Fachthema

Arbeitsgemeinschaft Urogynäkologie und Rekonstruktive Beckenbodenchirurgie

Studienaufrufe: laufende wissenschaftliche Projekte

Jatros, 13.07.2017
Gynäkologie & Geburtshilfe

Im Folgenden dürfen wir Ihnen unsere derzeit laufenden wissenschaftlichen Projekte vorstellen, die klinische Studien, aber auch Grundlagenforschungsprojekte aus dem Bereich der Urogynäkologie und der rekonstruktiven Beckenbodenchirurgie umfassen. Eine Inklusion passender Patientinnen ist über die Urogynäkologische Ambulanz der Universitätsfrauenklinik Wien möglich.

1. Vergleich zwischen Vagina­e­fixatio sacrospinalis und McCall-Kuldoplastik zur Rezidivprophy­laxe im Rahmen einer vaginalen Hysterektomie und Kolporrhaphie zur Behandlung von Becken­or­gan­prolaps: prospektive, ran­domisierte, kontrollierte Studie

Hintergrund

Der Beckenorganprolaps (BOP, Abb. 1) betrifft 25% aller Frauen und geht häufig mit einer deutlichen Einschränkung der Lebensqualität einher. Therapieoptionen umfassen sowohl konservative als auch operative Maßnahmen. Bei fehlendem konservativem Therapieerfolg oder Wunsch nach einer operativen Sanierung kommen verschiedene chirurgische Therapiemöglichkeiten zum Einsatz (am häufigsten in Form einer vaginalen Hysterektomie mit vorderer und/oder hinterer Kolporrhaphie). Die Sakrokolpopexie stellt ebenso eine chirurgische Therapiealternative dar, da eine suffiziente apikale Fixation das Prolapsrezidivrisiko deutlich senken kann.
Zur Vermeidung eines Prolapsrezidivs stehen zwei chirurgische „Hauptmethoden“ zur Verfügung: die sakrospinale Fixation („sacrospinous ligament fixation“ = SLF des Scheiden­apex an das Ligamentum sacrospinale [subjektive Erfolgsrate liegt bei >90%]) und die Kuldoplastik nach McCall (= Ligamenta sacrouterina werden in der Medianen vereinigt und der Scheidenapex hochgezogen, 1957 erstmals von McCall beschrieben). Bis dato existieren keine prospektiven klinischen Studien, welche die Überlegenheit einer OP-Methode in Hinblick auf eine Prolapsrezidivsenkung untersucht haben.

Studienziel

Vergleich des anatomischen Outcomes und Auftreten einer Rezidivsituation nach SLF oder McCall-OP bei Patientinnen, die eine vaginale Hysterektomie im Rahmen einer Deszensus-OP erhalten.

Einschlusskriterien

  • konservatives Therapieversagen (BBT, Pessar)
  • symptomatischer BOP mit Senkung des apikalen Kompartiments
  • geplanter vaginaler Zugang inklusive vaginaler Hysterektomie
  • Alter zwischen 35 und 80 Jahren
  • ausreichende Deutschkenntnisse und Reversfähigkeit

2. Die Einstellung von Frauen mit Beckenorganprolaps zu ihrer Gebärmutter – ein Vergleich zwischen zwei verschiedenen Sprachräumen: prospektive, multizentrische Querschnitt-Fragebogenstudie

Hintergrund

Obwohl sich viele Frauen einer Hysterektomie im Rahmen einer Prolapsoperation unterziehen, weiß man wenig darüber, ob Patientinnen den Erhalt der Gebärmutter oder deren Entfernung präferieren. Aus Studien, die sowohl eine Entfernung als auch den Erhalt des Uterus vergleichen, weiß man heutzutage, dass gebärmuttererhaltende Operationen mit einer geringeren Morbidität verbunden sind. Es wurde berichtet, dass eine Hysterektomie einen möglichen negativen Einfluss auf die sexuelle Funktion, das Körperbild und die sozialen Beziehungen haben könnte. Im Gegensatz hierzu führe ein uteruserhaltender Eingriff zu einer verbesserten sexuellen Funktion und Zufriedenheit. In der Ära der patientenorientierten Gesundheitsversorgung und der rasanten Entwicklung der globalen Integrationsprozesse ist es unerlässlich, die kulturbezogenen Einstellungen der Patientinnen aus verschiedenen Regionen bei der Therapieentscheidung zu verstehen, um herauszufinden, welche Patientinnen von den uteruserhaltenden Eingriffen am besten profitieren könnten.

Studienziel

Ziel der vorliegenden Studie ist es, bei Patientinnen mit Beckenorganprolaps zu erheben, ob es einen Unterschied bezüglich der Einstellung der deutsch- und jener der russischsprachigen Patientinnen zu ihrem Uterus gibt und welche Faktoren die Therapieentscheidung bezüglich gebärmutter­erhaltender versus nicht gebärmutter­erhaltender Operation beeinflussen.

Ablauf

Die deutschsprachigen Patientinnen mit Prolaps werden während der urogynäkologischen Sprechstunden in Österreich (Universitätsfrauenklinik Wien und Graz) und in Deutschland (Baden-Württemberg, Tettnang) rekrutiert. Die russischsprachigen Patientinnen werden an Beckenbodenzentren Zentralrusslands (Moskauer Region), Nordwestrusslands (Sankt Petersburg) sowie Südrusslands (Krasnodar) in die Studie eingebracht. Der Fragebogen besteht aus 5 Domänen und beinhaltet Fragen zur Erhebung der Anamnese, einen auf Russisch und Deutsch validierten Wissensfragebogen, „Benefit of uterus“- und „Benefit of not having uterus“-Skalen sowie Fragen zu Besonderheiten der Sexualfunktion bei Patientinnen mit Genitalprolaps, die die Therapieentscheidung beeinflussen könnten (FSFI). Anschließend werden die Patientinnen gefragt, ob sie eine uteruserhaltende Prolapsoperation oder eine Entfernung der Gebärmutter im Rahmen des Eingriffes präferieren würden.

3. Protein-Biomarker bei überaktiver Blase bei Männern und Frauen: Fall-Kontroll-Studie

Hintergrund

Überaktive Blase (OAB) ist definiert als „Drang mit oder ohne Dranginkontinenz, üblicherweise mit Häufigkeit und Nykturie assoziiert“ (International Continence Society). Die Prävalenz der OAB liegt bei etwa 13% der Frauen und 10–26% der Männer. Die Ätiologie der nicht neurogenen OAB erscheint nach wie vor unklar, wobei davon auszugehen ist, dass neuronale, myogene und inflammatorische Faktoren eine Rolle spielen dürften. Die proteomische Urinanalyse („liquid chromatography“, „mass spectrometry“) ermöglicht einen Überblick über Proteine, die möglicherweise eine Assoziierung zur OAB aufweisen, im Vergleich zu einer gesunden Kontrollgruppe. Die Identifizierung des kompletten Urinproteoms bei Patientinnen und Patienten mit OAB könnte einen weiteren Schritt in Richtung Verständnis der Ätiologie der Erkrankung bedeuten und gleichzeitig neue Therapiemöglichkeiten aufzeigen.

Studienziel

Ziel ist es, ein spezifisches Proteommuster im Urin von Patienten mit OAB im Vergleich zu gesunden Probanden zu identifizieren. Zusätzliche Zielsetzungen beinhalten: Bestimmung endogen zirkulierender hormoneller Parameter aus dem Blut und quantitativen Vergleich dieser Parameter zwischen Fall- und Kontrollgruppe.

4. Lokale präoperative Östrogen­gabe bei postmenopausalen Patientinnen mit Beckenorgan­prolaps: prospektive, randomi­sierte, placebokontrollierte Doppelblindstudie

Hintergrund

Mit steigendem Alter nehmen Inzidenz und Prävalenz des Beckenorganprolaps (BOP) zu, wobei die Menopause ein relevanter Risikofaktor in der Entstehung des Beckenorganprolaps ist. Zahlreiche Studien berichten, dass topische Östrogene in Form von Cremes, Pessaren, Vaginaltabletten etc. eine effektive und sichere Therapie bei Harninkontinenz sowie bei vaginaler Atrophie darstellen. Studien, welche die Wirkung lokaler Östrogene bei BOP untersuchen, sind spärlich und solche, die den Östrogeneinfluss hinsichtlich subjektiver (prolapsspezifische Symptome) und objektiver Verbesserungen evaluieren, fehlen gänzlich.

Studienhypothese

Es kommt zu einer subjektiven Verbesserung von prolapsspezifischen Beschwerden nach präoperativer lokaler Östrogengabe im Vergleich zu präoperativem Placebo bei postmenopausalen Frauen mit BOP.

Einschlusskriterien

  • Postmenopause
  • symptomatischer Beckenorgan­pro-laps
  • geplante Deszensus-OP (Indikation und/oder Wunsch)

Methodik

Patientinnen in der Interventionsgruppe erhalten präoperativ ein vaginal appliziertes Östrogen (Östradiol, Linoladiolcreme) über 6 Wochen: Initialdosis Woche 1: 1 Applikator täglich für eine Woche; Erhaltungsdosis Woche 2: 1 Applikator alle 48 Stunden für eine Woche; Erhaltungsdosis Woche 3 bis Woche 6: 1 Applikator 2x/Woche für 4 Wochen. Patientinnen in der Kontrollgruppe erhalten ein lokales Placebo über 6 Wochen. Die Deszensus-OP erfolgt in beiden Gruppen im Anschluss daran.

5. Die Rolle von Tenascin-X bei physiologischen und pathologischen Veränderungen des weiblichen Beckenbodens: Fall-Kontroll-Studie

Hintergrund

Verschiedene Studien konnten bei Frauen mit Beckenbodenschwäche molekularbiologische/immunhistochemische Veränderungen des Bindegewebes und der Muskulatur des unteren Urogenitaltraktes identifizieren, wobei die Ergebnisse oft unterschiedlich waren. Trotz der epidemiologischen Bedeutung dieser Erkrankung ist das Wissen über die pathophysiologischen Ursachen gering und konnte auch in den letzten Jahren kaum vertieft werden.

Studienziel

Im Rahmen des vorliegenden Projektes werden immunhistochemische und molekularbiologische Parameter des weiblichen Beckenbodens und des unteren Urogenitaltraktes erforscht und deren Bedeutung in der Entstehung von Beckenbodenfunktionsstörungen. Hauptzielvariable ist Tenascin-X, ein 450kDa-Glykoprotein der extrazellulären Matrix, welches Zell-Zell-Interaktionen moduliert. Es ist Bestandteil der extrazellulären Matrix (EZM) von Haut, Sehnen, Muskulatur und Blutgefäßen.

Ablauf

Prospektive, fallkontrollierte, nicht therapeutische medizinische Grundlagenforschung an menschlichem Gewebe, wobei folgende anatomische Strukturen dazu herangezogen werden:

  • PE der Cervix uteri
  • PE des Ligamentum sacrouterinum
  • PE der Vaginalhaut
  • PE des Dammes

Die Patientinnen werden in zwei Gruppen eingeteilt: Frauen mit symptomatischem Beckenorganprolaps, die aus diesem Grund zu einer Deszensusoperation terminiert werden (Gruppe 1 – die Probenentnahmen erfolgen im Rahmen des Routineeingriffes), sowie Alters-, BMI-, Paritäts- und Menopausenstatus-gematchte Frauen ohne Beckenorganprolaps, die aufgrund einer benignen gynäkologischen Erkrankung eine Gebärmutterentfernung benötigen (Gruppe 2 = Kontrollgruppe).

6. Prospektive multizentrische Studie zur Evaluierung der Blasenfunktion vor und nach Chirurgie bei tief infiltrierender Endometriose

Hintergrund

Die häufigsten Lokalisationen der tief infiltrierenden Endometriose beinhalten den Douglas-Raum, die Ligamenta sacrouterina, das Septum rectovaginale und die Vagina. Es hat sich gezeigt, dass beispielsweise das Ligamentum sacrouterinum eine beträchtliche Menge an autonomem Nervengewebe enthält, das eine enge Beziehung zum Plexus hypogastricus inferior hat. Studien weisen darauf hin, dass eine tief infiltrierende Endometriose die Blasenfunktion beeinflusst, auch wenn die Patientinnen präoperativ noch keine Symptome des Harntraktes angeben.

Studienziel

Es soll die Blasenfunktion bei Patientinnen mit tief infiltrierender Endometriose vor und nach der Operation mittels Urodynamik und standardisierter validierter Fragebögen evaluiert werden.

Methodik/Ablauf

Alle Patientinnen mit tief infiltrierender Endometriose, die sich einer Operation zur Entfernung der Endometriose unterziehen, können in die Studie ein­geschlossen werden. Es erfolgt eine ausführliche urodynamische Untersuchung (Uroflowmetrie, Zystomanometrie, Stress­test) vor und drei Monate nach der Operation.

Literatur: