Fachthema

Wenn gesund essen krank macht

Leading Opinions, 04.05.2017

Autor:
Dr. med. Felicitas Witte
Psychiatrie

Ob Orthorexie als Krankheit gilt, ist umstritten. Klar ist: Ein zwanghaft gesundes Essverhalten kann Beziehungen zerstören und zu Mangelerscheinungen führen. Helfen können dabei Psychoedukation und Psychotherapie.

Bananen isst sie nicht, denn die enthalten zu viel Fett. Sie brät ihr Gemüse ohne Öl, denn Öl mache krank, sagt die Frau. Sie trinkt fast nur Wasser, aber das auch nur kurz nach einer Mahlzeit, denn zwischendurch oder beim Essen sei das ja ungesund. Ein solches Essverhalten wird als Orthorexie bezeichnet: Die Betroffenen halten sich zwanghaft an «gesunde» Essroutinen und selbst aufgestellte Ernährungsregeln. «Ich sehe immer mehr Menschen mit so einem Essverhalten», sagt Prof. Gregor Hasler, Chefarzt an der Uniklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universitären Psychiatrischen Dienste (UPD) in Bern. «Wir sind uns zwar nicht einig, ob das als Krankheit gilt, aber klar ist: Eine übermässige Beschäftigung mit Ernährung und Gesundheit kann zu psychischen und körperlichen Problemen führen.»

33,3% der Frauen und 24,8% der Männer zeigen hierzulande ein orthorektisches Verhalten.1 Den Begriff prägte der US-amerikanische Arzt Steven Bratman.2 Meist haben die Betroffenen primär nicht den Wunsch, Gewicht zu verlieren. Sie haben vielmehr Angst, krank zu werden, oder möchten nach bestimmten ethisch-moralischen Werten leben. Die Forschung habe bisher aber wenige klare Aussagen machen können, was gesund sei, sagt Hasler, abgesehen von zu vielen Kalorien. «Dieses Unwissen spiegelt sich darin, dass die Vorstellungen zur gesunden Ernährung Moden unterworfen sind», erzählt er. «Einmal ist der Zucker schuld, dann der Fettgehalt, dann das Cholesterin. Diese Annahmen entbehren aber einer soliden wissenschaftlichen Grundlage. Die Angst wird von der Agrar- und Nahrungsmittelindustrie kräftig unterstützt.»

Er halte Orthorexie bei einigen Menschen schon für krankhaft, sagt Prof. Ulrich Voderholzer, Ärztlicher Direktor und Chefarzt der Schön Klinik Roseneck in Prien am Chiemsee. Oft beginnt es damit, dass die Betroffenen Angst haben, durch ungesunde Ernährung krank zu werden. Viele ernähren sich deshalb vegetarisch oder vegan und reduzieren immer mehr die Menge an «ungesunden» Nahrungsmitteln, etwa stärkehaltigen Produkten oder Fett. Im weiteren Verlauf kann sich dann eine Anorexie entwickeln. «Die Betroffenen wollen nicht nur wenig essen, sondern haben auch ausgefeilte Theorien, was ihnen guttut und was nicht», berichtet Hasler. Eine Patientin habe ihm einmal erzählt, sie sei gegen alle Lebensmittel allergisch, bis auf Gummibärchen und Quark. Etwa 30% der Patienten mit Anorexie oder Bulimie, schätzt Voderholzer, zeigen ein ausgeprägtes orthorektisches Essverhalten. Doch auch unabhängig von Essstörungen sei Orthorexie ein zunehmendes Problem, sagt der Psychiater. «Viele Menschen sind durch die Angst machenden Medienberichte verunsichert, was gesund ist und was nicht. Die Fixierung auf eine vermeintlich richtige und gesunde Ernährung ist Ausdruck dafür, dass die Leute in einer Welt des Nahrungsüberflusses und zu vieler Informationen überfordert sind.» Häufig wollen Orthorektiker andere Leute davon überzeugen, dass ihre Ernährung die richtige sei. «Das kann Beziehungen enorm belasten», erzählt Voderholzer. Unkompliziert mit jemandem zu essen, sei ein wichtiger Faktor in einer gesunden und stabilen Beziehung. «An rigiden Ernährungsgewohnheiten ist schon so manche Freundschaft oder Partnerschaft zerbrochen.»

Orthorektisches Verhalten kann man mithilfe des Bratman-Tests, bestehend aus 10 Fragen, erkennen.3 «Ich halte von dem Test nicht so viel», sagt jedoch Voderholzer, «er bescheinigt vielen, die keine Orthorektiker sind, ein orthorektisches Verhalten.» So wären in der Umfrage vom BAG mit anderen Kriterien «nur» 19% der Frauen beziehungsweise 12,1% der Männer orthorektisch. «Auch wenn der Bratman-Test die Häufigkeit vielleicht etwas überschätzt, kann man damit aber das Ausmass des Problems abschätzen», sagt Hasler. Der Fragebogen solle aber natürlich nicht die gründliche klinische Untersuchung und die Anamneseerhebung ersetzen. «Wichtig ist, die Gesundheitssorgen im biografischen, medizinischen, kulturellen und sozialen Kontext zu sehen – dafür müssen wir uns Zeit nehmen.»

Ob man Orthorexie behandeln muss, kommt auf den Einzelfall an. «Man sollte nur dann dem Betroffenen zu einer Therapie raten, wenn negative Folgen psychischer oder körperlicher Art eintreten», sagt Voderholzer. Wie bei allen Essstörungen ist die Psychotherapie die Therapie der Wahl. Die Betroffenen sollen zum einen ein normales Essverhalten mit einer normalen Mahlzeitenstruktur und einer ausgewogenen Ernährung lernen. Auf der anderen Seite sollte sich der Orthorektiker damit auseinandersetzen, was sein Essverhalten ausgelöst haben könnte, damit er den Zusammenhang zwischen negativen Gefühlen und Essverhalten versteht. Wichtig sei vor der Therapie, allfällige Allergien oder Unverträglichkeiten abzuklären, sagt Hasler. «Hat jemand Angst, er könne eine Nahrungsmittelallergie haben, muss man das ernst nehmen und vom Allergologen testen lassen.» Erst wenn sicher sei, dass keine organische Störung vorliege, könne man die Ängste angehen.

Hasler setzt auf Psychoedukation, also darauf, den Betroffenen aufzuklären, was gesundes Essen bedeutet. «Wir versuchen, das Vertrauen in die Nahrung und in die Verdauung zu stärken – und damit das Vertrauen in den eigenen Körper.» In weiteren Sitzungen hilft er den Betroffenen, den rein körperlichen und individualistischen Blick auf die Ernährung zu erweitern. «Sie sind sich oft nicht bewusst, dass das gemeinsame Essen ein wichtiges Element des Soziallebens und des sozialen Zusammenhalts ist.» Als Beispiel erzählt Hasler den Betroffenen gerne vom gemeinsamen Fondue-Topf: Dabei geht es weniger ums Essen, sondern vor allem um ein Miteinander. «Glauben jetzt immer mehr Menschen, Laktose nicht zu vertragen, durch Käsemikroben befallen zu werden oder dass Käse und Brot ungesund sind, wird bald ein ungezwungener Fondue-Plausch nicht mehr möglich sein», sagt Hasler. «Das fände ich extrem schade.»

Literatur: