Fachthema

Ziele in der Krebstherapie: Patienteninvolvierung von zentraler Bedeutung

Jatros, 22.11.2018

Bericht:
Mag. Dr. Anita Schreiberhuber
Quelle:
European Cancer Summit der ECCO (European Cancer Organisation), „From science to real-life oncology“, 7.–8. September 2018, Wien

Onkologie

Der diesjährige ECCO-Kongress stand ganz im Zeichen der Verbesserung der Effektivität von Krebsbehandlungen. Dass die Patienten miteingebunden werden müssen, wurde dabei immer wieder betont. Auch die Leistbarkeit und die Ermöglichung des Zugangs zu innovativen therapeutischen Substanzen für alle Krebspatienten waren ein zentrales Thema, das in einer eigenen Vortragsreihe abgehandelt wurde.

Interessenvertreter im Bereich der Medizin erkennen zunehmend den Nutzen, den die Generierung von großen Datenmengen für die Forschung und die Verbesserung von Krebstherapien mit sich bringen könnte. In diesem Kontext stellte der Vorsitzende Prof. Dr. Mark Lawler, Queen’s University Belfast, United Kingdom, zu Beginn der Session „Big data – who’s in charge?“ die folgende Frage an das Publikum: „Haben große Datenmengen das Potenzial, die klinische Realität in der Krebsbehandlung in Europa zu verändern?“ Die Mehrheit der Zuhörer (54%) war davon überzeugt, dass dies der Fall sein würde, 31,5% voteten sogar „I strongly agree“.
Jan Geissler, CML Advocates Network, Deutschland, steht der Thematik mit einer gewissen Skepsis gegenüber: „Wir wissen nicht, ob die Generierung einer großen Menge an Patientendaten tatsächlich ein vielversprechender Ansatz ist, aber wir können es nur herausfinden, wenn wir es tun.“ Der gegenwärtige Ansatz zur Datengenerierung kann nicht zum Erfolg führen, indem jeder für sich „seine eigene Suppe kocht“ – akademische Zentren, Patientenorganisationen, Pharmafirmen etc. „Am Ende sitzt jeder auf seinen Daten wie die Henne auf dem Ei“, so Geissler, der über das Abstimmungsergebnis überrascht war, wonach 65% der Interessenvertreter aus dem Publikum bereit wären, die klinischen Daten seiner Institution oder Organisation in vielversprechende große Datenprojekte einfließen zu lassen (Abb. 1). „Wenn wir Daten von anderen bekommen, sind wir natürlich happy, aber sind wir wirklich bereit, unsere Daten an andere Zentren weiterzugeben?“, stellte Geissler das Votingergebnis infrage und meinte, dass es in der Realität schwierig wäre, alle relevanten Stakeholder davon zu überzeugen, ihre Daten herauszugeben.

IMI2 HARMONY: Projekt zur Generierung von „big data“

IMI (Innovative Medicines Initiative) 2 HARMONY ist ein paneuropäisches Projekt, das u.a. die folgenden Ziele anvisiert: Beschleunigung der Medikamentenentwicklung, Verbesserung der Patientenstratifizierung, Optimierung der Therapieauswahl, Prädiktion von Wirksamkeit und Toxizitäten bestimmter Behandlungen, Generierung robuster Daten zum therapeutischen Wert. Nachdem auch wichtig ist, dass die Patientenperspektive in die Definition von relevanten Outcomes miteinbezogen wird, sind auch Patientenorganisationen in das Projekt involviert. IMI2 HARMONY ist eine der größten Partnerschaften zur Generierung von „big data“ in Europa, an der sich 51 private Partner aus elf europäischen Ländern beteiligen. Konkret werden Daten zu sieben malignen hämatologischen Subentitäten gesammelt und es ist gelungen, diverse relevante Player im Gesundheitswesen zur Teilnahme zu animieren. „,Big dataʻ haben das Potenzial, rasche Lernprozesse zu ermöglichen sowie Outcomes und Therapien weitgehend zu beeinflussen – das ist das, was für die Patienten zählt. Die Patienten müssen dabei zur Gänze miteinbezogen werden – ein Aspekt, dem gegenüber zurzeit leider noch viel Ignoranz herrscht“, so die Schlussworte von Geissler.

Nachhaltige Verbesserung von Krebsbehandlungen

Dass die Patienten und ihre Anliegen im Zentrum der Krebsbehandlung stehen sollen, zog sich wie ein roter Faden durch den Kongress. Auch im Vortrag von Dr. Kathy Oliver, Vorsitzender und Kodirektorin der IBTA (International Brain Tumour Alliance), in dem es um die Verbesserung der Effektivität von Krebstherapien ging, nahmen die Patientenbedürfnisse einen großen Stellenwert ein. Möglichkeiten zur Effektivitätsverbesserung bestehen über den gesamten Krebsverlauf hinweg – angefangen bei der Prävention bis zur Palliativbehandlung. Die Frage ist nur: Sind wir auf das fokussiert, was für die Patienten am meisten von Bedeutung ist, und nutzen wir unsere Ressourcen so effizient wie möglich? „Wir müssen wirklich alles daran setzen, das Ziel der Gewährleistung einer hohen Qualität für alle Krebspatienten zu erreichen. Effizienz bildet die Basis für die Outcomes“, unterstrich Oliver. Welche Rolle dabei die Multidisziplinarität spielt, erläuterte sie anhand einer Studie aus Großbritannien, wonach durch ein adäquates Follow- up nach der aktiven Krebstherapie 420 Millionen Pfund pro Jahr eingespart werden könnten. Das Gesamtüberleben und die Lebensqualität (Qol) sind für die Patienten entscheidende Parameter im Rahmen der Krebstherapie. „Die Patienten wünschen sich die effektivste Therapie, um hoffentlich eine Heilung zu erlangen. Wenn Heilung nicht realisierbar ist, dann möchten sie zumindest eine Verlängerung des Überlebens bei möglichst guter Lebensqualität“, so Oliver. Die Ergebnisse einer schwedischen Untersuchung zeigen, wie man mit einfachen Mitteln sowohl Effizienz als auch QoL bei pädiatrischen Radiotherapiepatienten steigern kann: U.a. hat man herausgefunden, dass ein simpler Wollknäuel, der zwischen der Radiotherapiekabine und den Eltern ausgerollt wird, zu einer Angstreduktion bei den kleinen Patienten führt, weil sie so eine Verbindung zu den Eltern fühlen und vice versa.1

„All.Can“ – Patienten sollen über Effektivität berichten

Um bessere Lösungen für eine nachhaltige Krebsbetreuung zu definieren und eine weitere Verbesserung der Outcomes zu erzielen, wurde im Jahr 2017 die Initiative „All.Can“ gegründet, deren Slogan „Together we all can“ lautet. Dabei ist es gelungen, Interessenvertreter aus verschiedenen Bereichen – der Pharmaindustrie, aus dem klinischen und akademischen Bereich –, aber auch politische Entscheidungsträger und allen voran Patientenorganisationen an Bord zu holen. Um Einblicke in die Patientenperspektive zu gewinnen, wurde ein eigener Fragebogen für die Patienten entwickelt. Der Fragebogen kann auf der Website http://www.all-can.org/patientsurvey/ downgeloadet werden. Die Patienten werden zu verschiedensten Bereichen rund um die Krebsbehandlung befragt und sollen angeben, inwieweit sie in den einzelnen Bereichen Ineffektivität empfinden. Ziel ist es, 4000 ausgefüllte Fragebögen aus 11 Ländern einzuholen. Zum Zeitpunkt der Präsentation waren 2376 Fragebögen eingegangen. Aus den Interimsergebnissen der Länder Kanada, Polen und Vereinigtes Königreich, die im Rahmen des ECCO-Kongresses präsentiert worden sind, geht hervor, dass Ineffektivität vor allem in drei Bereichen – und das in allen drei Ländern – empfunden wird: bei der Mitteilung der Krebsdiagnose, im Umgang mit den Nebenwirkungen der Therapie und hinsichtlich des psychologischen Supports. Mindestens zwei Drittel der Patienten gaben an, dass sie eine gewisse psychologische Unterstützung benötigen würden, und davon berichtete ein Drittel wiederum, dass es keinen Zugang zu einer entsprechenden Betreuung erhalten würde.
Anfang 2019 sollen die Ergebnisse im Europaparlament präsentiert werden, mit dem ultimativen Ziel, die Wahrnehmung der Krebsbehandlung seitens der Patienten zu nutzen, um einen bedeutsamen Richtungswechsel hinsichtlich einer Steigerung der Effektivität einzuläuten.

Zugang zu innovativen Krebstherapien für alle Patienten

Eveline Scheres, Vorsitzende der Vereinigung der ECL (European Cancer League) und Mitglied der DCS (Dutch Cancer Society), widmete sich in ihrem Vortrag den Kosten von Krebstherapien, ihrer Transparenz und der Zugänglichkeit zu innovativen Medikamenten. Die Arbeitsgruppe „Access to Medicines“ der ECL2 wurde im Jahr 2016 gegründet und hat sich als ultimatives Ziel gesetzt, Krebstherapien für alle Krebspatienten in Europa verfügbar zu machen. Die ECL hat ein sogenanntes „White Paper“ erarbeitet, in dem alle dafür zu bewältigenden Herausforderungen aufgelistet sind. Der Inhalt dieses „White Paper“ wurde am 10. Oktober im Europäischen Parlament präsentiert.
De facto bestätigt auch eine von der ESMO (European Society for Medical Oncology) durchgeführte Studie,3 dass nicht nur in Bezug auf die Kosten einzelner Krebsmedikamente, sondern auch hinsichtlich der Zugänglichkeit intereuropäisch substanzielle Differenzen vorliegen. Die größten Mängel sind in Ländern mit niedrigerem Level an ökonomischer Entwicklung und dabei speziell in Osteuropa vorzufinden, was zum Großteil mit den Kosten von zielgerichteten Substanzen in Zusammenhang steht, die innerhalb der vergangenen 13 Jahre zugelassen worden sind. Scheres hat dies am Beispiel der Tyrosinkinaseinhibitoren Gefitinib, Erlotinib, Afatinib und Crizotinib gezeigt, die für das metastasierte NSCLC (nicht kleinzelliges Bronchuskarzinom) bei Nachweis von EGFR-Mutationen bzw. Alterationen in ROS1 oder ALK (Crizotinib) zugelassen sind (Tab. 1).
Zu den weiteren großen Herausforderungen zählt die Zunahme der Kosten für innovative Krebstherapien: So sind in Dänemark die jährlichen Ausgaben für Krebsmedikamente zwischen 1998 und 2016 von 26 auf 309 Millionen Euro angestiegen. Die kumulativen Preisanstiege sind nicht einfach auf rationale Weise – wie mit der Neuartigkeit und Spezifität der Substanzen oder der Investition in Forschung und Entwicklung – zu erklären.4 Scheres beklagte in diesem Zusammenhang die mangelnde Transparenz seitens der Pharmaindustrie und zitierte den niederländischen Gesundheitsminister Bruno Bruins. Dieser kritisierte, dass die Welt immer „gläserner“ wird, die Pharmaindustrie dieser Entwicklung jedoch noch immer hinterherhinkt.
„Die Definition eines fairen Preises ist unabdingbar. Dabei sollten die Bedürfnisse aller involvierten Kostenträger berücksichtigt werden. Die Kosten müssen nachvollziehbar sein und auf den folgenden Faktoren basieren: Transparenz, Kosteneffektivität und Leistbarkeit für jedes Land“, forderte Scheres.

Literatur: