Fachthema

Von-Willebrand-Syndrom

Bei unverhältnismäßiger Epistaxis an VWS denken

DAM, 19.10.2017

Bericht:
Dr. Ine Schmale
Quelle:
Kongress der International Society on Thrombosis and Haemostasis (ISTH), 8.–13. Juli 2017, Berlin

Gynäkologie & Geburtshilfe | HNO | Pneumologie

Das Von-Willebrand-Syndrom (VWS) ist die häufigste der angeborenen Blutgerinnungsstörungen. Dennoch bleibt sie oftmals unerkannt, da weder Betroffene noch viele Ärzte mit der Erkrankung vertraut sind. Die Erkennung des VWS wird dadurch erschwert, dass die Symptome vielfältig sind und von häufigem Nasenbluten über Neigung zu blauen Flecken bis hin zu Zahnfleisch- und anderen Schleimhautblutungen reichen.

Bei den betroffenen Patienten äußert sich die Erkrankung oft durch häufige oder übermäßig starke Epistaxis, bei jungen Frauen auch durch stärkere Mennorrhö, die meist spät als erstes Anzeichen für eine Blutgerinnungsstörung erkannt wird. Insbesondere Arztgruppen wie HNO-Ärzte und Gynäkologen sollten auf erhöhte Blutungsneigungen sensibel reagieren und ein VWS in Erwägung ziehen.
Von den Blutgerinnungsstörungen ist insbesondere die Hämophilie bekannt, die hauptsächlich bei Männern auftritt und durch die Vererbung innerhalb der europäischen Fürstenhäuser zu trauriger Berühmtheit gelangt ist. Bei der Hämophilie werden Typ A und Typ B unterschieden, die mit einer Funktionsstörung von Faktor VIII bzw. Faktor IX einhergehen. Faktor VIII tritt im Komplex mit dem von-Willebrand- Faktor (vWF) auf, dessen Mangel oder Funktionsstörung Männer und Frauen gleichermaßen betrifft, aber im Vergleich zur Hämophilie weniger prominent ist. Zur Diagnose kommt es bei Patienten häufig erst dann, wenn durch den Blutverlust bereits eine Anämie eingetreten ist. Nicht selten wird die Diagnose auch erst gestellt, wenn zum Teil lebensgefährliche Komplikationen bei chirurgischen Eingriffen oder Entbindungen auftreten. Über die Familienanamnese werden dann oft weitere Diagnosen gestellt.

Der von-Willebrand-Faktor und seine Funktionen

Der vWF wird von Endothelzellen und Megakaryozyten synthetisiert und zirkuliert im Blutplasma im Komplex mit Faktor VIII, der dadurch vor der Proteolyse geschützt wird. Außerdem verbindet er als Adhäsivprotein Thrombozyten mit der verletzten Gefäßwand und aktiviert die Thrombozyten. vWF bildet im Plasma spontan Multimere, deren Größe unter anderem von der Funktion abhängig ist. Die Konzentration des vWF ist auch abhängig von der Blutgruppe. Bei Menschen mit Blutgruppe 0 werden niedrigere vWFSpiegel im Vergleich zu Personen mit den Blutgruppen A, B oder AB festgestellt.
Es gibt drei Typen des von-Willebrand- Syndroms (VWS): Bei Typ 1, der häufigsten VWS-Ausprägung, liegt vWF in geringerer Menge als normal vor, wodurch es zu leichten Symptomen kommt. Bei Typ 2 ist vWF im Blut vorhanden, aber nicht in ausreichend funktionsfähiger Form. Symptome treten in leichter bis mittelschwerer Ausprägung auf. Bei dem sehr seltenen Typ 3 ist kein vWF im Blut vorhanden und es kommt zur Ausprägung starker Symptome, wie sie auch bei schwerer Hämophilie gesehen werden.

Blutungsneigung ist ein Hinweis auf ein VWS

Hinweise auf das VWS sind die Neigung zu blauen Flecken, häufiges Nasenbluten, bei Frauen besonders starke oder lange Regelblutungen, Nachbluten nach Zahnbehandlungen, Operationen oder einer Entbindung sowie Zahnfleischbluten oder andere Schleimhautblutungen.
Zur ersten Orientierung bei der Diagnose werden die Testung der Blutungszeit oder die Messung der partiellen Thromboplastinzeit verwendet. Die Absicherung der Diagnose erfolgt in der Regel in einem spezialisierten Zentrum. Hier wird der VWFSpiegel bestimmt und es werden funktionelle sowie qualitative Tests durchgeführt.

Die Diagnose ist wichtig, eine Therapie nicht immer nötig

Im Gegensatz zur Hämophilie ist eine Prophylaxe beim VWS Typ 1 selten notwendig. Die Diagnose ist dennoch eine wichtige Information, beispielsweise wenn Operationen oder eine Entbindung anstehen oder für die Notfallbehandlung nach einem Unfall. Für die Therapie können synthetische Vasopressinanaloga oder unterstützend Tranexamsäure eingesetzt werden, bei schwerem VWS (hauptsächlich Typ 2 + 3) bieten sich FVIII-haltige VWF-Konzentrate an. Reine FVIII-Konzentrate sind für die Behandlung des VWS nicht geeignet.
Vasopressinanaloga können die Freisetzung des körpereigenen vWF erhöhen und Tranexamsäure hemmt die körpereigene Auflösung von Blutgerinnseln. Patienten mit schwerer Ausprägung des VWS und einer erhöhten Blutungsneigung sollten auch prophylaktisch behandelt werden, was die regelmäßige, mehrmals wöchentliche intravenöse Applikation von FVIII/ vWF-Konzentraten impliziert. Acetylsalicylsäurehaltige Medikamente sollten bei VWS-Patienten vermieden werden.