Fachthema

ÖGP 2019

Krank durch E-Zigaretten

Jatros, 19.12.2019

Autor:
o. Univ.-Prof. Dr. Manfred Neuberger
Zentrum für Public Health
Medizinische Universität Wien
E-Mail: Manfred.Neuberger@meduniwien.ac.at

Pneumologie

Anders als oft suggeriert, atmet der Raucher von E-Zigaretten keinen Wasserdampf, sondern ein Aerosol ein, das verschiedene, teils toxische Substanzen enthält. Dies führt zu einem neuen Krankheitsbild, der sogenannten akuten Dampferkrankheit.

Zwar haben klinische, epidemiologische und experimentelle Studien mit E-Zigaretten Risiken für Atemwege, Lunge, Kapillaren und Arterien aufgezeigt, aber diese scheinen geringer zu sein als bei Tabakzigaretten. Sie sind jedoch nicht allein aus Zahl und Masse der Giftstoffe abzuleiten. Vielmehr spielt die lungendeponierbare Oberfläche (LDSA) eine Rolle für die respiratorische und kardiovaskuläre Toxizität. Die LDSA ist auch entscheidend für immunologische und karzinogene Wirkungen.
In den USA wurden allein bis Anfang Oktober 1299 Verdachtsfälle der akuten „Dampferkrankheit“ gemeldet sowie 26 Todesfälle, die Tage bis Wochen nach dem Konsum von E-Zigaretten auftraten. Zu Beginn kam es bei den überwiegend jungen und gesunden E-Zigaretten-Nutzern zu gastrointestinalen Beschwerden. Respiratorische Symptome setzten erst danach ein und führten in schweren Fällen zum akuten Atemnotsyndrom (ARDS) mit der Notwendigkeit künstlicher Beatmung und teilweise letalem Ausgang (Tab. 1).

Diagnostik und klinische Symptome

Charakteristisch für Pneumonien im Rahmen der Dampferkrankheit ist das beidseitige Auftreten. Zu Beginn sind sie auskultatorisch sowie röntgenologisch oft schwer festzustellen und erst im CT eindeutig zu diagnostizieren. Typisch sind Milchglasverschattungen bei Aussparung der Mantelzonen. Die bronchoalveoläre Lavage zeigt eine Neutrophilie und Lipidablagerungen in den Makrophagen.
Progrediente Verläufe können zur Zerstörung alveokapillärer Membranen mit Blutungen in die Alveolen führen, aber auch zu interstitiellen Pneumonien, die im Verlauf karnifizieren. Eosinophile Pneumonien mit Pleuraergüssen und Septenverdickung wurden nicht nur bei „Dampfern“ gesehen, sondern in Japan auch mit dem Konsum von erhitztem Tabak (IQOS) in Zusammenhang gebracht.
Die bei Dampfern in den USA beschriebene Lipidpneumonie wurde schon 2011 von McCauley et al. auf E-Zigaretten zurückgeführt. Ähnliche Lungenveränderungen zeigten Versuchstiere, die dem Aerosol von E-Zigaretten ausgesetzt waren – unabhängig vom Nikotingehalt. Die Schädigung von Membranproteinen und -lipiden der Alveolarmakrophagen und Pneumozyten Typ II sowie des Surfactant durch die Propylenglykol- und Glyzerinaerosole führte dabei zu einem Zusammenbruch von Lungenabwehr und -funktion. An menschlichen Lungenzellen konnten experimentell ähnliche Veränderungen induziert werden.

Heterogenes klinisches Bild

Die klinisch beobachtete Vielfalt der Symptomatik und Lungenbefunde dürfte nicht nur auf die individuelle Disposition, sondern auch auf die unterschiedlichen Inhaltsstoffe in verschiedenen E-Zigaretten- Sorten zurückzuführen sein. Darüber hinaus können auch vom Anwender beigemischte Substanzen, für die es (leider auch in Europa) Anleitungen gibt (YouTube), dafür verantwortlich sein.
Gründe, warum in den USA mehr Erkrankungsfälle registriert wurden als in anderen Ländern, könnten die dort stärkere E-Zigaretten-Nutzung, der höhere Nikotingrenzwert und eine häufige Beimischung von Cannabinoiden (THC) sein. Allerdings sind auch zahlreiche Fälle ohne Beimischung von THC oder Vitamin E aufgetreten. In Kanada und Europa wurden bisher nur wenige Fälle gemeldet oder publiziert. Eine zentrale Meldestelle fehlt jedoch in Europa, daher ist zu vermuten, dass die Dunkelziffer hier deutlich höher ist, während die „vaping disease“ in den USA bereits überdiagnostiziert wird.
Österreich hat E-Zigaretten bei Werbe-, Versandhandels- und Verwendungsverboten mit Tabakzigaretten gleichgestellt. Wir sollten zudem verhindern, dass Aerosolgeneratoren auf den österreichischen Markt kommen, die Propylenglykol und Glyzerin zu Nanopartikeln zerstäuben, mit denen die in ihnen gelösten Gifte in Alveolen und Blut gelangen.

Nicht für Ex- und Nichtraucher

E-Zigaretten können als Hilfe zum Ausstieg nur Tabakrauchern empfohlen werden, die schon alle verfügbaren psychologischen und medikamentösen Methoden erfolglos versucht haben und das Ziel eines Nikotinstopps verfolgen. Fortgesetzter E-Zigaretten-Konsum führt häufig zu abwechselndem Gebrauch mit Tabakprodukten, wodurch das Gesundheitsrisiko noch höher wird. Nichtrauchern ist von E-Zigaretten dringend abzuraten, vor allem Jugendlichen. Exraucher sollten E-Zigaretten ebenfalls meiden, weil sie damit etwa 68 % des Raucherrisikos eingehen oder einen Rückfall in die Nikotinsucht und das Tabakrauchen riskieren.

Literatur: