Fachthema

Epilepsie und Intelligenzminderung

Renaissance der Syndrome?

Jatros, 12.09.2019

Bericht:
Dr. Gabriele Senti
Quelle:
Jahrestagung der Deutschen und Österreichischen Gesellschaften für Epileptologie und der Schweizerischen Epilepsie-Liga, 7. bis 9. Mai 2019, Basel

Neurologie

Epilepsie bei Menschen mit geistiger Behinderung wird teilweise noch immer als Randthema behandelt. Fortschritte in der genetischen Diagnostik und das Interesse an der personalisierten Medizin rücken bestimmte Epilepsiesyndrome wieder in den Fokus.

Die Studienlage zu Antiepileptika bei Patienten mit geistiger Behinderung ist nicht umfangreich und liefert keinen Ansatzpunkt für die personalisierte Medizin. In der Literatur findet sich lediglich ein Cochrane Review mit 14 randomisiert kontrollierten Studien (total 1116 Patienten).1 Dieser kommt zu der Schlussfolgerung: Antiepileptika wirken auch bei Menschen mit geistiger Behinderung, und zwar mit einem vergleichbaren Spektrum an unerwünschten Wirkungen wie bei Patienten mit normaler Intelligenz, bietet aber keine weiteren Ansatzpunkte hinsichtlich personalisierter Medizin.

Epilepsiesyndrome – der Weg zur personalisierten Medizin?

Im Gegensatz dazu findet die Diagnose der Epilepsiesyndrome Tuberöse-Sklerose-Komplex, Dravet-Syndrom und Lennox- Gastaut-Syndrom zunehmend wieder Beachtung, wie Dr. Christian Brandt, Leitender Arzt der Abteilung für Allgemeine Epileptologie am Epilepsiezentrum Bethel in Bielefeld, berichtete.

Tuberöse-Sklerose-Komplex
Die multizentrische randomisiert kontrollierte Zulassungsstudie zeigte zwischen den Verumarmen in unterschiedlichen Dosierungen und dem Placeboarm signifikante Unterschiede hinsichtlich der Wirksamkeit von Everolimus.2 Erste Daten der offenen Follow-up-Studie zeigen, dass der Effekt über zwei Jahre bestehen bleibt.3 Dravet-Syndrom Heterozygote SCN1A-„Loss of function“- Mutationen sind die häufigste Ursache des Dravet-Syndroms. Zur Behandlung ist Stiripentol zugelassen.4 Studien zu Fenfluramin laufen aktuell noch und sind vielversprechend.5 Weitere Antiepileptika sind ebenfalls wirksam, Na+-Kanal-Blocker sollten jedoch vermieden werden. Cannabidiol konnte in einer Studie mit 120 Kindern und jungen Erwachsenen die Anfallsfrequenz signifikant reduzieren.6

Lennox-Gastaut-Syndrom
Rufinamid zeigte in einer 12-wöchigen doppelblinden randomisierten Parallelgruppenstudie im Vergleich zu Placebo besonders bei Sturzanfällen eine signifikante Reduktion.7 Auch für Cannabidiol konnte eine signifikante Wirksamkeit nachgewiesen werden.6

Genetische Diagnostik

Genetische Grundlagen bei Epilepsien sind relativ häufig (50–70 % aller Epilepsien), berichtete Dr. Sarah von Spiczak, DRK-Norddeutsches Epilepsiezentrum für Kinder und Jugendliche, Schwentinental. Sie präsentierte in ihrem Vortrag verschiedene Methoden zur Detektion von Mutationen und zeigte die Vorgehensweise in der Praxis auf.
Bevor eine Genanalyse beauftragt werden kann, müssen verschiedene Fragen geklärt werden. Unter anderem: Welches Ziel verfolgen der Arzt, der Patient oder dessen Angehörige mit der Diagnostik? Ist eine humangenetische Beratung im Vorfeld notwendig? Welche Methode kommt zum Einsatz? Wie wird diese finanziert? Hinzu kommen bei Menschen mit geistiger Behinderung spezielle Fragen: Hat der Patient eine Meinung zu der geplanten Diagnostik? Welchen Nutzen hat der Patient? Wer muss der Diagnostik zustimmen?
Für eine genetische Analyse stehen verschiedene Methoden zur Verfügung: Chromosomenanalyse, Array-CGH/SNP-Array, Sanger-Sequenzierung, Multiplex Ligationdependent Probe Amplification, Next-Generation Sequencing (Gen-Panel, Exom, Genom). Die erfolgreiche diagnostische Aufklärung ist dabei abhängig von der untersuchten Kohorte, der gewählten Methode und dem Analysezeitpunkt. Wichtig ist bei Gen-Panel-Analysen die Auswahl des geeigneten Panels. Exomanalyse und hochauflösende Array-CGH können einen zusätzlichen Nutzen bringen.
Ebenso kann die Reanalyse von genetischen Daten neue Erkenntnisse bringen. Dies wurde in verschiedenen Studien zu unterschiedlichen Erkrankungen untersucht.8–11 Die Häufigkeit der Diagnoseklärung durch Reanalyse lag dabei zwischen 10,5 und 15,4 %. Hauptgründe für eine nachträgliche erfolgreiche Klärung waren neue Literatur, Datenbank-Updates, Weiterentwicklung der Analysetools, Rephänotypisierung oder Interpretationsfehler. Eine Durchführung alle 12–24 Monate ist daher sinnvoll und realistisch.

Weitere Informationen:
www.dgfe.org (Empfehlungen der Arbeitsgemeinschaft Genetik der DGfE)
www.epilepsygenetics.net (Blog der ILAE-Genetikkommission)

Literatur: