Thema

Österreichs Diabetes-Selbsthilfegruppen trafen einander in Schladming

Dachverband: „wir sind diabetes“

Jatros, 11.07.2019

Bericht:
Dr. Albert Brugger
Quelle:
Gruppenleitertagung der Österreichischen Diabetes- Selbsthilfeorganisationen, 10.–12. Mai 2019, Schladming

Diabetologie & Endokrinologie

Vom 10. bis 12. Mai haben sich Vertreter der Aktiven Diabetiker Austria (ADA), der Österreichischen Diabetikervereinigung (ÖDV) und des Vereins DIABÄR zu einer gemeinsamen Fortbildungsveranstaltung für Gruppenleiter getroffen. Im Herbst 2019 werden sich die Österreichischen Diabetes-Selbsthilfeorganisationen zum Dachverband „wir sind diabetes“ zusammenschließen.

Z ur heurigen Gruppenleitertagung vom 10. bis 12. Mai in Schladming trafen sich erstmals über 70 Gruppenleiter aller drei Selbsthilfeorganisationen: Aktive Diabetiker Austria (ADA), Österreichische Diabetikervereinigung (ÖDV) und der Verein DIABÄR. Neben umfangreicher Fortbildung zu medizinischen Themen konnten sich die Teilnehmer auch zu praxisrelevanten Aspekten der Gruppenleitertätigkeit austauschen und Lösungen für die täglichen Herausforderungen von Menschen mit Diabetes diskutieren.
Für die medizinische Fortbildung zeichnete Prim. Dr. Christian Schelkshorn, Leiter der 1. Medizinischen Abteilung im Landesklinikum Korneuburg-Stockerau und Mitglied des Vorstands der Österreichischen Diabetes Gesellschaft, verantwortlich. Finanzielle Unterstützung dafür kam von Unternehmen: Abbott, Boehringer Ingelheim, A. Menarini Diagnostics, MSD, Novo Nordisk, Roche und Sanofi.

Begleitung und Motivation

Zum Auftakt der Tagung gab Matthias Steiner, Olympiasieger im Gewichtheben, Ernährungsfachmann und selbst seit Jahren Typ-1-Diabetiker, Einblicke in versteckte Zuckerfallen in Lebensmitteln und einfache Tipps für eine bewusstere Ernährung. Dabei gelten für Menschen mit Diabetes kaum andere Regeln als für Menschen ohne Diabetes, sagt Steiner. Er sieht Diabetes sogar als Chance, da Menschen mit Diabetes dadurch unmittelbarer erleben, wie sich Ernährungsfehler auf den Körper und das Wohlbefinden auswirken.
Den medizinischen Part teilte sich Prim. Schelkshorn mit Univ.-Prof. Dr. Julia Mader und Univ.-Doz. Dr. Gerd Köhler von der Klinischen Abteilung für Endokrinologie und Diabetologie der Medizinischen Universität Graz. In den Vorträgen ging es darum, mit welchen besonderen Herausforderungen Jugendliche und ältere Menschen mit Diabetes konfrontiert sind und welche Möglichkeiten der Motivation es aus ärztlicher Sicht gibt. Köhler gab einen Überblick über die aktuell und in nächster Zeit verfügbaren technischen Geräte – Blutzuckermessgeräte, Sensoren für die kontinuierliche Glukosemessung und Insulinpumpen –, die der Diabetesbehandlung in den letzten Jahren neue Möglichkeiten eröffnet haben. Schelkshorn wies darauf hin, dass der technische Fortschritt, aber auch die Neuerungen bei den Medikamenten enorm dazu beigetragen haben, dass sich die Therapie heute über weite Strecken dem Menschen anpasst und nicht, wie früher üblich, der Mensch der Therapie. Er plädierte für einen Schulterschluss von Patienten und Ärzten, wenn es darum geht, die Versicherungsträger von der Notwendigkeit der Erstattung moderner Behandlungsmöglichkeiten zu überzeugen.

Was muss ich für die Füße tun?

ADA-Präsident Dr. Adalbert Strasser, Facharzt für Chirurgie mit großer Erfahrung in der Behandlung des diabetischen Fußsyndroms, referierte über die Grundregeln der Fußvorsorge bei Diabetes. Die Kennzeichen eines diabetischen Fußes sind oft sehr variabel: u. a. Taubheitsgefühl, Kribbeln, herabgesetztes Schmerzempfinden, rosig warme, trockene oder rissige Haut und verzögerte Wundheilung als Ausdruck der Nervenschädigung, im Gegensatz zu kalten Füßen, blass-bläulicher, dünner oder pergamentartiger Haut, Krämpfen und Schmerzen bei längerem Gehen bei Durchblutungsstörungen. Damit Komplikationen frühzeitig erkannt werden, müssen die Füße täglich auf Druckstellen, Schwellungen, Rötungen, Risse und Verformungen untersucht werden. Eine ärztliche Kontrolle soll zumindest einmal jährlich erfolgen und es soll behandelt werden, wenn Veränderungen an den Füßen wahrgenommen werden, da aus kleinen Verletzungen schnell große, mitunter schwer behandelbare Wunden entstehen können. Am 1. Juli 2019 eröffnete Strasser das Wundzentrum Wien Donaustadt, eine auf die Behandlung chronischer Wundheilungsstörungen spezialisierte Ordination mit dem Behandlungsschwerpunkt diabetisches Fußsyndrom.

Stress, Psyche und Stoffwechsel, alles hängt zusammen

Dr. Christian Tatschl, Mediziner und Kommunikationsexperte aus Wien, erklärte, wie sich Stress, Angst und Frustration auf Körper und Psyche auswirken. Adipositas, Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Depressionen und Angststörungen sind über das komplexe Zusammenspiel der Hormone Dopamin, Serotonin, Adrenalin/Noradrenalin und Cortisol im „psycho-metabolischen Syndrom“ verbunden. Um dem zu entkommen, sollten Menschen mit und ohne Diabetes gezielt darauf achten, positiven Empfindungen im Alltag Raum zu geben. Konkrete Vorschläge: mehr selber kochen und in netter Gesellschaft essen, einen Bezug zu den verwendeten Zutaten entwickeln und weniger Gesundes in Maßen, aber ohne Reue genießen. Bewegung machen, die einem liegt und Spaß macht, für Abwechslung sorgen und viel Zeit bei Tageslicht, möglichst im Grünen verbringen.

„wir sind diabetes“ – Dachverband der Diabetes-Selbsthilfegruppen

Im Rahmen der Tagung wurde der neue „Dachverband der Diabetes Selbsthilfe Österreich – wir sind diabetes“ erstmals öffentlich vorgestellt. Derzeit werden die Vereinsstatuten finalisiert, die offizielle Gründung erfolgt im Herbst 2019. Präsentiert wurde auch das Logo des Dachverbandes: eine Menschenkette in leuchtendem Gelb, in Form einer Sonne. Es symbolisiert einerseits die Vielfalt der Menschen, die mit Diabetes leben, andererseits Zusammenhalt, Kraft und Zuversicht, die Herausforderungen gemeinsam zu meistern. Dieses Logo von „wir sind diabetes“ verweist auf die Gründungsidee des Dachverbandes, die Kräfte aller, die sich zum Wohl der rund 600 000 Menschen mit Diabetes in Österreich engagieren, zu bündeln.
Der Zusammenschluss der Vereine ADA, ÖDV und DIABÄR gründet auf der Überzeugung, dass die Diabetes-Selbsthilfe in Österreich eine gemeinsame starke Stimme benötigt, damit die Anliegen der Betroffenen gehört und ernst genommen werden. Der Dachverband ersetzt nicht die einzelnen Selbsthilfeorganisationen und wird auch nicht deren Aufgaben übernehmen. Ziel ist es vielmehr, im Dialog mit der Politik den verschiedenen Playern im Gesundheitssystem geeint aufzutreten, Synergien zu nutzen und stärkere Akzente in der Öffentlichkeit setzen zu können.

Aufgaben der Selbsthilfegruppen

In den Diabetes-Selbsthilfegruppen können sich Menschen mit Diabetes und deren Angehörige mit anderen Betroffenen vernetzen, orientieren, informieren und sich gegenseitig unterstützen. Der Austausch in der Gruppe fördert die Motivation zur Lebensstiländerung und Therapiedurchführung und leistet dadurch auch einen wesentlichen Beitrag zur Vermeidung von Folgeerkrankungen. Weitere Aufgaben sind die Öffentlichkeitsarbeit und Interessenvertretung kollektiver Patientenrechte gegenüber Gesundheitswesen und Politik. Die Arbeit in den Gruppen wird überwiegend ehrenamtlich geleistet. Durch die dezentrale Struktur der Selbsthilfeorganisationen haben die Gruppenleiter vor Ort anspruchsvolle und verantwortungsvolle Funktionen als Ansprechpartner und Informationsvermittler für ihre Gruppenmitglieder.

ADA – Aktive Diabetiker Austria

Die Aktiven Diabetiker Austria (ADA) wurden 1997 gegründet und haben österreichweit mehrere Tausend Mitglieder. Leitbild des Vereins: Menschen mit Diabetes sind nicht Patienten (Leidende), sondern Menschen mit vielseitigen Bedürfnissen, die Diabetes mit ihrem Leben positiv in Einklang bringen wollen. Aktivitäten sind Information und Erfahrungsaustausch in den Selbsthilfegruppen sowie die Organisation von Veranstaltungen. ADA-Mitglieder erhalten viermal pro Jahr das Magazin „ADAJournal“ mit aktuellen Terminen und Einladungen, Berichte über Vereinsaktivitäten sowie Zusammenfassungen von Referaten und News.

DIABÄR – Verein für Diabetiker der Universitätskinderklink Graz

Der Verein wurde 1995 von Betroffenen gegründet. Vereinsziele sind die Verbesserung der Betreuung von Kindern und Jugendlichen mit Diabetes in pädagogischen Einrichtungen sowie die Vertretung von deren Interessen gegenüber Dritten. Der Verein versucht diese Ziele durch Fachvorträge, Gesprächsrunden, Schulungen und sportliche Aktivitäten zu erreichen. Im Vordergrund stehen die jährlichen Schulungs-, Sport- und Abenteuercamps für Kinder und Jugendliche, in denen der Umgang mit Diabetes im Alltag spielerisch geübt wird. Die medizinische Qualität wird in Zusammenarbeit mit den Fachabteilungen der Universitätsklinik für Kinder und Jugendheilkunde sowie für Innere Medizin Graz gewährleistet. Beim Informationsund Erfahrungsaustausch zwischen Betroffenen, Eltern und Angehörigen in Familienwochenenden können bereits die Kleinsten ein „Mini-Camp“ erleben. Die Vereinszeitung „Diabetes News“ informiert halbjährlich über die Aktivitäten und Angebote von DIABÄR, über Forschungsprojekte sowie neue Therapieangebote.

Österreichische Diabetikervereinigung (ÖDV)

Die Österreichische Diabetikervereinigung wurde 1977 gegründet und ist mit aktuell 50 Gruppen, 8 Beratungsstellen und mehr als 90 ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die größte und älteste Diabetes-Selbsthilfeorganisation Österreichs. Schwerpunkte sind die Interessenvertretung und die Schulung von Menschen mit Diabetes und Angehörigen, Erfahrungsaustausch in den Gruppen und Gesprächsrunden sowie Informationsveranstaltungen, darunter der Österreichische Diabetestag, Familienschulungswochenenden, Schulungs- und Erholungscamp für Kinder von 8 bis 12 Jahren, Diabetes- Up-Date für Jugendliche von 13 bis 18 Jahren, mobile Diabetes-Beratung in Kindergärten/Schulen (Wien), Diabetes- Nannys (Salzburg, Tirol). Außerdem gibt die ÖDV viermal jährlich das Diabetes- Magazin „Mein Leben“ heraus.