Thema

11. Österreichischer Infektionskongress

Highlights aus Infektiologie und Tropenmedizin

Jatros, 08.06.2017

Autor:
Dr. Norbert Hasenöhrl
Infektiologie

Einer Tradition folgend, galt ein Symposium des Österreichischen Infektionskongresses auch heuer wieder den Highlights aus Infektiologie, Mikrobiologie und Tropenmedizin. Der Bogen spannte sich von Clostridium difficile über eine neue Pilzspezies bis hin zur Verbreitung des Dengue-Virus in Europa.

Gleich am Anfang des 11. Österreichischen Infektionskongresses befasste sich ein Symposium mit Highlights aus der Forschung und klinischen Praxis.

Infektiologie

Für den Krankheitsverlauf bzw. für die Frage, ob eine Clostridium-difficile-Infektion (CDI) überhaupt ausbricht oder ein asymptomatischer Carrierstatus vorliegt, dürfte die Höhe der Antikörperspiegel gegen Toxin A entscheidend sein. „Andererseits gibt es Daten, die zeigen, dass für das CDI-Rezidivrisiko vor allem Antikörper gegen Toxin B von Bedeutung sind“, erklärte Univ.-Prof. Dr. Günter Weiss, Universitätsklinik für Innere Medizin II, MedUni Innsbruck. Mittels eines monoklo­nalen Antikörpers gegen Toxin B, Bezlo­toxumab, lässt sich das Rezidivrisiko um ca. die Hälfte reduzieren.
Was die Stuhltransplantation angeht, so ist jetzt klar, dass ein tiefgefrorenes Transplantat gleich gut wirkt wie frisch zubereiteter Stuhl – was die Handhabung zweifellos erleichtert.
Eine kleine, praxisnahe Studie zeigte, dass die Rezidivrate nach Stuhltransplantation erheblich höher ist als unter Vancomycin-Tapertherapie. Die Ergebnisse der Letzteren lassen sich eventuell durch Zugabe von Probiotika noch verbessern.
Eine der Möglichkeiten, CDI zu reduzieren, besteht in einer Reduktion der Verwendung von Fluorchinolonen, wie Daten aus Großbritannien nahelegen. Isolationsmaßnahmen bringen relativ wenig.
In Innsbruck erhobene Daten erbrachten den interessanten Befund, dass es möglich ist, in einer Saison zwei Influenzainfektionen hintereinander zu haben (in diesem Fall waren es Kinder, die zunächst eine Influenza A und Wochen später eine Influenza B durchlebten). Eine Kreuz­protektion zwischen Influenza A und B existiert nicht (und auch nicht zwischen A/H1N1 und A/H3N2).
Eine Metaanalyse zeigte, dass die Effektivität der zurzeit verfügbaren Influenzaimpfungen vor allem gegen A/H3N2 relativ schlecht ist (35%, bei älteren Personen sogar nur 24% und saisonabhängig zum Teil noch weniger). Im Gegensatz dazu liegt die Effektivität gegen A/H1N1 und B doch immerhin bei 60−70%.
Eine Studie aus Österreich und Deutschland untersuchte, ob eine topische Applikation von Azithromycin ein Erythema migrans (EM) verhindern kann. Es zeigte sich, dass (beginnend ca. 10 Tage nach Zeckenstich) bei 8 von ca. 500 Patienten unter Placebo ein EM auftrat, aber keines unter Azithromycin.
Eine andere Arbeit evaluierte Personen mit anhaltenden Beschwerden – wie z.B. Arthralgien, muskuloskelettalen Schmerzen, Neuralgien etc. − nach adäquater Therapie einer Lyme-Borreliose (2g Cef­triaxon i.v. durch zwei Wochen). Diese Patienten wurden randomisiert und dann nochmals durch mehrere Wochen entweder mit Doxycyclin, mit Clarithromycin, mit Chloroquin oder mit Placebo behandelt. Es zeigte sich kein zusätzlicher ­Nutzen einer nochmaligen Antibiotika­therapie.

Hygiene und Mikrobiologie

„Als ‚emerging pathogen‘ erweist sich Candida auris“, erklärte Univ.-Prof. Dr. Cornelia Lass-Flörl, Leiterin der Sektion für Hygiene und medizinische Mikrobiologie, MedUni Innsbruck. C. auris ist häufig resistent gegenüber den üblichen gegen Candida eingesetzten Antimykotika. Die Identifikation von C. auris ist schwierig – Verwechslungen mit anderen Candidaspezies, wie C. haemulonii, C. ­famata, C. sake, Rhodotorula glutinis oder Saccharomyces cerevisiae sind möglich und könnten zu inadäquater Therapie führen. In Großbritannien gab es – trotz aggressiver Eindämmungsmaßnahmen − einen Ausbruch auf einer ICU, der 40 Patienten betraf. Eine strikte Isolierung wird empfohlen. An Schlüsselstellen, wie etwa an der Eintrittsstelle venöser Kanülen, wird fallweise auch eine topische Therapie mit Nystatin oder Terbinafin empfohlen.
Manche Menschen haben S. aureus in der Nase, andere nicht. Dies könnte daran liegen, dass eine andere Staphylokokkenart, der koagulasenegative Staphylococcus lugdunensis, S. aureus tötet, wie nun gezeigt wurde. S. lugdunensis erzeugt eine antimikrobiell wirksame Substanz, Lugdu­nin, das S. aureus tötet. Mögliche therapeutische Ansätze werden diskutiert.
Wie lang muss man ein Desinfektionsmittel in die Hände einreiben? Eine neuere Studie zeigte, dass bei alkoholischen Desinfektionsmitteln 30 Sekunden genügen, um die maximale desinfizierende Wirkung zu erreichen.
Die sauerstoffarmen, nekrotischen Kernzonen von Tumoren sind attraktive Umgebungen für anaerobe Bakterien wie Salmonellen, Clostridien und Listerien. Eine experimentelle Immuntherapie verwendete einen Stamm von Salmonella ­typhimurium, der ein Flagellin B aus ­Vibrio vulnificus sezernierte. Die Besiedelung von Mäusen mit diesem Stamm unterdrückte das Wachstum und die Metastasierung von Kolonkarzinomen. Dieser Effekt wird offenbar über Toll-like-Rezeptoren (TLR4 und TLR5) vermittelt. Nach der Besiedelung mit dem gentechnisch veränderten Salmonellenstamm kam es über TLR4-Signalling zur Infiltration einer Vielzahl von Immunzellen (Mono­zyten/Makrophagen und Neutrophile).
Ähnliche Studien laufen auch mit Clostridienstämmen. Allerdings werden diese Versuche zum Teil auch sehr kritisch gesehen – Mutationen in vivo mit anschließenden schweren Clostridieninfektionen bei Probanden sind beschrieben.
Die Ausbreitung genetischen Materials zwischen Bakterien findet u.a. mittels Viren statt. Dabei scheint die Aktivität der in bestimmten gramnegativen Bakterien vorhandenen Viren, die letztlich zum horizontalen Gentransfer führen, stark von der Immunreaktion des Wirts auf die Bakterien abzuhängen – je stärker die Immunreaktion, desto stärker auch der horizontale Gentransfer.
Neu ist die Erkenntnis, dass – zumindest im Mausmodell – auch Pilze von Bakterien zum Gentransfer genützt werden. Dieser Austausch findet vor allem in der Außenschicht von Pilzhyphen statt. Humane Daten zur Beurteilung dieser Problematik fehlen derzeit noch.

Tropenmedizin

Reisetätigkeit, aber auch Flucht und Mi­gration haben die tropenmedizinische Epidemiologie beeinflusst. Europa hat allerdings, entgegen manchen Wahrnehmungen, nur 4% der weltweiten Flucht- und Migrationsbewegungen zu tragen.
„Antibiotikaresistenzen sind nicht nur ein Problem der Industrieländer, sondern sie finden sich auch in Ländern, wie etwa Ruanda, wo man das vielleicht gar nicht erwarten würde“, erklärte Univ.-Prof. Dr. Erich Schmutzhard, Neuro-Intensivstation, Universitätsklinik für Neurologie, MedUni Innsbruck. Diese Resistenzraten müssen bei Patienten, die nach Aufenthalten in diesen Ländern oder auch bereits dort krank werden, unbedingt berücksichtigt werden.
Invasive Meningokokkenerkrankungen sind in der EU seit Anfang des Jahrtausends von 1,88/100 000/Jahr (1999) auf 0,52/100 000/Jahr (2015) zurückgegangen.
In Europa und Australien sind vor allem die Serotypen B und C heimisch, während in Afrika A und W135, seltener auch C und X vorkommen, in Asien vor allem A und C, in Nordamerika sowie im tropischen Teil Südamerikas B, C und Y, in den gemäßigten Regionen Südamerikas eher B, C und W135.
Im Jahr 2008 wurde mit Hilfe der „Bill and Melinda Gates Foundation“ ein Meningokokkenimpfprogramm (gegen Serotyp A) in Burkina Faso, Mali und Niger gestartet und begeistert akzeptiert. Innerhalb eines einzigen Monats wurden fast 20 Millionen Menschen zwischen 1 und 29 Jahren geimpft, und die folgende Epidemiesaison zeigte ein drastisches Absinken der Zahl der Meningitisfälle durch Meningokokken Serotyp A. Bis 2014 wurden in 15 Ländern mehr als 217 Millionen Afrikaner geimpft. Die Impfung erwies sich als sicher und Herdenimmunitäts generierend, sodass die Meningokokkenmeningitis Gruppe A in den geimpften Ländern nahezu eliminiert werden konnte.
Allerdings ist nun in Afrika ein Anstieg der Meningokokken-Serotypen C, W135, X und Y zu verzeichnen. Ein polyvalenter, für diese Länder leistbarer Impfstoff, um auch diese Serotypen zu eliminieren, wäre dringend erforderlich. „Weiters muss auch die Surveillance besser werden“, forderte Schmutzhard.
Eine Arbeit aus Äthiopien zeigte, dass die Gabe von Dexamethason bei noch unbestätigter bakterieller Meningitis die Mortalität und die Zahl der ungünstigen Outcomes deutlich erhöht und daher – jedenfalls in Ländern mit wenig Ressourcen – vermieden werden sollte.
Multiresistente Tuberkulosestämme sind in Österreich derzeit ein importiertes Problem – 100% aller MDR-Tuberkulosen sind bei Migranten aufgetreten. In der Frühdiagnostik einer disseminierten Tbc bei HIV-Patienten sollte die Augenuntersuchung nicht vernachlässigt werden.
Bestimmte virale Infektionen, die früher nur in den Tropen vorkamen, sind nun bereits in Europa heimisch. So hat sich z.B. das Dengue-Virus, zusammen mit seinem Vektor, Aedes albopictus, bereits in einigen Départements im südöstlichen Frankreich etabliert, weiters auch auf Korsika. Dengue-Fälle wurden aber aufgrund von Reisetätigkeit in ganz Frankreich beschrieben.

Quelle:
„Highlights aus Infektiologie und Tropenmedizin 2017“, Symposium 2 des 11. Österreichischen Infektionskongresses, 30. März 2017, Saalfelden