Fachthema

PneumoUpdate 2019

Einfache funktionelle Belastungstests in der Pneumologie

Jatros, 15.07.2019

Autor:
Dr. Rainer Glöckl
Forschungsinstitut für pneumologische Rehabilitation
Schön Klinik Berchtesgadener Land, Schönau am Königssee
E-Mail: rgloeckl@schoen-klinik.de

Pneumologie

Atemnot unter Belastung ist ein häufiger Grund für eine Arztkonsultation. Belastungsuntersuchungen sind dabei eine sinnvolle Maßnahme zur Beurteilung der körperlichen Leistungsfähigkeit des Patienten. Funktionelle Belastungstests erfassen gleich mehrere Organsysteme wie Lunge, Herz-Kreislauf und periphere Muskulatur. Zudem lassen sich Koordinationsfähigkeit und Motivation des Patienten mit ihrer Hilfe beurteilen.

Keypoints

  • Der 6-Minuten Gehtest oder „Sit to stand“-Tests sind einfach durchführbar
  • Sie liefern wertvolle Informationen für die Therapie- und Verlaufskontrolle.
  • Der 6-Minuten-Gehtest muss streng standardisiert erfolgen.

Der 6-Minuten-Gehtest

Durchführung
Die valide Interpretation des 6-Minuten- Gehtests, besonders zur Verlaufsbeobachtung, erfordert eine streng standardisierte Untersuchungstechnik. Diese ist in einem ATS/ERS-Statement aus dem Jahr 2014 definiert.1 In einem mindestens 30 Meter langen Korridor geht der Patient nach einer ausführlichen standardisierten Einweisung auf einer Pendelstrecke um zwei Wendemarken hin und her. Der Patient bestimmt die Gehgeschwindigkeit und damit die Belastungsintensität selbst. Zu Beginn sollten zumindest die Sauerstoffsättigung, die Pulsfrequenz und die Dyspnoe anhand der 10-Punkte-Borg-Skala erhoben werden. Weitere Rahmenbedingungen (z. B. Gehen mit oder ohne Rollator, Sauerstoffflussrate etc.) sollten ebenfalls dokumentiert werden und zumindest bei einem Re-Test unverändert bleiben. Die verbalen Instruktionen vor und während des Tests sind standardisiert festgelegt (Tab. 1) und sollten immer gleich angewandt werden.1–3
Der Untersucher begleitet den Patienten im Abstand von etwa 1 Meter und notiert dabei die während des Tests aufgetretene geringste Sauerstoffsättigung (mittels Pulsoxymeter) sowie die höchste Pulsfrequenz.4 Nach Ablauf der 6 Minuten wird die zurückgelegte Wegstrecke mithilfe der Bodenmarkierungen (die alle 3 bis 5 Meter angebracht sein sollte) dokumentiert und die empfundene Dyspnoe mittels der Borg- Skala erfragt. Offizielle Kriterien für den Abbruch seitens des Untersuchers sind: Brustschmerzen, intolerable Atemnot, Beinkrämpfe, schwankender Gang, Kaltschweißigkeit oder plötzliches Erblassen.1 Ein Abfall der Sauerstoffsättigung während des Gehtests auf unter 80 % wird zwar als Abbruchgrund diskutiert, jedoch konnte bei COPDPatienten bislang noch kein negativer Zusammenhang mit dem Auftreten unerwünschter Ereignisse („adverse events“) gezeigt werden.1, 5

Interpretation
Normwerte dienen der Vergleichbarkeit der erbrachten Gehleistung mit den Sollwerten gesunder Probanden. Für den deutschsprachigen Raum hat sich beim 6-Minuten-Gehtest die Sollwertberechnung nach Troosters bewährt.6
Sollwert für die 6-Minuten-Gehstrecke (in Metern):

  • Frauen: 218 + (5,14 x Größe [cm]) – (5,32 x Alter [J]) – (1,80 x Gewicht [kg])
  • Männer: 218 + (5,14 x Größe [cm]) –(5,32 x Alter [J]) – (1,80 x Gewicht [kg]) +51,31

Eine absolute 6-Minuten-Gehteststrecke unterhalb des Bereiches von 300 bis 350 Meter ist bei COPD mit einem signifikant erhöhten Mortalitätsrisiko assoziiert.7–9 Darüber hinaus wurde bei COPD-Patienten eine jährliche Abnahme der Gehteststrecke von mehr als 30 Meter als relevanter Cutoff- Wert identifiziert, welcher mit einem deutlich erhöhten Mortalitätsrisiko einhergeht.10 Wird der 6-Minuten-Gehtest (beispielsweise nach einer Intervention) erneut durchgeführt, so gilt eine Verbesserung im Bereich von 25 bis 33 Meter und mehr als klinisch relevant.1

„Sit to stand“-Tests (STST)

Durchführung
Zur Umsetzung werden lediglich ein normaler Stuhl (Sitzhöhe 46 bis 48 cm) sowie eine Stoppuhr benötigt. Der Proband wird gebeten, vom Stuhl aufzustehen und sich wieder hinzusetzen (je nach Testform mit unterschiedlicher Zielsetzung wie unten beschrieben). Der Test beginnt und endet dabei jeweils in sitzender Position. Die Arme sind vor der Brust verschränkt.

Interpretation
Für STSTs gibt es unterschiedliche Ausführungen. Vor allem zwei Formen haben sich etabliert: der 5-Wiederholungen-STST und der 1-Minuten-STST. Bei der ersten Variante geht es darum, nach den oben genannten Kriterien fünfmal hintereinander so schnell wie möglich aufzustehen und sich wieder hinzusetzen. Als Ergebnis wird die Zeit gestoppt, die hierfür benötigt wird. Werden hierfür mehr als 11 Sekunden benötigt, so ist beispielsweise das Sturzrisiko signifikant erhöht.12
Beim 1-Minuten STST hat der Proband 1 Minute Zeit, um bei einem selbst gewählten Tempo so oft wie möglich aufzustehen und sich wieder hinzusetzen.13 Das Ergebnis dieses Tests ist die Anzahl der in 1 Minute komplett durchgeführten Wiederholungen, sie stellt bei Patienten mit COPD einen starken Prädiktor für die Mortalität dar.14 Weniger als 11 Wiederholungen haben sich als Schwellenwerte für eine geringe 2-Jahres-Überlebenswahrscheinlichkeit herausgestellt und mehr als 20 geschaffte Wiederholungen als positiver Schwellenwert.14
STSTs bieten viele Vorteile: Sie ermöglichen eine wertvolle und gute Einschätzung der körperlichen Belastbarkeit sowie der Prognose von Patienten mit chronischen Lungenerkrankungen. Des Weiteren sind STSTs schnell, einfach und ohne besondere materielle oder räumliche Voraussetzungen (z. B. gerade auch in Praxen) gut durchführbar.

Fazit

Einfache funktionelle Belastungstests wie der 6-Minuten-Gehtest oder „Sit to stand“-Tests können bei einer Vielzahl von Patienten mit chronischen Lungenerkrankungen eingesetzt werden. Sie dienen zur Erhebung der körperlichen Belastbarkeit, zur Verlaufskontrolle oder auch zur Evaluation einer Intervention (z.B. neue Medikation, Rehabilitation etc.). Neben den zumeist sehr geringen apparativen Voraussetzungen sowie dem geringen Zeitbedarf sind diese Tests in verschiedenen Settings einfach umsetzbar und liefern wichtige Informationen zur Belastbarkeit der Patienten.


Literatur: