Fachthema

Ordinationsübernahme ohne Reue

DAM, 21.12.2017
Gesundheitspolitik

Unsere Redaktion sprach mit zwei Jungärztinnen, die vor einigen Monaten eine allgemeinmedizinische Ordination übernommen haben, beide haben schulpflichtige Kinder.

Zur Person

  • Ärztin C. Fröhlich* ist Kassenvertragsinhaberin und bietet in einer zusätzlichen, auch räumlich getrennten Privatordination Manualtherapie und Akupunktur an.
  • Ärztin A. Kaiser* ist Dauervertreterin und einen Tag pro Woche Schulärztin in einem Bundesgymnasium, Zusatzausbildung: PSY-Diplom.

Fast ein Jahr nach der Ordinationsübernahme – bereuen Sie Ihre Entscheidung?

C. Fröhlich:
Keinesfalls, es ist für mich als Medizinerin und als Mutter die beste Option.

Lief die Praxisübernahme nach einem etablierten Übergabemodell ab?

C. Fröhlich:
So ist es. Wir arbeiteten sechs Monate mit dem erfahrenen Kollegen unter einem Dach, meine Arbeit wurde von ihm nach den Tarifsätzen für Ordinationsvertretungen honoriert. Dann hatte ich den vertragskonformen Teil des letzten Jahresumsatzes zu bezahlen und führte die Ordination weiter.
A. Kaiser: Auch ich habe in diesen sechs Monaten in der Ordination gearbeitet, es stand von vornherein fest, dass C. die Zusammenarbeit sucht. Fachlich verlief alles unaufgeregt und planmäßig.

Gab es dennoch Anfangsüberraschungen?

C. Fröhlich:
Ich habe die bürokratischen Hürden erst jetzt in vollem Ausmaß wahrgenommen. Sie sind arbeitsbehindernd.
A. Kaiser: Eine Patientin, die seit Jahren erfolgreich mit einem Biologikum behandelt wird, das auch immer anstandslos bewilligt wurde, soll jetzt nach Chefarztwillen mit einem Generikum therapiert werden. Die Patientin verträgt es schlecht. Meine Argumentation genügte nicht. Ich musste mich um eine Stellungnahme des Rheumazentrums bemühen. Daraufhin wurde das Originalpräparat bewilligt, die Chefärztin fragte im Verhörton: „Haben Sie die Unverträglichkeit der Behörde gemeldet?“ Und dann: „Diese Bewilligung ist eine Ausnahme, wahrscheinlich wird das Originalpräparat demnächst aus dem Erstattungskodex gestrichen.“
C. Fröhlich: Als sie dann noch darüber klagte, dass sie sich jetzt mehrere Male mit dieser Bewilligung beschäftigen musste und das sehr zeitaufwendig sei, sprach sie mir aus der Seele – sie meinte es aber eher vorwurfsvoll.

Durch das kassenvertragsbedingte Ende der Laborgemeinschaften kooperieren Sie jetzt mit einem Großlabor – wie läuft dies ab?

C. Fröhlich:
Papierfrei, vollautomatisch und unpersönlich. Die Routine läuft klaglos, der mitunter hilfreiche Anruf bei der persönlich bekannten Laborfachärztin ist keine Option mehr.
A. Kaiser: Die Zusammenarbeit mit den Fachärzten wird zunehmend problematischer. Die Wartezeiten haben die Grenze der Zumutbarkeit überschritten – wir sprechen von Monaten.
C. Fröhlich: Das Gleiche gilt für Physiotherapeuten, diese sind einfach alle ausgelastet. Wir müssen uns unter diesem Druck der Wahlärzte bedienen, mit denen funktioniert es gut. Wir fördern aber damit ganz massiv die Zweiklassenmedizin, deren Teil wir als Kassenvertragsärztinnen definitiv nicht sein wollen.
A. Kaiser: Ich stelle auch großes Unverständnis bei der Spitalsärzteschaft fest. Sie sind offensichtlich furchtbar unter Druck und ahnungslos, was unsere Arbeitsbedingungen betrifft. Der oft gehörte Sager von „den Niedergelassenen, die alles ins Krankenhaus schicken“ ist dafür beispielhaft. Sie haben weder von der Quantität noch von der Qualität unserer Arbeit eine Vorstellung.
Unlängst mussten wir einen Patienten innerhalb eines Tages sogar zweimal einweisen, bis unser Verdacht auf Pulmonalembolie bestätigt war.

Wie könnte man das Verhältnis zwischen den Ärzten verbessern?

C. Fröhlich:
Die Lehrpraxis für alle als fester Bestandteil der Ausbildung wäre nicht nur für die Allgemeinmedizin wünschenswert, auch die intra-/extramurale Zusammenarbeit würde durch das Wissen um das unterschiedliche Arbeitsumfeld respektvoller werden.
A. Kaiser: Ich habe das Gefühl, dass wir momentan die Verbitterung der Spitalskollegen abbekommen. Sie beneiden uns um unsere Freiheit und um unseren Verdienst – ohne beides zu kennen. Sie geringschätzen unsere Arbeit aus dem gleichen Grund.

Das von der Politik so angeprangerte „Einzelkämpfertum“ scheint es wirklich zu geben, allerdings mit völlig anderem Inhalt.

C. Fröhlich:
Ich verstehe, was Sie meinen, aber in meiner Ordination ist durch die Zusammenarbeit mit A. das Einzelkämpfertum abgeschafft. Unsere Kooperationskultur ist auch durch den offenen Umgang mit unseren Defiziten geprägt, das gibt ein Gefühl der Befreiung.
A. Kaiser: Die Dauervertretung hat meine Arbeitseinstellung als Ordinationsvertreterin geändert. Die Kontinuität der Patientenbetreuung steht im Vordergrund. Die Intervention, bis der gewohnte Arzt wieder da ist, hat an Bedeutung verloren.

Demnächst tritt die Bereitschaftsdienstregelung in Kraft. Sehen Sie dadurch eine weitere Entlastung für Sie?

A. Kaiser:
Ja, demnächst soll zwischen 17:00 und 22:00 Uhr nur mehr ein Arzt pro Bezirk in Räumlichkeiten des örtlichen Krankenhauses Bereitschaftsdienst machen. Dazu sollen die Kassenvertragsärzte zwangsverpflichtet werden, ein weiterer Arzt soll in der gleichen Region Visiten fahren. Angeblich werden diese Visitenärzte zugekauft, das müssen nicht wir örtlich Niedergelassenen abdecken. Woher diese Kollegen kommen und wer die Kosten dafür trägt, weiß ich nicht. Unsere Dienstbereitschaftspflicht wird jedenfalls deutlich abnehmen.
C. Fröhlich: Nach unserer Ordinationsübernahme hat die Zahl der Visiten ohnehin deutlich abgenommen, denn wir animieren die Patienten, unsere Ordination aufzusuchen. Aus unerklärlichen Gründen kursiert außerdem das Gerücht, wir würden keine Visiten machen. Zwar stimmt das nachweislich nicht, aber ehrlich gestanden treten wir diesem Gerücht auch nicht engagiert entgegen.

Ist für Sie die Vereinbarkeit von Beruf und Familie gegeben?

A. Kaiser:
Ja, die Arbeitszeiten sind vorhersehbar, die Bereitschaftsdienstzeiten rückläufig.
C. Fröhlich: Die Wochenenddienste teilen wir uns, und nicht zuletzt: Unser beider gleicher familiärer Status sichert das gegenseitige Verständnis, wenn es eine von uns wirklich einmal schleudert.

Wir danken für das Gespräch und wünschen für die Zukunft unverminderte Freude am Beruf.

*) Namen von der Redaktion geändert.