Fachthema

ERS 2019

SABA-Übergebrauch: häufig und gefährlich

Jatros Digital, 04.10.2019

Bericht:
Reno Barth
Quelle:
European Respiratory Society (ERS) International Congress, 28. September bis 2. Oktober 2019, Madrid

Pneumologie

Auch zur Problematik der vermehrten Anwendung kurz wirksamer Bronchodilatatoren (SABA) durch Patienten mit schlecht kontrolliertem Asthma wurden im Rahmen des ERS mehrere Arbeiten präsentiert.

So zeigen Daten aus der landesweiten schwedischen HERA-Kohorte einen Anstieg der Gesamtsterblichkeit mit zunehmendem Gebrauch dieser sogenannten Reliever.1 Für die Studie wurden 365 324 Personen im Alter von 12 bis 45 Jahren identifiziert, die innerhalb eines der Jahre von 2006 bis 2014 zumindest zwei Packungen eines Medikaments für eine obstruktive Lungenerkrankung erworben hatten. In einem weiteren Schritt wurden Patienten mit COPD-Diagnose ausgeschlossen. Als SABA-Übergebrauch wurde ein Gebrauch von mehr als zwei SABA-Packungen (definiert als 150 Dosen) innerhalb eines Jahres definiert. Die Auswertung fand bei 30% der Asthmapatienten SABA-Übergerbrauch mit teilweise mehr als 11 Inhalern pro Jahr. SABA-Overuser hatten mehr Exazerbationen, unterschieden sich jedoch hinsichtlich Alter, Geschlecht und Komorbiditäten nicht von der restlichen Kohorte. Die Auswertung ergab eine signifikante Assoziation von SABA-Übergebrauch mit Sterblichkeit. Bereits Patienten, die drei bis fünf SABA-Inhaler pro Jahr verwendeten, hatten ein um mehr als ein Viertel erhöhtes Mortalitätsrisiko (HR: 1,26; 95% CI: 1,14–1,39). In der Gruppe mit dem höchsten SABA-Gebrauch war das Risiko mehr als verdoppelt (HR: 2,35; 95% CI: 2,02–2,72). Die Ergebnisse waren hinsichtlich Alter, Geschlecht, GINA-Stufe und Charlson-Comorbidity-Index adjustiert.

Dieselbe Gruppe untersuchte in derselben Kohorte auch die Assoziation zwischen SABA-Übergebrauch und Exazerbationen.2 In diese Auswertung wurde auch der Gebrauch von inhalativen Steroiden eingerechnet, wobei mit einem Cut-off von 400µg (BDP eq.) pro Tag zwischen mittlerem/hohem und niedrigem Gebrauch unterschieden wurde. Exazerbationen wurden definiert durch entsprechende Krankenhausaufnahmen oder Verschreibungen oraler Steroide. Von den inkludierten Patienten nahmen 26% überhaupt keine ICS (was nicht den aktuellen GINA-Empfehlungen entspricht). Rund 30% nahmen ICS in niedriger, die übrigen 45% in hohen Dosierungen ein. Dennoch benötigten 30% der Patienten unabhängig vom ICS-Gebrauch SABA. Bei SABA-Anwendern war das Exazerbationsrisiko signifikant um rund 50% höher als bei Patienten, die ohne SABA auskamen (OR: 1,53; 95% CI: 1,49–1,56; p<0,001).

Weitere Auswertungen der HERA-Kohorte liefern wichtige Hinweise auf die Hintergründe von SABA-Übergebrauch.3 Sie zeigen, dass fast 30% der Patienten, die häufig SABA einsetzen, überhaupt keine inhalativen Kortikosteroide erhalten und weitere 39% lediglich niedrig dosierte ICS inhalieren. Patienten mit hohem SABA-Gebrauch waren im Durchschnitt etwas älter und häufiger Männer.

Faktoren, die zu einem erhöhten Gebrauch von SABA führen, untersuchte auch eine australische Gruppe.4 In Australien ist das Problem des SABA-Overuse insofern besonders relevant, als Reliever „over the counter“ rezeptfrei erhältlich sind. Eine Studie mit Personen, die in der Apotheke SABA kauften, zeigte, dass 82% der Befragten mit SABA-Übergebrauch überhaupt keine Asthmadiagnose hatten. Allerdings war in der Gruppe mit starkem SABA-Gebrauch auch unkontrolliertes Asthma mit Bedarf nach oralen Steroiden häufig. Die Studie fand auch eine signifikante Assoziation von SABA-Übergebrauch mit Depression – ein Befund, der auch in Ländern relevant sein könnte, in denen SABA nur über Verschreibung verfügbar sind.

Literatur: