Fachthema

ÖGGH 2018

Vorhofflimmern = kardiovaskuläres Risiko = Risiko für Kolorektalkarzinom?

Jatros, 13.09.2018

Autor:
Dr. David Niederseer, PhD, BSc
Krankenhaus Oberndorf, Lehrkrankenhaus der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität Salzburg, Abteilung für Innere Medizin, Oberndorf
Universitätsspital Zürich, Universitäres Herzzentrum Zürich, Klinik für Kardiologie, Zürich
Autor:
Prim. Univ.-Prof. Dr. Christian Datz
Krankenhaus Oberndorf, Lehrkrankenhaus der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität Salzburg, Abteilung für Innere Medizin, Oberndorf

Gastroenterologie | Kardiologie & Gefäßmedizin

Asymptomatische Patienten mit erhöhtem kardiovaskulärem Risiko weisen auch ein erhöhtes Risiko für fortgeschrittene kolorektale Neoplasien auf. In kardiologischen Kreisen wird immer häufiger Vorhofflimmern als Surrogatmarker zur Abschätzung des kardiovaskulären Risikos angesehen. Wir gingen der Frage nach, ob bei Patienten mit Vorhofflimmern auch höhere Detektionsraten bei einer Screeningkoloskopie zu verzeichnen sind.

Keypoints

  • Kardiovaskuläre Risikofaktoren und Risikofaktoren für das kolorektale Karzinom überschneiden sich teilweise.
  • Wir konnten zum ersten Mal zeigen, dass Patienten mit Vorhofflimmern häufiger eine auffällige Screeningkoloskopie haben als Patienten ohne Vorhofflimmern.
  • Analog zu einer positiven Familienanamnese für Kolorektalkarzinom gilt erhöhte Awareness, wenn man einen Patienten mit Vorhofflimmern endoskopiert.

Das kardiovaskuläre Risiko wird unter Verwendung von Risiko-Scores abgeschätzt, welche verschiedene kardiovaskuläre Risikofaktoren berücksichtigen. Fettleibigkeit, Diabetes mellitus Typ 2, Rauchen, Alter, schlechte Ernährungsgewohnheiten und Bewegungsmangel sind jedoch nicht nur Risikofaktoren für Herz-Kreislauf- Erkrankungen, sondern auch für das kolorektale Karzinom. Vorhofflimmern stellt als möglicher Surrogatmarker für das kardiovaskuläre Risiko einen einzigen Parameter dar, der dieses Risikoprofil zusammenfassen könnte.
In der Vergangenheit wurden unterschiedliche Ergebnisse von Studien publiziert, die der Hypothese nachgingen, ob geteilte Risikofaktoren zu einer erhöhten Inzidenz von kolorektalen Neoplasien in Abhängigkeit vom kardiovaskulären Risiko führen. Kürzlich konnten wir die Daten unserer Kohorte publizieren. Wir gingen der Frage nach, ob in einer großen asymptomatischen Screeningkohorte ein Zusammenhang zwischen etablierten kardiovaskulären Risiko-Scores, wie dem Framingham- Risiko-Score (FRS, 10-Jahres- Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse) und dem Heart-Score der Europäischen Kardiologischen Gesellschaft (HS, 10-Jahres- Risiko für kardiovaskulären Tod), und dem Auftreten kolorektaler Neoplasien besteht.
Insgesamt wurden 2089 asymptomatische Probanden mittels Screeningkoloskopie untersucht (59,2±9,8 Jahre, 50% männlich, BMI 27,2±4,8kg/m²), von denen 108 (5%) eine bekannte kononare Herzkrankheit (KHK) hatten.
Wie sich zeigte, war das Risiko für Adenome oder fortgeschrittene Adenome bei Patienten mit einer bekannten KHK deutlich erhöht (OR 95%CI: 1,51 [1,10–2,27; p=0,047] und 2,62 [1,31–5,20; p=0,007]). Bei Patienten ohne KHK war ein 1%iger Anstieg des Risiko-Scores mit einem inkrementalen Risiko für eine auffällige Screeningkoloskopie assoziiert (OR 1,07 und 1,09 [jeweils p<0,001]). Adenome oder fortgeschrittene Neoplasien zeigten hochsignifikante Assoziationen mit FRS und HS (jeweils p<0,001).1 Im Rahmen der Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Gastroenterologie und Hepatologie konnten wir unsere Daten zur Frage nach der Rolle des Vorhofflimmerns vorstellen.2
Wir haben 1949 asymptomatische Patienten (durchschnittliches Alter 60,9±8,5 Jahre, 49% weiblich) untersucht, die sich im Rahmen unseres SAKKOPI-Registers einer Screeningkoloskopie unterzogen haben. Patienten mit Vorhofflimmern wurden mit jenen ohne Vorhofflimmern verglichen. Ein „propensity score matching“ wurde verwendet, um Alters- und Geschlechtsunterschiede zwischen den Gruppen auszugleichen. Bei den 46 Patienten (2,4%) mit Vorhofflimmern waren tubuläre (n=16; 34,8%) und fortgeschrittene Adenome (n=2, 4,3%) nicht unterschiedlich häufig verglichen mit Patienten ohne Vorhofflimmern (25,6% und 4,1%). Jedoch zeigte sich eine höhere Prävalenz für das kolorektale Karzinom bei Patienten mit Vorhofflimmern (8,7% vs. 0,5%; p<0,001), welche auch nach „propensity score matching“ persistierte: Odds-Ratios waren 2,6 (95% CI: 1,1–6,2) für eine auffällige Screeningkoloskopie und 9,9 (95% CI: 1,2–79,6) für das Kolorektalkarzinom.
Zusammenfassend lässt sich also auf Basis unserer Daten festhalten, dass Patienten mit Vorhofflimmern signifikant mehr fortgeschrittene Adenome in der Screeningkoloskopie hatten. Somit sollten wir insbesondere Patienten mit Vorhofflimmern einer Screeningkoloskopie zuführen.

Fazit

Aufgrund gemeinsamer Risikofaktoren, wie Fettleibigkeit, Diabetes mellitus Typ 2, Rauchen, Alter, schlechte Ernährungsgewohnheiten und Bewegungsmangel, scheint bei Patienten mit erhöhtem kardiovaskulärem Risiko (und dieses Risiko wird durch den Surrogatmarker Vorhofflimmern mitabgebildet) auch ein erhöhtes Risiko für kolorektale Neoplasien zu bestehen (Tab. 1). Ein fächer- und organübergreifendes Denken ist hier gefragt, um Patienten optimal betreuen zu können.

Literatur: