Fachthema

ERS 2019

MicroRNAs als prognostische Marker bei Pneumonie

Jatros Digital, 02.10.2019

Bericht:
Reno Barth
Quelle:
„Mechanisms underlying respiratory infection“, Poster Discussion Session im Rahmen des ERS 2019, European Respiratory Society (ERS) International Congress, 2. Oktober 2019, Madrid

Pneumologie

Bei Patienten, die mit Pneumonie hospitalisiert werden, ist eine möglichst frühe Risikoabschätzung wünschenswert, um einerseits ein ungünstiges Outcome, andererseits aber auch Übertherapie zu vermeiden. Eine aktuelle Studie aus Spanien1 legt nahe, dass microRNAs dabei hilfreich sein könnten.

Für die am Consorci Hospital Universitari de València durchgeführte Studie wurden klinische Daten und Blutproben von 169 Patienten mit ambulant erworbener Pneumonie analysiert. Die Patienten waren im Durchschnitt 67 Jahre alt (von 58 bis 79) und zu einem hohen Prozentsatz multimorbid. Bei 29% bestand eine Diabetes-Diagnose, 28% litten unter COPD und 14% unter kardialen Arrhythmien. Die Mortalität im Krankenhaus war mit 3,6% relativ hoch.

Von den 169 Patienten entwickelten 109 (64,5%) Komplikationen, nämlich 25,4% respiratorisches Versagen und 13,6% eine schwere Sepsis. Jede dieser Komplikationen war mit dem Auftreten einer bestimmten microRNA im Blut assoziiert. MicroRNAs sind kurze, nicht codierende RNAs, die Genexpression hochspezifisch auf der posttranskriptionalen Ebene beeinflussen. Sie spielen eine wichtige Rolle beim Gen-Silencing. MicroRNA 223 erwies sich als guter Prädiktor einer Sepsis mit einer Genauigkeit von 78%, microRNA 574 war ein ebenso guter Prädiktor von respiratorischem Versagen und zu 77% akkurat. MicroRNA 182 war schließlich sowohl mit Sepsis als auch mit respiratorischem Versagen assoziiert und dabei zu 83% bzw. 76% zuverlässig.

Die Identifikation der microRNAs erfolgte mittels PCR („real-time polymerase chain reaction“) aus Blutproben, die unmittelbar bei Einlieferung in das Krankenhaus abgenommen wurden. Damit steht potenziell rasch ein Ergebnis zur Verfügung, das das weitere Vorgehen beeinflussen und beispielsweise zu intensiverer Überwachung oder aggressiverem therapeutischem Vorgehen führen kann.

„Unsere Studie hat unser Verständnis von jenen Prozessen vertieft, mit denen der Organismus auf eine Pneumonie reagiert. Wir denken, dass unsere Resultate konkrete klinische Implikationen haben können. Diese neuen Biomarker können sofort bei der Aufnahme der Patienten in das Krankenhaus erhoben werden und es wird dadurch möglich, Komplikationen zu antizipieren und frühzeitig die entsprechenden Maßnahmen zu setzen. Der Nachweis von microRNAs stellt in den meisten modernen Krankenhäusern kein Problem dar. Der Test ist schnell, liefert innerhalb von ein bis drei Stunden ein Ergebnis und ist kostengünstig“, kommentierte Studienautor Dr. Francisco Sanz die Ergebnisse. Die Autoren betonen, dass der Test nicht nur im Krankenhaus-Setting, sondern auch im ambulanten Bereich durchgeführt werden kann. Sie gehen angesichts ihres Patienten-Samples davon aus, dass der Test bei Erwachsenen aller Altersgruppen einsetzbar ist. Lediglich auf Kinder könne man die Resultate nicht extrapolieren.

In diesem Sinne kommentierte auch ERS-Präsident Prof. Dr. Tobias Welte die Arbeit. Er unterstreicht, dass Personen aller Altersgruppen an Pneumonie erkranken können, dass es aber vor allem Kinder und ältere Menschen sind, bei denen Komplikationen auftreten. Der nun beschriebene innovative Ansatz könne eine Risikoabschätzung über das rein klinische Assessment hinaus ermöglichen. Damit hat der Test auch das Potenzial einer Kostenersparnis. Allerdings betont Welte, dass die Bestimmung der microRNA zunächst an den in den Leitlinien vorgegebenen Algorithmen gemessen werden müsse, ehe sie breite klinische Anwendung finden könne.

Literatur: