Thema

Antikörper halten Einzug in die Arthrosetherapie

Jatros, 13.05.2019

Bericht:
Susanne Kammerer
Quelle:
ACR/ARHP Annual Meeting, 19.–24. Oktober 2018, Chicago

Orthopädie & Traumatologie | Rheumatologie

Nachdem sich lange Zeit kaum etwas in der medikamentösen Therapie der Osteoarthrose (OA) getan hat, werden derzeit mehrere Erfolg versprechende Ansätze in klinischen Studien geprüft, die eventuell eine Krankheitsmodifikation bewirken können. Bewegung ist weiterhin zu empfehlen.

TPX-100: Regeneration des Knorpels, bessere Funktion

In klinischen Studien, in denen „Disease Modifying Osteo-Arthritis Drugs“ (DMOAD) untersucht werden, zeigt sich häufig folgendes Dilemma: Es besteht eine auffällige Diskrepanz zwischen struktureller Veränderung und dem Nutzen für den Patienten. Trotz Zunahme der Knorpelmatrix kann häufig keine klinische Verbesserung dargestellt werden. Daher ist TPX- 100, ein aus 23 Aminosäuren bestehendes Peptid aus Phosphoglykoproteinen der extrazellulären Matrix, nach Ausführung von Dr. Dawn McGuire, Medizinische Leiterin von Ortho Trophix Inc. in Oakland (USA), ein echter Hoffnungsträger. Denn diese Substanz führt nicht nur zu einem Knorpelzuwachs, sondern auch zu einer funktionellen Verbesserung.1
Experimentell induzierte TPX-100 in Tiermodellen nach einer Knorpelverletzung eine Regeneration des Knorpels. Darüber hinaus führte die Therapie mit TPX-100 in einer früher vorgestellten Phase-II-Studie im Placebovergleich bei Patienten mit Arthrose zu statistisch signifikanten und klinisch relevanten Verbesserungen der Kniefunktion nach 6 und 12 Monaten.2 Als Responder galten in dieser Studie Teilnehmer, bei denen sich der „Knee-Osteoarthritis-Outcome- Score des täglichen Lebens“ (KOOS ADL) um ≥ 8 Punkte gegenüber dem Ausgangswert verbesserte. Nun wurde eine Responderanalyse dieser Daten vorgestellt. Da fast 75 % der Probanden in der Studie neben einer patellofemoralen OA auch eine bilaterale tibiofemorale OA aufwiesen, wurden in der aktuellen Analyse Änderungen der Dicke bzw. des Volumens des tibiofemoralen Knorpels zwischen Respondern und Nichtrespondern verglichen und mit einer Verbesserung der Kniefunktion in Bezug gesetzt.
Insgesamt gingen Daten von 118 Patienten mit einer MRT-bestätigten bilateralen patellofemoralen OA in die Analyse ein. Ein Knie wurde viermal wöchentlich mit TPX-100-Injektionen behandelt, während das kontralaterale Knie Placeboinjektionen erhielt. Die KOOS-ADL- und WOMAC- Werte wurden für jedes Knie erhoben. Basis-, 6-Monats- und 12-Monats- MRTs wurden zentral und verblindet ausgewertet. 66 % der mit TPX-100 behandelten Kniegelenke erfüllten die genannten Responderkriterien: Hier kam es signifikant häufiger als bei Therapie mit Placebo zu einer funktionellen Verbesserung nach 6 oder 12 Monaten (p ≤ 0,02). Die Kniegelenke, die eine funktionelle Verbesserung zeigten, wiesen im Vergleich zu Studienbeginn auch einen signifikanten Anstieg der Dicke des Tibiofemoralknorpels auf (Anstieg nach 6 bzw. 12 Monaten um 0,099 mm; p ≤ 0,003). Deutliche Verbesserungen der Gelenkfunktion korrelierten in dieser Analyse also auch mit Verbesserungen der Knorpelstruktur. Diese ermutigenden Ergebnisse sollten jetzt durch Studien an einer größeren Patientenzahl bestätigt werden.

Weniger Schmerz durch Blockade eines Nervenwachstumsfaktors

Die Injektionsbehandlung mit Tanezumab, einem Antikörper, der sich gegen einen Nervenwachstumsfaktor richtet, lindert im Vergleich zu Placebo die Schmerzen von Patienten mit Hüft- oder Kniegelenksarthrose signifikant und verhilft ihnen zudem zu einer besseren Gelenkfunktion: Dies war das wichtigste Ergebnis einer randomisierten, doppelblinden, placebokontrollierten Multicenterstudie, die im Rahmen der begehrten Late-Breaking- Session von Prof. Thomas Schnitzer von der Northwestern University, Feinberg School of Medicine, in Streeterville bei Chicago (USA) vorgestellt wurde.3 In die Studie wurden Arthrosepatienten eingeschlossen, die nicht auf übliche Schmerzbehandlungen ansprachen oder diese nicht vertrugen. Alle Patienten wiesen Scores von ≥ 5 in der WOMAC-Schmerz- und Funktionsskala auf, einer numerischen Bewertungsskala mit insgesamt 11 Punkten (hohe Scorewerte entsprechen starken Schmerzen bzw. einer stark eingeschränkten Funktion). Zudem gaben die Patienten in einer globalen Beurteilung an, ihre Arthrose sei „mäßig“, „schlecht“ oder „sehr schlecht“ kontrolliert. Bei allen Patienten konnten die Schmerzen durch übliche Medikamente nur unzureichend kontrolliert werden oder sie vertrugen die Standardbehandlung nicht.
Die Studienteilnehmer wurden randomisiert und erhielten 16 Wochen lang Placebo (n = 232) oder Tanezumab in zwei Dosisregimes. Eine Tanezumab-Gruppe wurde 16 Wochen lang mit 2,5 mg behandelt (n = 231), die andere Gruppe erhielt 8 Wochen lang 2,5 mg, gefolgt von 5mg für den Rest der Studie (n = 233). Die Wirksamkeit der Injektionen wurde anhand der mittleren Veränderung des WOMACs, der WOMAC-Subskala „physische Funktion“ sowie der Gesamteinschätzung der Krankheitsaktivität aus Sicht des Patienten beurteilt.
In Woche 16 erreichten beide Tanezumab- Gruppen die koprimären Studienendpunkte (Abb. 1). Die Schmerzen nahmen in der numerischen Skala um 2,6 in der Placebogruppe, um 3,2 in der Tanezumab- 2,5- mg-Gruppe (p = 0,0129) und um 3,4 in der Gruppe mit 2,5 mg/5 mg Tanezumab (p = 0,0023) ab. „Die Erhöhung der Dosis auf 5 mg in Woche 8 hatte einen diskreten Zusatznutzen im Vergleich zur Fortführung von 2,5 mg Tanezumab“, so Prof. Schnitzer.

Positive Auswirkung auch auf die Gelenkfunktion

Durch die Behandlung mit dem Wachstumsfaktor verringerten sich auch die WOMAC-Werte in der Subskala „physische Funktion“ im Vergleich zum Ausgangswert um 2,6 in der Placebogruppe im Vergleich zu 3,2 bzw. 3,5 in den beiden Tanezumab- Gruppen (p = 0,0065 und p = 0,0002 für Tanezumab 2,5 mg bzw. 2,5 mg/5 mg gegenüber Placebo).
Uneingeschränkt positiv fiel auch die Gesamtbeurteilung der Arthrose durch die Patienten selbst aus: Ihrer Ansicht nach hatte sich die Erkrankung in beiden Tanezumab- Gruppen im Vergleich zu Placebo signifikant verbessert. Der Antikörper erwies sich als relativ gut verträglich: Die häufigsten Nebenwirkungen bestanden in Nasopharyngitis, Schmerzen an den Extremitäten und Parästhesien. Bei der Inzidenz schwerwiegender unerwünschter Ereignisse oder bei Studienabbrüchen aufgrund unerwünschter Ereignisse gab es keinen signifikanten Unterschied zwischen Placebo und den beiden Tanezumab-Armen.
„Unsere Studie zeigt, dass subkutanes Tanezumab eine wirksame Behandlungsoption für Arthrosepatienten sein könnte, die auf Standardtherapien für OA nicht ausreichend ansprechen oder diese nicht vertragen“, schloss Schnitzer.

Arthrosepatienten zum Gehen motivieren

Manchmal helfen ganz einfache Maßnahmen dabei, einen Kniegelenksersatz (Knie-TEP) zumindest hinauszuschieben: Einer Studie zufolge profitieren OA-Patienten auch dann von einem Gehtraining, wenn es schmerzhaft ist.4 Frühere Studien zu der Frage, ob ein Gehtraining mit hoher Belastung eher nutzt oder schadet, zeigten widersprüchliche Ergebnisse. Ein Grund für inkonsistente Befunde könnte darin bestehen, dass ein Gehtraining bei unterschiedlichen Intensitäten erfolgen kann, was in einer Studie berücksichtigt werden muss. Daher haben Forscher der Universität Delaware jetzt eine Studie durchgeführt, in der untersucht wurde, welchen Einfluss die Intensität eines Gehtrainings auf das Risiko hat, in den nächsten Jahren eine Knie-TEP zu erhalten.
Die Studie wertete Daten von Arthrosepatienten der Osteoarthritis-Initiative aus, die noch keine Knie-TEP hatten. Sie wurden über 5 Jahre beobachtet, wobei die Gehzeit in verschiedenen Intensitäten mit einem Schrittzähler aufgezeichnet wurde. Die Forscher definierten weniger als 1 Schritt pro Minute als inaktiv, 1–49 Schritte/ Minute als Gehen in sehr geringer Intensität, 50–100 Schritte/Minute als Gehen in geringer Intensität und mehr als 100 Schritte/Minute als Gehen mit mittlerer oder hoher Intensität. Darüber hinaus untersuchten die Forscher, welche Auswirkungen es hat, wenn die inaktive Zeit durch Gehen mit sehr geringer, geringer oder mittlerer und hoher Intensität über 5 Jahre ersetzt wird.
In dem fünfjährigen Beobachtungszeitraum erhielten 108 von 1854 Teilnehmern eine Knie-TEP. Diejenigen Teilnehmer, die 5 Minuten pro Tag ohne Gehen durch 5 Minuten pro Tag mit Gehen in mittlerer bis hoher Intensität ersetzt hatten, reduzierten das Risiko für die OP um 16 %. Das Gehen in sehr geringer oder geringer Intensität hatte dagegen keinen Einfluss auf das Risiko für die Implantation einer Knie-TEP. Ähnlich positiv wirkte sich das Gehen bei Patienten mit radiologischer oder symptomatischer Knie-OA aus. „Unsere Ergebnisse weisen darauf hin, dass bereits geringfügige Änderungen des Gehverhaltens den Bedarf einer Knie-TEP bei Arthrosepatienten oder solchen, die ein hohes Risiko für die Erkrankung haben, verzögern können. Jeder Arzt sollte solche Patienten ermutigen, täglich 5 bis 10 Minuten zügig zu gehen“, so der Schluss von Dr. Hiral Master.

Literatur: