagen. Johns ging fast wie bei Planzeichnungen eines Architekten vor, dem es darum ging, eine so merkwürdige Oberfläche wie den menschlichen Kopf ganz neu zu kartografieren. Die entstandenen Bilder haben etwas Unübliches und übermitteln beinahe das Gefühl, eine Person aus einer jenseitigen Welt stosse an uns heran. Johns dachte erstmals über die Haut als dreidimensional gekrümmte, mehrfach perforierte Oberfläche nach und modellierte sie anschliessend ab.