Fachthema

Alkoholabhängigkeit und Therapieansätze

Jatros, 07.09.2017

Autor:
Univ.-Prof. Dr. Henriette Walter
E-Mail: henriette.walter@meduniwien.ac.at
Abteilung für Sozialpsychiatrie
Medizinische Universität Wien
Autor:
Dr. Daniel König
E-Mail: daniel.koenig@meduniwien.ac.at

Psychiatrie | Allgemeinmedizin

Sucht hat biologische Grundlagen und wird in der Regel vom sozialen Umfeld erlernt. Einige psychische Störungen prädisponieren zusätzlich für ein Abdriften in die Alkoholsucht. Eine Kombination aus Pharmakotherapie und Psychotherapie kann die Lebenserwartung und -qualität erhöhen.

Bereits in der Kindheit und Jugend bestehen Beziehungen zu Personen, die abhängiges oder süchtiges Verhalten zeigen (Modelllernen). Häufig finden sich auch schwere soziale Störungen in Herkunftsfamilien, oft auch kombiniert mit psychischen Störungen. Allgemeine Kompetenzen zur Alltagsbewältigung fehlen oder sind nur gering vorhanden. Es bestehen Defizite in der Selbstsicherheit und in der Fähigkeit, Beziehungen aufzubauen und zu leben. Eine kritische Einstellung zu Konsumverhalten im Allgemeinen und zum Konsum von Alkohol oder Nikotin ist oft nicht zu erwarten. Wenn es dann zu Krisensituationen kommt (Todesfall, Arbeitsplatzverlust, Wertekrise, Reifungskrise, Schmerzzustände usw.), wird das Suchtmittel als Versuch zur Selbstbehandlung eingesetzt. Außerdem wird Alkohol im Umfeld der Betroffenen oft verharmlost und dient als „Bindemittel“ für eine soziale Bezugsgruppe (Freundeskreis, Familie, Kollegen).
Psychische Störungen, wie etwa Depressionen, Schlafstörungen, Angststörungen etc., können in die Sucht führen. Jeder dieser Faktoren für sich kann schon in die Alkoholabhängigkeit führen. Eine Verbindung mehrerer der genannten Faktoren fördert die Suchtwahrscheinlichkeit enorm. Dennoch ist noch nicht hinreichend bekannt, warum Menschen letztlich süchtig werden oder unter ähnlichen Bedingungen nicht süchtig werden. Der frühestmögliche (und notwendige) Zeitpunkt für Hilfe ist den Süchtigen und ihrer Umwelt oft nicht oder nur vage bekannt. Die Verheimlichung wird oft selbst zum Symptom. Leichtfertige Ausreden verzögern effiziente Hilfe oft um Jahre. Daher sind speziell am Beginn niederschwellige Angebote enorm wichtig (Tab. 1).

Entzug (maximal 2 Wochen)

Die Anwendung von Benzodiazepinen ist international anerkannt, führt jedoch immer wieder zur Entwicklung von kombinierten Süchten (Alkohol plus Benzo­diazepine). Daher widmete sich die Forschung wieder mehr dem Bereich „Alkoholentzug“. Eine deutliche Erleichterung konnte mit der Substanz Gammahydroxybuttersäure, als orale Lösung einzunehmen, gefunden werden. Sie hat keine sedierende Wirkung und löst dennoch die Entzugssymptome. So kann bereits in der Entzugsphase, bei nicht sediertem Zustand, Motivationsarbeit geleistet werden.

Rückfallprophylaxe

Waren es anfangs abstinenzerhaltende Mittel (Disulfiram, Antabus), so kamen Jahrzehnte später Pharmaka auf den Markt, welche die Gier nach Alkohol, das „Craving“, verringern konnten, wie Naltrexon, Nalmefen und Acamprosat (im Handel: ReVia, Selincro und Campral). Diese Medikamente werden heute typenspezifisch eingesetzt (Tab. 2).
In den letzten Jahren bemühte man sich auch um Alkoholreduktion als eigene Therapievariante. Man hatte erkannt, dass nur wenige Patienten eine immerwährende Abstinenz erreichen können und dass es Zeitunterschiede im Reduzieren und Beenden des Konsums gibt. Vor allem aber hatte man erkannt, dass Sucht ein höchst individuelles Phänomen ist. Die Therapie muss daher ebenso individuell gestaltet werden. Und vermutlich stehen wir jetzt an der Schwelle zum nächsten Thema: Substitution bei Alkoholabhängigen. Eine Substanz, die sich dafür eignen würde, ist z.B. Gammahydroxybuttersäure (im Handel als Alcover-Sirup).

Bewältigung einer Alkoholabhängigkeit

Sucht ist eine Erkrankung und braucht eine klare Medikation (Medikamente für den Entzug, dann für die Basisstörung und für die Rückfallprophylaxe). Abhängigkeit ist ein Hilfeschrei bei Defiziten, Leere, Problemen, Konflikten. Das Suchtverhalten ist ein misslungener Selbstbehandlungsversuch, ein Versuch, Probleme zu lösen, sich zu verstecken, seiner Ohnmacht zu entkommen. Die Ambivalenz zwischen dem Wunsch nach erneutem Suchtverhalten und der Abstinenz begleitet die gesamte Heilungsphase und macht sich oft auch noch Jahre danach überraschend bemerkbar. Der zur Bewältigung von jeglicher Sucht notwendige Veränderungsprozess sucht nach Gründen, wofür das Suchtverhalten aufrechterhalten wurde/wird, sucht z.B. nach Lösungen von Beziehungskonflikten, Arbeitsproblemen, nach Symptomreduktion, nach besserer Gestaltung sozialer Probleme, nach Alternativen zur Alkoholabhängigkeit. Eine Verinnerlichung solcher Lösungsstrategien wird angestrebt.

Der Rückfall als Teil des Krankheitsverlaufes

Das ständige Betonen der Vermeidung des Rückfalls trägt mehr zum Rückfall bei als zur Abstinenz (ähnlich wie: „Dieser Flug ist ein Nichtraucherflug“, „Trinken Sie nicht“ oder „Denken Sie nicht an ein rosa Nilpferd“). Gunther Schmid nannte den Rückfall „einen Vorfall, der zeigt, dass noch einiges zu tun ist“. Gemeint ist, dass der Rückfall als etwas Nützliches neu interpretiert werden sollte, aus dem Lernerfahrungen generiert werden können, die zur Bewältigung der Abhängigkeit beitragen. Selbstverantwortung und Selbstkontrolle sollen weiter gefördert werden, da sie jeder Kontrolle von außen vorzuziehen sind.

Psychotherapie von Alkoholabhängigkeit

Meist reicht ambulante Psychotherapie aus. Eine stationäre Psychotherapie sollte dann in Betracht gezogen werden, wenn es keine soziale Unterstützung im Umfeld gibt oder wenn die Partnerin/der Partner selbst abhängig ist. Zahlreiche Rückfallauslöser in der Alltagsumgebung sowie misslungene ambulante Psychotherapien sprechen ebenfalls für eine stationäre Psychotherapie.

Psychotherapie bei Sucht und Abhängigkeit

Es werden zunächst die individuellen Probleme herausgearbeitet und dafür individuelle Behandlungsschritte geplant und durchgeführt.
1. Problemanalyse: In der Problemanalyse wird erarbeitet, warum die Sucht existiert und auch wann und wie sie entstanden ist (Einsicht in die Funktion des Suchtmittels finden).
2. Da der innere Druck groß ist, mit dem Suchtverhalten weiterzumachen, wird zunächst an der Motivation zur Veränderung gearbeitet (Förderung der Veränderungsbereitschaft).
3. Gemeinsames Therapieziel und Schritte zu dessen Erreichung festlegen.
4. Arbeit an den Auslösern, die immer wieder zum Rückfall geführt haben und weiterhin dazu führen werden.
5. Umgang mit der Grundstörung (z.B. Angst) und Aufbau eines positiven Selbstbildes.
In der Psychotherapie soll nicht nur alkoholzentriert gearbeitet werden, sondern es sollen vor allem Probleme und Konflikte bearbeitet werden, die im Zusammenhang mit der Sucht stehen: z.B. Depressionen, Ängste, soziale Isolation, Arbeits- oder Schulprobleme, Freizeitdefizite, Partnerschaftsprobleme, sexuelle Störungen, körperliche oder psychosomatische Erkrankungen, soziale Ängste und weitere psychiatrische Störungen.
Mit diesem kombinierten pharmakotherapeutisch-psychotherapeutischen Ansatz können die Lebenserwartung und -qualität erhöht werden. Rückfälle gehören, wie bei rezidivierenden Depressionen, zum Krankheitsbild. <

Literatur: