Fachthema

ACO-ASSO-Jahrestagung 2017

Hoher edukativer Anspruch und praxisrelevante Vorträge

Jatros, 26.12.2017

Interview-Partner:
Univ.-Prof. Dr. Martin Schindl
Medizinische Universität Wien
E-Mail: martin.schindl@meduniwien.ac.at
Interview-Partner:
Priv.-Doz. Dr. Stefan Stättner
Medizinische Universität Innsbruck
E-Mail: stefan.staettner@tirol-kliniken.at
Interview geführt von:
Mag. Alice Kment

Onkologie | Gastroenterologie

Die 34. ACO-ASSO-Jahrestagung widmete sich dem Pankreaskarzinom und seinen Vorstufen. Im folgenden Interview mit den beiden Kongresspräsidenten Univ.-Prof. Dr. Martin Schindl, Medizinische Universität Wien, und Priv.-Doz. Dr. Stefan Stättner, Medizinische Universität Innsbruck, erfahren Sie Details rund um den Kongress.

Welchen Stellenwert hat das Pankreaskarzinom innerhalb der ACO ASSO und weshalb wurde es zum Schwerpunktthema der Jahrestagung 2017 gemacht?

S. Stättner: Das Pankreaskarzinom wird in der breiten Öffentlichkeit mit einer hohen Mortalität und großem Leid in Verbindung gebracht; es hat bei weltweit – und auch in Österreich – steigender Inzidenz Brisanz und ruft immer wieder öffentliche Diskussionen über Operabilität und Prognose hervor. Die korrekte Diagnose und die erfolgreiche Behandlung werden oftmals dadurch erschwert, dass dieses Karzinom im Frühstadium meist symptomlos verläuft und die Patienten erst in einem fortgeschrittenen Stadium einen Arzt aufsuchen bzw. diagnostiziert werden. Die Therapie dieser Patienten ist und bleibt eine Herausforderung für den behandelnden Arzt bzw. das interdisziplinäre Behandlungsteam.

M. Schindl: Es hat sich gezeigt, dass das Pankreaskarzinom eine so schlechte Prognose hat, dass es eine Fachrichtung allein nicht effizient behandeln kann. In den letzten Jahren wurden durch eine vermehrte interdisziplinäre Zusammenarbeit wesentliche Fortschritte in der Therapie dieser Tumorentität erzielt: Die rechtzeitige Entfernung anerkannter Krebsvorstufen, präzise und Stadienadaptierte multimodale Behandlung durch hochauflösende Bildgebung und minimal invasive Operationstechniken sowie interventionelles Management von Komplikationen sind einige Aspekte, die zu dieser positiven Entwicklung beigetragen haben.

Welches Konzept haben Sie für diesen Kongress verfolgt?

M. Schindl: Wir haben die Sitzungen bewusst so gestaltet, dass der Interdisziplinarität, welche die Therapie des Pankreaskarzinoms erfordert und die in der Praxis auch gelebt wird, Rechnung getragen wird.

S. Stättner: Ganz wichtig war uns bei der Zusammenstellung des Programms der edukative Charakter der Tagung. Aktuelle Konzepte aus Diagnostik und Therapie wurden gleichermaßen thematisiert und anhand von Fallpräsentationen und Diskussionen konkret abgehandelt. Nationale und internationale Top- Experten aus unterschiedlichen an der Behandlung des Pankreaskarzinoms beteiligten Disziplinen haben in State-ofthe- Art-Vorträgen den aktuellen evidenzbasierten Stand der Wissenschaft zu ausgesuchten Themen dargestellt und im persönlichen Kontext diskutiert. Insbesondere die Chirurgie wurde dabei als zentrale Säule der Behandlung von Bauchspeicheldrüsenkrebs für zahlreiche der vorgestellten Behandlungskonzepte unterstrichen.

Der Begriff „Tumorboard“ kommt an verschiedenen Stellen im Programm vor. Wie schätzen Sie die Relevanz von Tumorboards für Patienten mit Pankreaskarzinom ein?

M. Schindl: Gerade in der Behandlung des Pankreaskarzinoms spielt das Tumorboard eine besondere Rolle. Wir haben daher die gelebte Praxis in Falldiskussionen eines fiktiven Tumorboards abgebildet, wo die Entscheidungen einer Gruppe von Behandlern anhand konkreter Fälle und Behandlungssituationen transparent gemacht und auch die Gründe, die zu der jeweiligen Therapieentscheidung geführt hatten, erläutert wurden.
Ergänzt wurde dies durch eminenzfokussierte Beiträge in der „Meet the Professor“- Sitzung, bei denen sich ein sehr erfahrener Chirurg dem Publikum mit seiner Expertise zur Verfügung stellt. Durch diese Art des Vortrags können auch praxisrelevante Fragen, die in einem größeren Auditorium oft zu kurz kommen, ausführlich behandelt werden.

S. Stättner: In der „How I Do it“-Sitzung wurden ausgewählte, schwierige chirurgische Fragestellungen abgehandelt. „Wie macht man eine korrekte Anastomose?“ Oder: „Wie wird die Einschätzung der Resektabilität von den jeweiligen Experten getroffen?“ Diese Session hatte das Ziel, von den rein evidenzbasierten Informationen der Publikationen und Studien zu den individuellen Entscheidungskriterien in typischen Situationen zu kommen.
Darüber hinaus gab es auch einen Videovortrag von Prof. Dr. David Fuks, Institute Mutualiste Montsouris in Paris, zur laparoskopischen Pankreaschirurgie.

Neben dem Pankreaskarzinom waren aber auch die Vorstufen dieser Erkrankung ein Thema.

S. Stättner: Die Behandlung von Vorläuferläsionen, die zu Bauchspeicheldrüsenkrebs führen können, ist ein relevanter Aspekt dieses Bereichs. Die Therapie zystischer Erkrankungen wie intraduktaler papillärer muzinöser Neoplasien wurden ebenfalls in diversen Vorträgen erörtert. Wir hatten Top-Experten hierfür vor Ort, etwa die Pathologin Prof. Dr. Irene Esposito vom Universitätsklinikum Düsseldorf oder auch Prof. Dr. Thilo Hackert vom Universitätsklinikum Heidelberg, die in diesem Bereich sicher europaweit führend sind.

Ein Highlight der Tagung war der Festvortrag von Prof. Dr. John Neoptolemos vom Cancer Research Institute UK LCTU in Liverpool.

M. Schindl: Dieser gut besuchte Vortrag war überaus interessant und bot Einblicke in die Arbeit der Europäischen Studiengruppe für Pankreaskarzinome (ESPAC), die am Fortschritt multimodaler Therapiekonzepte wesentlich beteiligt ist.

Es gab ja zahlreiche formale Novitäten bei der diesjährigen Jahrestagung, etwa die Kongress-App. Hat sich diese bewährt?

S. Stättner: Ja, wir haben diesmal versucht, die Veranstaltung noch übersichtlicher, moderner und informativer zu gestalten als bisher. So kam erstmals eine Kongress-App zum Einsatz, die eine aktuelle Online-Übersicht zur Jahrestagung bot und ein elektronisches Votingsystem beinhaltete, das die Teilnahme der Ärzte an Publikumsfragen ermöglichte. Dadurch konnte in die Diskussionen der Input des Auditoriums direkt einfließen und es war möglich, die Gespräche nach den Vorträgen gemäß den Fragen und Bedürfnissen der Teilnehmer zu gestalten. Darüber hinaus konnte der Kongress mittels dieser App evaluiert werden. Die Teilnehmer können darüber hinaus Zusammenfassungen der Vorträge als PDF herunterladen, um nach dem Kongress das Gehörte zu vertiefen. Unser Ziel, völlig „papierlos“ zu werden, haben wir nicht ganz geschafft, aber wir sind auf dem besten Wege dazu.

M. Schindl: Wir haben bei der Auswahl der Themen und der Gestaltung der Vorträge aber auch besonders auf die Relevanz für die chirurgische Aus- und Fortbildung geachtet. Die Tagungsteilnahme von Chirurgen in Ausbildung wurde dankenswerterweise von der Österreichischen Gesellschaft für Chirurgie auch in besonderer Weise gefördert.

Die Organisation des Kongresses ging ja von Ihnen beiden aus. Wie hat die Kooperation Ost – West, Wien – Innsbruck funktioniert?

S. Stättner: Ganz hervorragend! Die Referenten der Jahrestagung stammen aus unterschiedlichen Zentren quer durch ganz Österreich und auch international. Österreich ist ein kleines Land und dieser Schulterschluss und Austausch zwischen unterschiedlichen Kompetenzzentren sind gerade für die Therapie des Pankreaskarzinoms unerlässlich.

Vielen Dank für das Gespräch!