Fachthema

Abklärung und Therapie der Harninkon­tinenz bei multimorbiden älteren Patienten

DAM, 13.07.2017

Autor:
Dr. Helena Talasz
Ö. Landeskrankenhaus Hochzirl-Natters
E-Mail: helena.talasz@tirol-kliniken.at
Allgemeinmedizin | Gynäkologie & Geburtshilfe | Urologie & Andrologie

Die Harninkontinenz gehört noch immer zu den großen Herausforderungen der Altersmedizin. Nicht selten fühlen sich die behandelnden Personen durch die komplexe Situation der multimorbiden älteren Patienten mit ihrer langen Liste an körperlichen und funktionellen Einschränkungen, Krankheits­diagnosen und Medikamenteneinnahmen überfordert. Daher empfehlen nationale und internationale Fachgesellschaften ein definiertes systematisches Vorgehen bei der Abklärung und Therapie.

Die Harninkontinenz sollte heute nicht mehr als Krankheit im eigentlichen Sinne betrachtet werden. Sie ist vielmehr ein Symptom, die komplexe Folge verschiedener zugrunde liegender und sich potenziell gegenseitig verstärkender alters- und krankheitsbedingter Faktoren. Viele davon betreffen nicht direkt den Urogenitaltrakt, können aber dennoch eine Inkontinenz auslösen oder verschlechtern.
Die häufigsten zugrunde liegenden Ursachen und aggravierenden Faktoren können in vier Gruppen zusammengefasst werden:

  • Ursachen im Urogenitalbereich (Harnwegsinfekte, vulvovaginale Schleimhautdystrophien und lokale Infektionen, Beckenbodenschwäche, Stuhlverstopfungen, lumbopelvische Schmerzen u.v.a.)
  • Störungen in der neuronalen Steuerung (Demenzen, Morbus Parkinson, Depressionen, Schlafstörungen, Einnahme von psychotropen Medikamenten, u.v.a.)
  • Altersabhängige Erkrankungen und funktionelle Defizite (Herzinsuffizienz, chronischer Husten, Diabetes mellitus, Mobilitätseinschränkungen, Allgemeinschwäche u.v.a.)
  • Medikamentennebenwirkungen (Tab.)

Ursachensuche mittels Harninkontinenz-Assessment

Mithilfe eines gut geplanten Harninkontinenz-Assessments kann in jeder ärztlichen Praxis oder stationären Einrichtung kosten- und zeiteffizient eine systematische Suche nach möglichen zugrunde liegenden Ursachen begonnen werden. Obwohl ein Harninkontinenz-Assessment je nach den zur Verfügung stehenden Möglichkeiten individuell zusammengestellt werden kann, sollten eine Harnuntersuchung, eine Restharnbestimmung, eine gezielte Anamnese und körperliche Untersuchung immer dabei sein.
Zur Erleichterung der Anamneseerhebung können vorgedruckte Fragebögen und Angaben aus Arztbriefen und Krankendokumentationen verwendet werden. Idealerweise sollten folgende Punkte abgefragt werden: Leidensdruck, Miktionsanamnese (subjektive Beschwerden, Miktionsfrequenz am Tag und in der Nacht, Miktions- und Inkontinenzmengen, Dysurie, Gefühl der inkompletten Entleerung), bisherige Versorgung der Inkontinenz, Trinkanamnese, Stuhlverhalten.
Eine gezielte körperliche Untersuchung mit Inspektion und Palpation der Genitalregion ist vor allem bei Frauen eine unabdingbare Voraussetzung für jedes weitere diagnostische und therapeutische Vorgehen. Dabei können unter anderem Veränderungen der Haut und Schleimhaut, Organsenkungen, Verletzungen oder Narben gefunden werden. Mit einer digitalen vaginalen Palpation können Schmerzen und die Fähigkeit oder Unfähigkeit zu einer korrekten Kontraktion der Beckenbodenmuskeln festgestellt werden. Eine anale Palpation sollte zum Ausschluss von Stuhlimpaktionen im Rektum durchgeführt werden.

Die drei Säulen der Therapie

Ursachen beseitigen

Aus dem Verständnis der Harninkontinenz als Symptom ergibt sich von selbst, dass der wichtigste Therapieansatz in der Behandlung und Beseitigung von zugrunde liegenden Ursachen und aggravierenden Faktoren besteht. Harnwegsinfekte können antibiotisch behandelt werden. Lokale Östrogenmangelzustände und Infektionen bessern sich durch Applikation von Östradiolpräparaten und erregerabhängigen Therapien. Stuhlverstopfungen, Schmerz- und Irritationszustände im kleinen Becken, Prostatahyperplasien und Tumoren müssen zielgerichtet behandelt werden.
Wenn nächtliche Polyurie und Inkontinenzepisoden im Vordergrund der beklagten Symptome stehen, muss die kardiale Situation evaluiert werden. Durch die alters- und krankheitsabhängige Einschränkung der diastolischen Relaxationsfähigkeit des Herzens kann es im Laufe des Tages zur Retention von Flüssigkeit kommen, die in der Nacht wieder ausgeschieden werden muss. Durch die Gabe von niedrig dosierten Diuretika am Morgen, Verordnen von Stützstrümpfen und Ersetzen von Medikamenten, die die Flüssigkeitsretention verstärken können (Kalziumkanalblocker, NSAR, einige Antidiabetika oder Antiepileptika), kann die nächtliche Harnausscheidung verringert werden. Verbesserung der Schlafqualität und noch einmal eine ausreichende Stuhlregulierung können die Symptome noch weiter verbessern.

Drangsymptome lindern

Meistens werden die für die Patienten quälenden Drangsymptome schon durch die Beseitigung der oben angeführten Ursachen gelindert. Weitere Verbesserungen können durch das Anpassen der Flüssigkeitszufuhr, ein Blasentraining mit Blasenentleerung zu bestimmten festgelegten Zeiten und das Erlernen von Drangbeherrschungsmaßnahmen erreicht werden. Das Blasentraining kann medikamentös durch anticholinerg wirksame Präparate unterstützt werden. Allerdings limitieren die häufigen anticholinergen Nebenwirkungen (Mundtrockenheit, Obstipation, Harnverhalt, Sehstörungen, Verschlechterung der kognitiven Situation) oft den Einsatz bei älteren Patienten.

Verschlussmechanismen verbessern

Leider wissen ältere Menschen oft nicht, was sie tun sollen, wenn sie dazu aufgefordert werden, die Beckenbodenmuskeln anzuspannen, um einen Harndrang zu unterdrücken oder einen unfreiwilligen Harnabgang beim Husten zu verhindern. Sie können es aber lernen, wenn sie mit den richtigen Worten dazu angeleitet werden, die vorderen Beckenbodenmuskeln um die Scheide und die Harnröhre bei der Ausatmung zu kontrahieren und hochzuziehen. Dann können durch eine einfache nebenwirkungsfreie Maßnahme nicht nur eine erstaunliche Verbesserung der Blasenentleerung, sondern auch eine Kräftigung der Becken- und Bauchmuskeln erreicht werden.

Literatur: