Fachthema

ERS 2019

Neues rund um die COPD

Jatros Digital, 02.10.2019

Bericht:
Reno Barth
Quelle:
European Respiratory Society (ERS) International Congress, 28. September bis 2. Oktober 2019, Madrid

Pneumologie

Wenn die Präsentationen großer Phase-III-Studien in diesem Jahr auch fehlten, stellten neue Daten zum Management der COPD erwartungsgemäß wieder einen Schwerpunkt im Rahmen des Kongresses der European Respiratory Society dar.

Eine koreanische Forschungsgruppe stellte die Frage, wie weit bei COPD-Patienten generell die Inzidenz des Lungenkarzinoms unabhängig vom Raucherstatus erhöht bleibt. Dies ist insofern von hohem klinischem Interesse, als die Antwort auf diese Frage Einfluss auf die Empfehlungen für das Lungenkarzinom-Screening haben dürfte. Zur Beantwortung wurde eine nationale Kohorte mit 338 548 Frauen und Männern und einer Beobachtungsdauer von 11 Jahren ausgewertet.1 Endpunkt war das Auftreten eines Lungenkarzinoms. Mit einem Follow-up von 2 355 005 Personenjahren wurden 1834 inzidente Lungenkarzinome registriert. Die Auswertung hinsichtlich COPD ergab für Niemals-Raucher mit  COPD eine Risikoerhöhung um den Faktor 2,67 (2,09–3,40), für Raucher und Ex-Raucher ohne COPD um den Faktor 1,97 (1,75–2,21) sowie für Raucher und Ex-Raucher mit COPD um den Faktor 6,19 (5,04–7,61). Die Autoren betonen, dass Niemals-Raucher mit COPD ein mit Rauchern ohne COPD vergleichbares Lungenkrebsrisiko aufweisen und daher in Screening-Programmen berücksichtigt werden sollten.

Benralizumab bei COPD: neue Subgruppenanalysen

In den Phase-III-Studien GALATHEA/TERRANOVA wurde die Wirksamkeit des gegen Interleukin 5 gerichteten Antikörpers Benralizumab in der Prävention von COPD-Exazerbationen untersucht. Die Studien verfehlten ihren primären Endpunkt.2 Im Rahmen des ERS-Kongresses 2019 wurden nun präspezifizierte Subgruppenanalysen präsentiert, die nach möglichen Signalen in speziellen Populationen suchten. Dabei ergaben sich tatsächlich Assoziationen bestimmter Patienten-Charakteristika mit dem Ansprechen auf Benralizumab.3 Patienten mit mindestens drei Exazerbationen pro Jahr, inhalativer Dreifachkombination, einer Eosinophilenzahl ≥220 Zellen/µl und einer Benralizumab-Dosis von 100mg zeigten im Vergleich zu Placebo das beste Ansprechen (HR: 0,70; 95% CI: 0,56–0,88).

Emphysem: Lungenvolumsreduktion verbessert „patient-reported outcomes“

Von guten Erfolgen mit einem interventionellen Ansatz berichtete Dr. Mark Dransfield, der Ergebnisse der LIBERATE-Studie zur Wirkung der Lungenvolumsreduktion mittels Ventilen (Zephyr® Valve) bei Patienten mit Emphysem präsentierte. In LIBERATE erhielten 190 Patienten mit schwerem Emphysem unterschiedlicher Genese an 24 Zentren randomisiert entweder die Zephyr Valve oder konventionelle Therapie entsprechend dem Standard of Care (SOC). Die Patienten wiesen im Schnitt eine Einsekundenkapazität (FEV1) von 27,4% des Sollwerts und ein Residualvolumen von 225% des Sollwerts auf.

Verbesserungen von Lungenfunktion, Belastbarkeit („exercise tolerance“) und Lebensqualität bei überblähten Emphysempatienten wurden bereits berichtet.4 Die aktuelle Auswertung der Studie untersuchte die Auswirkungen dieser Technik auf sogenannte „patient-reported outcomes“.5 Die Patienten wiesen bei Einschluss einen St.-George’s-Respiratory-Questionnaire(SGRQ)-Score von 54,5 und einen COPD-Assessment-Test(CAT)-Score von 19,2 auf. Nach 12 Monaten wurden Verbesserungen von SGRQ, CAT sowie des Transitional Dyspnea Index (TDI) in beiden Gruppen erhoben. Dabei zeigten sich hinsichtlich aller drei Scores signifikante und klinisch relevante Vorteile für die mit Valves behandelten Patienten (SGRQ –7,05 Punkte; CAT –3,1 Punkte; TDI Focal Score 4,3 Punkte). Treiber der SGRQ-Verbesserung waren die „Impacts“- und „Activity“-Domains (p<0,05 und p<0,001). Die Verbesserung des CAT ging zurück auf Verbesserungen in Atemlosigkeit (p<0,05), Enge in der Brust (p<0,05), Energieniveau (p<0,05), Aktivitäten (p<0,001) und Selbstvertrauen beim Aus-dem-Haus-Gehen (p<0,05). Alle drei TDI-Parameter waren signifikant verbessert (p<0,001).

Jeden Patienten mit COPD und „adult-onset asthma“ auf Alpha-1-Antitrypsin-Mangel testen

Eine wichtige Differenzialdiagnose der COPD ist nicht nur bei jungen Nichtrauchern der Alpha-1-Antitrypsin-Mangel (AATD), eine autosomal-rezessive Erbkrankheit, bei der aufgrund eines Gendefekts zu wenig Alpha-1-Antitrypsin gebildet wird und die sich mit Husten, zunehmender Dyspnoe, Atemwegsobstruktion und Lungenemphysem sowie bei bis zu 20% mit hepatischen Symptomen manifestiert. In ihrer Monograph-Reihe hat die ERS zeitgleich zum Kongress eine Publikation zum ATTD herausgegeben,6 die grundlegende Biologie, Genetik, Labor und Organmanifestationen des ATTD abdeckt sowie die klinische Präsentation bei Erwachsenen und Kindern detailliert beschreibt. Die Publikation berücksichtigt auch den Wunsch des niedergelassenen Praktikers, der betroffene Patienten führt, nach adäquater Information. Die ERS empfiehlt, alle COPD-Patienten sowie Patienten mit „adult-onset asthma“ auf ATTD zu testen.7 Man geht allerdings davon aus, dass dieser Empfehlung zu wenig nachgekommen wird und in Europa bis zu 90% der Betroffenen undiagnostiziert sein könnten. Ein Grund für die Versäumnisse beim Screening dürfte der relativ komplexe diagnostische Algorithmus sein, der allerdings in letzter Zeit durch einen Point-of-Care-Test deutlich vereinfacht werden konnte. Der QuickScreen weist in Post-Marketing-Studien einen in unselektierten Populationen noch akzeptablen negativen Prädiktionswert von rund 99% auf.8 Der positive Prädiktionswert ist allerdings suboptimal. Neue PCR-Assays, die noch nicht den Weg in den klinischen Alltag gefunden haben, erlauben den Nachweis einer relativ großen Zahl relevanter Mutationen ohne Sequencing. Die Tests können mit Blut oder einem Wangenabstrich durchgeführt werden. Die Therapie des Alpha-1-Antitrypsin-Mangels erfolgt in Form einer Substitution von Alpha-1-Antitrypsin.

Literatur: