Fachthema

Selbstmanagement bei COPD

Der Patient als Experte seiner chronischen Erkrankung

Jatros, 23.03.2017

Autor:
OÄ Dr. Irmgard Homeier
2. Interne Lungenabteilung, Otto-Wagner-Spital
E-Mail: irmgard.homeier@wienkav.at

Pneumologie

Während in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts Patienten vom Arzt therapiert wurden, gilt es mit der wachsenden Zahl von Patienten mit einer oder mehreren chronischen Erkrankungen, diese zu schulen, um als aktive Partner eine bestmögliche Krankheitsbewältigung zu erwirken. Dem Patienten soll Wissen vermittelt, aber auch ein neues Bewältigungsverhalten ermöglicht werden: der Patient als „Fachmann für die Auswirkungen der chronischen Erkrankung auf sein Leben“.

Patientenschulung

Unter therapeutischer Patientenschulung versteht man den Einsatz von wissenschaftlich überprüften Schulungsprogrammen, die sich durch ein strukturiertes Vorgehen und Maßnahmen auszeichnen, die chronisch Kranke in die Lage versetzen, ihre Krankheit und damit verbundene Belastungen eigenständiger und eigenverantwortlicher zu bewältigen und zu managen. Therapeutische Patientenschulung bedeutet also nicht einfache Wissensvermittlung, sondern ist ein Prozess, in dem es vor allem um das auf die Einzelperson abgestimmte Aneignen von Fähigkeiten geht, die Selbstkontrolle und das Selbstmanagement im Rahmen einer chronischen Erkrankung ermöglichen. Es handelt sich um eine Schulung, die von Ärzten und Fachpersonen, welche in der „Schulung von Patienten“ ausgebildet sind, durchgeführt wird.1, 2

Definition „Selbstmanagement“

Als Selbstmanagement wird die Fähigkeit bezeichnet, nicht nur mit den Symptomen und der Behandlung umgehen zu können, sondern auch mit den körperlichen und psychosozialen Folgen sowie den Auswirkungen auf die Lebensführung. Der Erfolg eines Schulungsprogramms hängt von der Lernfähigkeit, der Motivation und der Selbstkompetenz des Patienten ab.

Selbstkompetenz („self-efficacy“)

J. Bourbeau definiert Selbstkompetenz als persönlichen Glauben an und Zuversicht in die eigene Fähigkeit, die für spezielle Situationen notwendigen Maßnahmen umsetzen zu können.3

Selbstmanagement bei COPD

Bis 2015 gab es keine universell akzeptierte Definition von Selbstmanagement und der Begriff wurde in Publikationen teilweise sehr locker verwendet. Häufig war damit Schulung („education“) in Form von Informationsweitergabe gemeint. Information allein beeinflusst aber das Verhalten der Patienten nicht.4

Im Mai 2014 startete eine Gruppe mit insgesamt 29 namhaften Experten für COPD ein Projekt zur Definition von Selbstmanagement mittels des Delphi-Verfahrens. Dabei wurden Grundvoraussetzungen erhoben und eine theoretische, allgemein gültige Definition dafür erzielt, was eine COPD-Selbstmanagement-Intervention ist:5 Die Intervention soll strukturiert, aber personalisiert sein und aus vielen verschiedenen Komponenten bestehen. Es gilt, Patienten zu motivieren, ihr Engagement zu fördern und sie zu unterstützen, ihre Verhaltensweise positiv zu verändern und Fähigkeiten zu entwickeln, um mit ihrer Erkrankung besser umgehen zu können.

Oberste Ziele des Selbstmanagements:

  • Optimieren und Erhalten der körperlichen Gesundheit;
  • Reduktion der Symptome und funktionellen Beeinträchtigungen im täglichen Leben mit Steigerung des psychischen und sozialen Wohlbefindens sowie der Lebensqualität;
  • Etablieren von Partnerschaften (Allianzen) mit Familie, Freunden, Gesellschaft.

Die patientenzentrierten Maßnahmen sollen auf folgende Themen fokussiert sein:

  • Identifikation von Bedürfnissen, Gesundheitsglaube, Fördern der intrinsischen Motivation;
  • Festlegen persönlicher Ziele;
  • Formulieren geeigneter Strategien (z.B. Exazerbationsmanagement), um diese Ziele zu erreichen. Auch gilt es, diese Strategien zu überprüfen und erforderlichenfalls zu adaptieren (Tab. 1).
  • Zur Erhöhung der Motivation, des Selbstvertrauens und der Selbstkompetenz sollen verhaltenstherapeutische Interventionen angewendet werden.
  • Diese Strategien werden allerdings nur dann umgesetzt, wenn sich der Betroffene dazu in der Lage sieht und auch ein Benefit für ihn zu erwarten ist. Die dafür erforderlichen Kompetenzen („skills“) sind in Tabelle 2 aufgelistet (nach Lorig KR6).

COPD-Selbstmanagement: Was bringt es?

Im März 2014 wurde das zweite Update des Cochrane Reviews „Self management for patients with chronic obstructive pulmonary disease“ publiziert.7 Die Ergebnisse zeigen, dass Selbstmanagement sowohl zu einer Verbesserung der gesundheitsbezogenen Lebensqualität als auch zu einer Verringerung der Spitalsaufnahmen aufgrund von Atemwegsproblemen geführt hat (Tab. 3).
Verschiedene Schulungsmodelle:

  • COBRA – ambulantes Schulungsprogramm für Patienten mit chronisch obstruktiver Bronchitis mit und ohne Emphysem (Deutsche Atemwegsliga)9
  • Patientenschulung COPD: „Chronische Bronchitis und Lungenemphysem nach dem Bad Reichenhaller Modell“10
  • Therapeutische Patientenschulung und Selbstmanagement: „Ein Leitfaden für das Projekt Leben mit einer Langzeiterkrankung LEILA der städtischen Gesundheitsdienste der Stadt Zürich“1
  • Schulungsmodell für chronische Bronchitis und Emphysem der Österreichischen Gesellschaft für Pneumologie
  • „Living well with COPD“: Das Programm beruht auf einer erfolgreichen öffentlich-privaten Partnerschaft zwischen dem Montreal Chest Institute der McGill University Health Centre, dem Fonds de la recherche en santé du Québec, dem Respiratory Health Network, Boehringer Ingelheim Kanada, Pfizer Kanada, GlaxoSmithKline, Zeneca, Novartis und der kanadischen Lung Association.

Zusammenfassung

Wirksames Selbstmanagement zielt darauf ab, Verantwortung für die eigene Gesundheit zu übernehmen. Es umfasst die Fähigkeit, den eigenen Zustand zu überwachen und die kognitiven, verhaltenstechnischen und emotionalen Reaktionen, die für die Aufrechterhaltung einer zufriedenstellenden Lebensqualität nötig sind, zu bewirken.2 Es führt sowohl zur Verbesserung der Lebensqualität als auch zur Reduktion von Spitalsaufenthalten.7 Allerdings gilt es auch zu berücksichtigen, dass aufgrund des nötigen Ausmaßes an Gesundheitskompetenz nicht jeder Patient in der Lage ist, gesundheitsrelevante Entscheidungen zu treffen, beziehungsweise nicht jeder Patient dies auch möchte. Auch wenn sich ein Patient dazu entscheidet, kein gesundheitsförderndes Verhalten anzunehmen, ist dies eine Form des Umganges mit der Erkrankung.

Literatur: