Fachthema

SGP-Jahresversammlung

Das Potenzial von E-Health-Interventionen liegt in der personalisierten Medizin

Leading Opinions, 30.08.2018

Autor:
Regina Scharf, MPH
Medizinjournalistin
Quelle:
Jahresversammlung der Schweizerischen Gesellschaft für Pneumologie, 24. und 25. Mai 2018, St. Gallen

Pneumologie

In den letzten Jahren hat die Zahl von E-Health-Interventionen wie Smartphone-Apps rasant zugenommen. Nur die wenigsten integrieren wissenschaftliche Evidenz und wurden in Studien auf ihre Wirksamkeit getestet.

Am 24. und 25. Mai fand in St. Gallen die gemeinsame Jahresversammlung der Schweizerischen Gesellschaft für Pneumologie (SGP) und ihrer Partnerorganisationen, darunter auch die European Respiratory Society (ERS), statt. Nach der Eröffnungsrede des SGP-Präsidenten Prof. Dr. med. Martin Brutsche und den Grussworten der Partnergesellschaften ging Prof. Dr. med. Nils Chavannes von der Universität Leiden den Themen «E-Health» und «Big Data» in der Gesundheitsversorgung auf den Grund.
«Für den Hype um Big Data und den revolutionären Einfluss auf die Gesundheitsversorgung sind vor allem Firmen verantwortlich», sagte Chavannes. Dabei gehe es vor allem um «Big Business»: Allein dem US-amerikanischen Gesundheitssystem werden mithilfe von «Big Data» Einsparungen in der Höhe von 300–450 Milliarden US-Dollar prognostiziert. Parallel zu den Prognosen boomt die Entwicklung von E-Health-Technologien, also internetbasierten Informations- und Kommunikationstechnologien, deren Ziel eine verbesserte Gesundheit und Gesundheitsversorgung der Bevölkerung ist. «Bei den Interventionen handelt es sich in der Regel um recht bodenständige Dinge wie beispielsweise Smartphone-Applikationen (Apps) und nicht wie oftmals postuliert um Roboter oder Drohnen», so Chavannes. Besonders die Zahl der gesundheitsbezogenen Apps ist in den letzten Jahren rasant gewachsen: Diese belief sich bei der letzten Erhebung auf 325 000. Ein grosses Problem dieser Entwicklung ist, dass die Behauptungen der Hersteller oft kühn sind. «Bislang gibt es aber nur wenige Studien, die den gesundheitlichen Nutzen solcher Interventionen belegen», so Chavannes. Zu diesem Schluss kommt auch die American Heart Association, die darauf hinweist, dass gesundheitsbezogene Apps generell nicht auf wissenschaftlicher Evidenz aufbauen und nicht gründlich auf ihre Wirksamkeit getestet wurden.

E-Health als Teil der personalisierten Patientenversorgung

Potenzial für die E-Health-Technologien sah der Experte vor allem im Bereich der personalisierten Medizin. Allerdings gilt auch hier «one size does not fit all». «Für den Einsatz im Rahmen der personalisierten Medizin müssen Faktoren, wie der Patiententyp, persönliche Präferenzen, der Bildungsstand, das soziale Netzwerk und Komorbiditäten, berücksichtigt werden», sagte Chavannes. Eine wichtige Rolle spiele zudem die «burden of disease». In Studien habe sich gezeigt, dass diese oft mit der Patientenmotivation verlinkt sei. Je fortgeschrittener die Erkrankung, desto eher sind die Patienten zu einer Verhaltensänderung bereit.
Wie wichtig es ist, die Behandlungsangebote an den Patienten anzupassen, demonstrierte Chavannes an folgenden Fallbeispielen.
Im 1. Fall handelt es sich um einen 70-jährigen Mann mit Typ-2-Diabetes, der seine Arzttermine nur unregelmässig wahrnimmt, weil er sich selbst nicht als Patient fühlt. Der Patient kommuniziert gerne via iPad und benutzt Videospiele. Für ihn ist das als Teil der integrierten Versorgung in Leiden angebotene Home Care System, bei dem er online in Kontakt mit einer Pflegekraft steht, ideal. Das Home Care System wird in Leiden von ca. 70 000 älteren Menschen in Anspruch genommen. «Ein Grund für die grosse Beliebtheit ist, dass die involvierten Personen die Möglichkeit haben, einmal wöchentlich an einem virtuellen Bingospiel teilzunehmen», sagte Chavannes. Auf diese Weise versuche man, die Leute in die Gesundheitsversorgung einzubinden und mit ihnen in Kontakt zu bleiben.
Im 2. Fall handelt es sich um eine 54-jährige alleinstehende Frau mit einer COPD, niedrigem Bildungsstand und schlechtem sozialem Netzwerk, die sich im Umgang mit dem Computer unsicher fühlt. «Diese Frau wäre total unglücklich, wenn sie nicht mehr zu den ärztlichen Sprechstunden gehen könnte», so Chavannes. Denn das seien die wenigen Momente, in denen sie sich mit anderen COPD-Betroffenen austauschen könne und sozialen Kontakt habe.

Erfolgreichere Tabakentwöhnung durch Unterstützung von E-Health-Interventionen?

Zwei E-Health-Technologien im Bereich der Atemwegserkrankungen, deren Wirksamkeit im Rahmen randomisierter kontrollierter Studien (RCT) nachgewiesen wurde, waren das «ABC Burden of Disease Tool» für COPD-Patienten sowie zwei Rauchstopp-Interventionen.
Für das «ABC Burden of Disease Tool» wurden die 5 Einflussfaktoren zur Einschätzung der Krankheitslast und verschiedene objektivierbare Parameter wie die Lungenfunktion oder der Body- Mass-Index mit farbigen Luftballons dargestellt (Abb. 1). Ein grüner Ballon oben im Bild bedeutet ein zufriedenstellendes Ergebnis, ein roter Ballon unten im Bild ein ungenügendes Ergebnis. «Dabei zeigte sich, dass die Visualisierung der Variablen ein einfacher Weg war, um die Kommunikation zwischen Patient und ‹Nurse Practi- tioner› zu verbessern», so Chavannes. Die Fortschritte in der Kommunikation und die zusätzlich abgegebenen Behandlungsempfehlungen führten dazu, dass die Lebensqualität nach 18 Monaten bei 34% der Patienten in der Interventionsgruppe klinisch relevant verbessert werden konnte, verglichen mit 22% in der Kontrollgruppe.1
Gemäss zwei Cochrane-Reviews können PC- und Smartphone-basierte Interventionen ein geeignetes Mittel sein, um die Tabakentwöhnung zu unterstützen. PC-basierte Interventionen waren vor allem dann erfolgreich, wenn die Anwendung personalisiert werden konnte und interaktiv funktionierte.2 Auf diese Weise konnte der Anteil der «Quitters» nach 6 Monaten in der Interventionsgruppe auf 21% gesteigert werden, verglichen mit 10% in der Kontrollgruppe. Eine Nichtraucherrate von 9% versus 5% in der Kontrollgruppe liess sich zudem durch Smartphone-basierte Interventionen erzielen, bei denen die Betroffenen zur Unterstützung ihrer Motivation regelmässig mit SMS beliefert wurden.3 «Ein additiver Effekt lässt sich womöglich durch die Kombination von E-Health-Interventionen und herkömmlichen Methoden zur Raucherentwöhnung erzielen», so Chavannes.

Untersuchungen zu E-Health-Interventionen kritisch hinterfragen

Auch wenn Studien zur Wirksamkeit von E-Health-Interventionen vorliegen, riet der Experte zu einem kritischen Umgang mit den Informationen. Er verwies auf ein Beispiel der in letzter Zeit zunehmend in Mode gekommenen Interventionen zum Gedächtnistraining. Bis zu 50 Millionen Downloads zählte die «Lumosity Brain Training App» zur Prävention der Alzheimerdemenz bis Ende 2016. Die Kosten für die App beliefen sich auf 12 US-Dollar (USD) pro Monat oder lebenslang 300 USD. Nachdem die föderale Handelskommission die Firma Lumos Labs Inc. aufgefordert hatte, einen Beweis für die Wirksamkeit der Intervention zu liefern, erschien 2015 ein RCT dazu.4 Eingeschlossen waren knapp 4000 Personen, die Studiendauer belief sich auf 10 Wochen. Untersucht wurde die Veränderung des Grant-Index. Dieser wurde eigens für die Studie entwickelt und verglich die Fähigkeiten der Teilnehmer, Kreuzworträtsel zu lösen. Dabei konnte ein signifikanter Unterschied zwischen der Interventions- und der Kontrollgruppe gezeigt werden. «Welchen Effekt dieser Unterschied auf das Demenzrisiko hatte, liess die Studie jedoch unbeantwortet», so Chavannes. Am kuriosesten aber sei, dass sich in der Liste der Autoren fünf Mitarbeiter von Lumos Labs Inc. fanden, obwohl angegeben wurde, die Firma habe keinen Einfluss auf die Studie gehabt. «Man muss also sehr vorsichtig sein mit den Informationen, auch wenn sie gut dargestellt sind.»

Literatur: