Fachthema

ASCO GU 2019

Highlights des Kongresses «live» nach Bern übertragen

Leading Opinions, 11.04.2019

Autor:
Prof. Dr. med. Jörg Beyer
Medizinische Onkologie
Inselspital, Universität Bern
E-Mail: joerg.beyer@insel.ch

Urologie & Andrologie | Onkologie

Neben der Hauptversammlung der American Society of Clinical Oncology (ASCO) im Juni findet jährlich im Februar ein ebenfalls von der ASCO organisierter Kongress in San Francisco mit dem Schwerpunkt auf urogenitalen Tumoren (ASCO GU) statt. Es ist allerdings nicht erforderlich, die lange und beschwerliche Reise nach San Francisco auf sich zu nehmen. Die Highlights des ASCO GU werden im Original nach Bern übertragen und von Schweizer Experten vor Ort kommentiert und moderiert. Auch dieses Jahr nahmen rund 30 Interessierte an der Veranstaltung in Bern teil.

Keypoints

  • Der Einsatz der Multiparameter- Kernspintomografie verbessert die Primärdiagnostik des Prostatakarzinoms und ist der Computertomografie und dem transrektalen Ultraschall überlegen.
  • Checkpoint-Inhibitoren stellen den neuen Therapiestandard in der Zweitlinientherapie metastasierter Urothelkarzinome dar und werden derzeit in einer Vielzahl von Studien in der perioperativen Therapie lokalisierter muskelinvasiver Urothelkarzinome untersucht.
  • Beim metastasierten Nierenzellkarzinom stellt die Entfernung des Primärtumors keinen Therapiestandard mehr dar.
  • Beim metastasierten Nierenzellkarzinom ist eine alleinige Therapie mit Tyrosinkinase-Inhibitoren in drei randomisierten Phase-III-Studien einer Kombinationstherapie unter Einschluss von Checkpoint-Inhibitoren unterlegen.

Prostatakarzinom

Diagnostik und Früherkennung waren auch in diesem Jahr ein Schwerpunktthema des ASCO GU und der Veranstaltung in Bern. Unverändert ist ein generelles bevölkerungsbezogenes Prostatakrebs- Screening umstritten. Jedoch kann ein gezieltes Screening von Männern zwischen 50 und 70 Jahren die Mortalität beim Prostatakarzinom senken. Es müssen ca. 1000 asymptomatische Männer auf das Vorliegen eines Prostatakarzinoms untersucht und ca. 40 Männer mit einem Prostatakarzinom behandelt werden, um nach 10 Jahren einen Sterbefall durch ein Prostatakarzinom zu verhindern.1 Durch einen Fokus auf Risikogruppen, den Verzicht auf ein Screening bei älteren Männern und die Berücksichtigung der Höhe des PSA sowie dem Einsatz moderner Diagnostik kann der Nutzen eines Screenings weiter verbessert werden.
In der lokalen Diagnostik hat die Multiparameter- Kernspintomografie (MRI) einen festen Platz erobert. Das MRI ist genauer in der Identifikation und Lokalisation suspekter Veränderungen der Prostata als die Computertomografie (CT) und die transrektale Sonografie.3 Der Einsatz des MRI kann bei völlig unauffälligem Befund Männern eine diagnostische Biopsie ersparen. Umgekehrt gelingt die korrekte Identifikation klinisch relevanter Karzinome durch eine MRI-gesteuerte Biopsie besser als durch die derzeit noch übliche Ultraschall-gesteuerte transrektale Biopsie.2
Umstritten ist dagegen der Nutzen der Positronen-Emissions-Tomografie (PET) in der Primärdiagnostik des Prostatakarzinoms. Vorgestellt wurde eine kleine prospektive randomisierte Studie mit nur 108 Patienten zum Einsatz eines Cholin-PETCT im Vergleich zum konventionellen Staging mittels CT und Skelettszintigrafie. Obwohl das Cholin-PET-CT eine nodale Metastasierung früher und zuverlässiger anzeigte, konnte in dieser kleinen Studie kein eindeutiger klinischer Nutzen durch den frühen Einsatz eines Cholin-PET-CT in der Diagnostik des Prostatakarzinoms gezeigt werden.4 Die Aussagekraft dieser Studie ist jedoch trotz des prospektiven Designs gering.
Bei den fortgeschrittenen Karzinomen betonte Mark Rubin von der Universität Bern in seinem Übersichtsvortrag, dass mit der breiten Verfügbarkeit moderner molekularbiologischer Techniken die genomische Analyse künftig einen höheren Stellenwert erhalten wird. Der Nachweis von Mutationen in BRCA, PTEN oder anderen DNA-Reparatur-Genen kann bereits heute therapeutische Konsequenzen nach sich ziehen.5
Neue Behandlungsmöglichkeiten des fortgeschrittenen Prostatakarzinoms in der metastasierten hormonsensitiven und nicht metastasierten kastrationsresistenten Situation zeigen u.a. Daten aus diversen Phase-III-Studien mit Apalutamid, Darolutamid und Enzalutamid.6–8

Urothelkarzinom

Der Einsatz von Checkpoint-Inhibitoren ist mit Sicherheit ein wesentlicher Fortschritt in der Therapie des metastasierten Urothelkarzinoms und stellt in der Zweitlinientherapie nach Versagen einer Platinhaltigen Chemotherapie den neuen Therapiestandard dar. Noch nicht etabliert und Gegenstand einer Vielzahl aktueller Therapiestudien ist dagegen der Einsatz von Checkpoint-Inhibitoren in der perioperativen Therapie lokalisierter, muskelinvasiver Urothelkarzinome. Andrea Necchi stellte in einem sehr gelungenen Übersichtsvortrag die laufenden Studien vor. Die Ergebnisse einer ersten Phase-IIStudie zum neoadjuvanten Einsatz von Pembrolizumab wurden soeben publiziert.9 Spannend zu verfolgen war die Pro-&-Con- Diskussion zur Therapie des lokalisierten muskelinvasiven Karzinoms. Während die radikale Zystektomie unverändert den Standard vor allem bei jüngeren Patienten in gutem Allgemeinzustand ohne relevante Komorbiditäten darstellt, kann bei korrekter Indikationsstellung eine trimodale Therapie bei älteren Patienten mit Komorbiditäten bzw. bei Patienten mit Wunsch nach Harnblasenerhalt sehr gute und mit der radikalen Zystektomie vergleichbare Ergebnisse erzielen.10

Nierenzellkarzinom

Wesentliche Veränderungen und ein Paradigmenwechsel kündigen sich in der Therapie des metastasierten Nierenzellkarzinoms an. Während über Jahrzehnte die radikale Nephrektomie auch in metastasierten Tumorstadien unbestritten war, konnte in der aktuellen CARMENA-Studie kein Nutzen einer Entfernung des Primärtumors für die Gesamtgruppe metastasierter Patienten gezeigt werden.11 Die Konsequenzen dieser Studie wurden auch auf dem diesjährigen ASCO GU intensiv diskutiert. Aber auch in der Primärtherapie metastasierter Tumoren scheint der alleinige Einsatz von Tyrosinkinase-Inhibitoren wie Sunitinib und Pazopanib als Therapiestandard abgelöst zu werden. Bereits auf dem Kongress der European Society of Medical Oncology (ESMO) wurde berichtet, dass die Kombination von Nivolumab und Ipilimumab einer alleinigen Therapie mit Sunitinib bei Patienten mit intermediärem und hohem Risiko nach dem IMDC Score überlegen ist.12 Auch die Kombinationstherapie von Avelumab plus Axitinib war der alleinigen Therapie mit Sunitinib überlegen.13 Auf dem diesjährigen ASCO GU stellte Thomas Powles nun eine Phase- III-Studie vor, die den Einsatz von Pembrolizumab plus Axitinib gegenüber einer alleinigen Therapie mit Sunitinib verglich. Auch hier war die Kombinationstherapie unter Einschluss eines Checkpoint-Inhibitors der alleinigen Therapie mit Sunitinib überlegen.14

Fazit

Die «Live»-Übertragung der Highlights des ASCO GU nach Bern stellt eine gute Alternative zu der Kongressteilnahme in San Francisco dar und ermöglicht zudem einen intensiven interdisziplinären Austausch mit Schweizer Expertinnen und Experten bzw. Kolleginnen und Kollegen mit Schwerpunkt im Bereich urogenitaler Tumoren. Die Veranstaltung wurde von den Firmen Janssen, Bayer und Ipsen unterstützt. Keine der Firmen nahm auf den Ablauf der Veranstaltung, die Auswahl der Beiträge oder den Inhalt der Diskussionen Einfluss. Die Fortsetzung der Veranstaltungsreihe ist für das Jahr 2020 vorgesehen.

Literatur: